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"Wie ein Stück Berlin, das in Zürichs Agglomeration gefallen ist"

Joris Van Wezemael. swissinfo.ch

Der Raum Zürich boomt, in der Stadt und den Agglomerationen wird gebaut wie verrückt. Der Planungswissenschaftler und Experte für urbane Transformationen Joris Van Wezemael zeigt uns bei einem Spaziergang die drei Phasen der Schweizer Raumplanung.

Dieser Inhalt wurde am 25. August 2020 - 14:34 publiziert

Wir treffen Joris Van Wezemael in Leutschenbach im Norden Zürichs. Genauer: Zwischen Häuserschluchten beim Credit Suisse-Hochhaus an der Thurgauerstrasse.

Der Wind bläst uns die Haare um die Ohren. "Das ist wegen des Hochhauses", erklärt Van Wezemael. Der sogenannte Düseneffekt von Hochhäusern werde erst seit Kurzem bei Planungen mitberücksichtigt.

Joris Van Wezemael

Joris Van Wezemael wurde 1973 in Luzern geboren und ist ein schweizerisch-belgischer Wirtschaftsgeograf, Planungswissenschaftler und Architektursoziologe. Zwischen 2009 und 2012 war er als Extraordinarius für Stadtgeographie und Raumentwicklung am Departement für Geowissenschaften der Universität Freiburg i.Ü. tätig. Seit 2009 unterrichtet er Architektursoziologie und urbane Transformation an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. 2019 wurde er zum Co-Leiter der Spatial Transformation Laboratories STL der ETH Zürich berufen. Von 2012 bis 2018 war er hauptberuflich als Portfoliomanager beim Immobilien-Investmentmanager Pensimo tätig. 2019 gründete er mit Partnern die IVO InnenentwicklungExterner Link AG in Luzern und Zürich, ein auf räumliche Transformationen spezialisiertes Raumentwicklungsbüro.

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Die Raumplanung hat sich im Laufe der Geschichte stark gewandelt. Zuerst baute man einfach auf der grünen Wiese. Bau- und Nicht-Bau-Gebiet wurde kaum unterschieden.

Ab den 1960er-Jahren wurde die Schweiz dann vermessen. "Man hat in typisch helvetischer Art jeden Quadratzentimeter einer Nutzung zugeordnet, also in Bauland, Landwirtschaftsland oder Schutzzone", sagt Van Wezemael. "Man fokussierte bei der Planung stark auf das Objekt, legte Grenzabstände und Ausnutzungsziffern fest." Das war die erste Generation der Schweizer Raumplanung.

Attraktive Standorte plötzlich frei

Die moderne Überbauung, in deren Innenhof wir nun stehen, ist aber ein Beispiel für die zweite Generation der Schweizer Raumplanung: In dieser Phase überbaute man ehemalige Industriegebiete mit Wohn- und Bürohäusern.

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"In den 1980er-Jahren lagerten viele Industriebetriebe wegen des wirtschaftlichen Strukturwandels und der ersten Welle der Digitalisierung ihre Produktionsanlagen nach Südostasien, später nach Osteuropa oder Südamerika aus", erklärt Van Wezemael. "Einige der dadurch freiwerdenden Flächen lagen an zentralen Orten in den Städten." Ursprünglich hatte man die Industriezonen wegen der Emissionen an den Stadtrand gelegt. Weil die Stadt in der Zwischenzeit aber rundherum gewachsen war, lagen die Areale nun an attraktiven Standorten.

Gerade deshalb gab es um die Entwicklung dieser Gebiete anfangs viel Streit. "Die Stadt wollte nur Wohnungen, der Eigentümer nur Büros", fasst Van Wezemael den Konflikt der 1980er- und 1990er-Jahre zusammen.

Das Ergebnis dieser Auseinandersetzungen sei gewesen, dass man ein wichtiges Planungsprinzip der ersten Generation durchbrochen habe, nämlich dass der Staat Regeln vorgibt und die Privaten operativ umsetzen. Stattdessen wird verhandelt: "Der Staat sitzt mit den Bauherren, den Investoren und Eigentümern an einen runden Tisch und bricht das Tabu, dass die Planung in einer staatlichen und dann einer privaten Phase abläuft." So entstand die heute zum Standardrepertoire gehörende kooperative Planung.

Eine zuweilen langwierige und teure Angelegenheit, wie Sie in diesem Artikel erfahren können:

Manhattan neben Agglo-Tristesse

Das hatte zur Folge, dass in der zweiten Generation der Raumplanung zunehmend homogene Areale entstanden. "Es entstehen gute Lösungen, aber mit sehr harten Grenzen gegen aussen", sagt Van Wezemael. "Das steht heute wieder in der Kritik, denn man fragt sich, was das mit Stadt zu tun hat? Es folgt ein Areal unverbunden auf das andere." Oft habe man gerade bei guten Beispielen das Gefühl, es sei ein Stück Berlin mitten in die Zürcher Agglomeration gefallen.

"Wie hier, schauen Sie!", sagt Van Wezemael und deutet auf den modernen Büroturm an der Thurgauerstrasse. "Das könnte New York City sein oder La Défense in Paris. Aber wenn Sie aus dieser Strassenschlucht heraustreten, stehen Sie in einer anderen Welt."

Er führt uns zur Andreasstrasse, einem Velo- und Fussweg entlang eines Baches. Tatsächlich ist das nächste Gebäude ein Parkhaus; daneben steht ein Autogrill mit grell bemalten Plastik-Bartischen. "Sowas sieht man normalerweise in der Agglomeration", sagt Van Wezemael.

Wir spazieren weiter am Bach entlang, werden von Velofahrern und Inlineskatern überholt. Direkt nach einer eleganten Wohnüberbauung folgt ein wenig origineller Wohnblock mit Loch-Fenster-Fassade. "Nur zweihundert Meter von 'Manhattan' sind wir in der Agglo-Tristesse", kommentiert Van Wezemael.

Die Grünflächen und der Basketballplatz sind leer, auf dem Spielplatz befinden sich gerade mal eine Mutter mit Kleinkind und Säugling. Die hippen Sitzflächen aus Holz sind bereits am Vermodern und teilweise eingebrochen.

Einige Meter weiter steht eine weitere Wohnüberbauung. Sie wirkt neu, teuer und trägt den Namen "Andreaspark3". Der eingezäunte Spielplatz in der Mitte der Überbauung ist ebenfalls leer. Aber nicht, weil die Anlage vernachlässigt aussieht, ganz im Gegenteil. Die düstere Siedlung sieht eher so aus, als ob eher Singles und Doppelverdiener als Familien mit Kleinkindern hier wohnen.

Von Quartier zu Quartier stolpern

Wir überqueren den Leutschenbach und stehen unerwartet neben einer Wildblumenwiese, die mehrere sehr verschieden aussehende Wohnhäuser umgibt. An manchen Fassaden hängen politische Banner, die auf eine eher linke Gesinnung der Bewohner schliessen lassen. Wir befinden uns in der Genossenschaftssiedlung "Mehr als Wohnen", über die wir bereits berichtet haben:

Der Kontrast zum bisher Gesehenen ist enorm: Hier spielen Kinder in den Gassen, vor manchen Häusern wurden Gemüsebeete angelegt und in der Mitte der Siedlung gibt es einen Platz mit Stühlen, auf denen man verweilen darf.

"Es gibt null städtischen Zusammenhang. Man stolpert von Quartier zu Quartier", fasst Van Wezemael unseren Spaziergang bis jetzt zusammen.

Innenentwicklung vor Aussenentwicklung

Nun möchte uns Van Wezemael die dritte Generation der Schweizer Raumplanung demonstrieren. Dafür setzen wir uns in ein Auto und fahren in die Zürcher Agglomeration, in die Gemeinde Winkel.

Unterwegs erklärt uns Van Wezemael, dass es bei der dritten Generation darum gehe, in bereits gebauten Quartieren Transformationen zu machen. Das neue Raumplanungsgesetz verlange Innenentwicklung vor Aussenentwicklung. "Man will die Landschaft schonen, die sogenannte Zersiedelung herunterfahren und die Gebiete, die bereits überbaut sind, besser nutzen."

Wir halten vor einer Grossbaustelle. Links Bagger zwischen Wohnhäusern, rechts grüne Wiesen, Felder und Wald. Die Siedlung Tüfwis aus den 1970er-Jahren sei ein gutes Beispiel für die dritte Generation der Raumplanung, also für das Weiterbauen von Bestehendem, erklärt Van Wezemael. "40 Wohnungen wurden abgerissen, 112 Neue wurden gebaut."

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Es wurde aber nicht nur verdichtet, sondern mit dem Bau von Alterswohnungen und Kinderkrippen auch Probleme der Gemeinde gelöst. Van Wezemael hat als Portfoliomanager beim Immobilieninvestor Pensimo mit der Gemeinde Winkel verhandelt. "Unser Verdichtungsvorhaben kann als Dorf- und Zentrumsentwicklung gelesen werden. So konnten wir die Leute für die Transformation begeistern."

Von Planung zu Innovation

Wir setzen uns wieder ins Auto und fahren nach Kloten ins Steinackerquartier, wo Van Wezemael mit seiner Firma IVO Innenentwicklung die Geschäftsführung des Vereins aller Eigentümer macht.

"Das Steinackerquartier soll in den nächsten Jahrzehnten transformiert werden von einem reinen Gewerbe- und Industrieareal in einen gemischt genutzten lebendigen Stadtteil." Also ein weiteres Beispiel für die dritte Generation.

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"Weil es keine freien Parzellen mehr gibt, ist neu jeder Ort ein potenzieller Standort für eine Entwicklung", erklärt Van Wezemael über die dritte Generation.

"Raumplanung geht uns deswegen viel mehr als früher alle etwas an. Sie ist quasi auf der Haut der Menschen angekommen, und sie brennt." Das merke man daran, dass es bei der Bevölkerung relativ starke Wachstumsängste gebe.

Die Herausforderung der Zukunft sieht Van Wezemael aber nicht im knappen Platz, sondern vor allem darin, die Schweizer Planungsmentalität in Innovation umzuwandeln.

Schweizer Raumplanung

"Die Raumplanung in der Schweiz ist ein Abbild unseres Staatsverständnisses", sagt Van Wezemael. Sie ist aufgeteilt auf drei staatliche Ebenen: Bund, Kantone und Gemeinden. In anderen Ländern bestimmt die Hauptstadt über die Raumplanung des ganzen Landes, Regionen und Städte haben wenig zu sagen. In der Schweiz wäre das undenkbar.

Der Bund gibt mit dem Raumplanungsgesetz Grundsätze vor. Die eigentliche Raumplanung delegiert der Bund aber an die Kantone, diese formulieren Baugesetze. "Das heisst, wir haben in der Schweiz 26 kantonale Baugesetze, die sich teils erheblich unterscheiden", so Van Wezemael. Der Kanton selbst macht die strategische Planung in Form von Richtplänen. Die konkrete Umsetzung der Raumplanung liegt aber bei den Gemeinden. Diese machen eine Nutzungsplanung, sie planen also parzellenscharf und für den Einzelnen verbindlich.

Der Markt für Raumplanung unterscheidet sich in der Schweiz von jenem in anderen Ländern. Van Wezemael, der eine Zeit lang in Grossbritannien gelebt hat, erzählt: "Ein Raumplaner in England arbeitet für den Staat. In der Schweiz hingegen gibt es einen Markt für private Raumplanungsbüros." Das habe auch mit dem Staatsverständnis zu tun, in der Schweiz werde von unten nach oben, also basisdemokratisch, gedacht. Bürgerinnen und Bürger können beispielsweise sehr niederschwellig gegen Bauvorhaben vorgehen. "Was wir haben, versucht England derzeit mit Reformen zu erreichen", so Van Wezemael.

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