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Hier liegen die Risiken von hohen Staatsschulden

Setzt die finanzielle Abwärtsspirale einmal ein, lässt sie sich kaum aufhalten - wie beispielsweise in Griechenland. Keystone / Yorgos Karahalis

Die Coronakrise und die Negativzinsen verleiten zum staatlichen Schuldenmachen. Wie viel Schulden zu viel sind, das weiss niemand. Sicher ist: Die Folgen einer Staatsschuldenkrise sind verheerend.

Dieser Inhalt wurde am 03. Februar 2021 - 09:00 publiziert
Fabio Canetg

Plötzlich kann es schnell gehen. Auf seinen Staatsschulden zahlte der griechische Staat zu Beginn der 2000er-Jahre weniger als 5 Prozent Zinsen. Für den notorischen Bankrottgeher war das praktisch nichts. Griechenlands Finanzminister war im fiskalischen Wunderland.

Bis er es nicht mehr war.

2009 kamen die Gerüchte: Gefälschte Statistiken, Korruption, Misswirtschaft. Die Banken begannen zu zweifeln, ob Griechenland seine Staatsschulden zurückzahlen kann. Neues Geld gab es fortan nur noch zu horrenden Preisen. Die Zinsen stiegen auf 30 Prozent.

Das beunruhigende daran: Auf den Finanzmärkten gab es dafür kein Warnsignal.

Die Krise kommt aus dem Nichts

Auch bei den Schweizer Bundesanleihen gibt es keine Anzeichen für einen nahenden Staatsbankrott. SP-Finanzpolitikerin Céline Widmer und Wirtschaftsprofessor Lorenz Kueng fordern deshalb, wie viele andere, dass der Bundesrat grosszügiger Geld verteilen sollte.

Geschlossene Kleintheater, Yoga-Studios und Fitness-Center könnten so erhalten werden. Und das gratis, weil die Staatsschulden dank Negativzinsen nicht zurückbezahlt werden müssen. Die Schweiz könne sich aus den Schulden herauswachsen, so die Argumentation.

Das funktioniert aber nur, wenn alles glatt läuft. Doch das ist nicht garantiert.

Beim Ausbruch der Schuldenkrise von 2009 war Griechenland gemäss Internationalem WährungsfondsExterner Link mit 127 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet. Davon ist die Schweiz weit entfernt. Der hiesige Schuldenstand beträgt aktuell nur rund 49 Prozent des Bruttoinlandprodukts.

Das schützt aber nicht vor Problemen. Schuldenkrisen entstehen nämlich aus dem Nichts. Das zeigt die ForschungExterner Link des Ökonomen Juan Pablo Nicolini von der amerikanischen Notenbank Fed. Setzt sich erst einmal die Ansicht durch, dass es nun zu viel des Guten sei, fällt das Kartenhaus zusammen.

Hier lauert das Risiko

Der Grund: Die Staaten begleichen ihre auslaufenden Schulden mit neuen Schulden. Allein dafür muss die Schweizerische Eidgenossenschaft in den nächsten zehn Jahren über 40 Milliarden Franken auftreiben.

Momentan lohnt sich das. Der Schweizer Finanzminister Ueli Maurer kann die fälligen, teuren Schulden mit neuen, günstigen Schulden ersetzen. Ebenso kann er das Corona-Defizit von 2021 – erwartet werden rund 15 Milliarden Franken – äusserst billig finanzieren.

Wenn die Gläubiger ihren Glauben an die Zahlungsfähigkeit der Schweiz aber verlieren, steigen die Zinsen. Vielleicht nur ein bisschen. Vielleicht aber auch stark.

Dann gibt es nur noch drei Optionen.

Erstens: Den Gürtel enger schnallen. Verteidigungsministerin Viola Amherd könnte die Beschaffung der Kampfflugzeuge aussetzen. Das würde dem Kollegen Maurer erlauben, die fälligen Schulden mit Steuergeldern zu tilgen. So umginge er die hohen Zinsen, die er auf dem Markt für neues Geld bezahlen müsste.

Kollabierende Banken sind der Super-GAU

Das stürzt die Wirtschaft aber in eine Krise. In Griechenland wurden aufgrund der staatlichen Sparpolitik der 2010er-Jahre über eine Million Menschen arbeitslos. Das zerstört nicht nur Existenzen, sondern auch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes.

Zweitens kann ein Staat die Rückzahlung seiner Schulden aussetzen. Das hat Argentinien im letzten Jahr gemacht. Eine solche Zechprellerei ist aber heikel. Sie führt nämlich zu hohen Verlusten bei den Banken. Gehen die Banken Konkurs, kommt die Wirtschaft zum Stillstand.

Die hochriskante Strategie

Drittens kann die Notenbank die Staatsschulden mit neu gedrucktem Geld begleichen. So geschehen in Deutschland 1923. Als Folge verlor die Reichsmark innerhalb weniger Monate ihren gesamten Wert. Das hart erarbeitete Geld wurde im Ofen verfeuert.

In vielen Ländern darf die Notenbank deshalb nicht zur Schuldentilgung eingesetzt werden. Allerdings ist umstritten, wo genau die Grenzen liegt zwischen "Verboten" und "Erlaubt".

Bestes Beispiel dafür ist die Europäische Zentralbank (EZB). Auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise versprach der damalige EZB-Präsident Draghi, nötigenfalls unlimitiert Staatsanleihen zu kaufen.

"Die EZB wird alles tun, um den Euro zu erhalten."

- Mario Draghi, ehemaliger EZB-Präsident 2012

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Mit dieser Ankündigung verpflichtete sich die EZB, das Verlustrisiko auf den griechischen Staatsanleihen zu tragen. Das beruhigte die Anlegerinnen. Das Vertrauen kehrte zurück, die Zinsen sanken. Draghi beendete die Staatsschuldenkrise mit einem einzigen Satz.

Fast wäre die Notenpresse heissgelaufen

Doch das Risiko war enorm. Im schlimmsten Fall hätte die EZB unlimitiert Euros drucken müssen, um ihr Versprechen zu halten. Damit hätte sie Tür und Tor geöffnet für eine deutlich höhere Inflation. Das hätte die Ersparnisse der griechischen Fischerin gleichermassen zerstört, wie die des deutschen Autohändlers.

Die Praxis hält sich nicht immer ans Drehbuch. Schuldenkrisen kommen aus dem Nichts und enden mit Sparprogrammen, einem Staatsbankrott oder einer Geldentwertung.

Auch für die Schweiz gilt: Plötzlich kann es schnell gehen.

Autor Fabio CanetgExterner Link hat an der Universität Bern und an der Toulouse School of Economics zum Thema Geld­politik doktoriert. Heute ist er Dozent an der Universität Neuenburg. Als freischaffender Journalist schreibt er für SWI swissinfo.ch und die Republik. Er moderiert den Geldpolitik-Podcast "Geldcast".

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