Wie das Schweizer Mittelland langsam zu einer einzigen Agglomeration wird

Muri im Schweizer Mittelland. Noë Flum / 13 Photo

Nur auf einem kleinen Teil der Schweiz können Landwirtschaft betrieben und Häuser gebaut werden. Der Rest ist Gebirge. Deshalb wird der relativ flache Mittelstreifen immer mehr zu einer einzigen Agglomeration. Mit entsprechenden Konflikten, die von der Raumplanung zu regeln sind.

Dieser Inhalt wurde am 13. Juli 2020 - 11:00 publiziert

Megastädte gibt es in der Schweiz nicht, und doch leben über 80 Prozent der Bevölkerung urban. Wie das?

Weil die Mehrheit in Agglomerationen des Mittellandes lebt. Alles konzentriert sich auf diesen fruchtbaren und eher flachen Streifen Land, eingequetscht zwischen Alpen und Jura: Siedlungen, Arbeitsplätze, Industrie und Landwirtschaft. Wegen der Berge ist nur ein Drittel der Schweiz überhaupt besiedelbare Fläche. Der Rest wird von Seen, Flüssen, Gletschern, Fels und Geröll bedeckt.

Kai Reusser / swissinfo.ch

Die Siedlungsdichte im Mittelland ist eine der höchsten in ganz Europa. "Man kann das Mittelland heute als einen grossen Siedlungsraum bezeichnen", sagt Rechtsprofessor Alain Griffel von der Universität Zürich, der sich unter anderem auf Raumplanungs-, Bau- und Umweltrecht spezialisiert hat.

Konflikte auf engem Raum

Dass sich Landwirtschaft und Siedlungen den raren Platz zwischen den Bergen teilen müssen, führt zu Konflikten: Die Landwirtschaft braucht Pestizide, die ins Grund- und damit ins Trinkwasser der Bewohner gelangen. Die Erschliessung der vielen Siedlungen zerstückelt die letzten grossen Flächen, und bei Einzonungen wird nicht auf die Bodenqualität geachtet, die wichtig für die Landwirtschaft wäre. Auch das ausufernde Bauen ausserhalb der Bauzone ist ein Symptom des schwelenden Konfliktes um Platz. Die Raumplanung versucht, diese Konflikte zu regeln.

"Der Föderalismus ist eine Herausforderung in der Raumplanung, weil die Probleme und damit auch die Rahmenbedingungen in den Kantonen sehr unterschiedlich sind", sagt Damian Jerjen, Direktor von EspaceSuisse, dem Schweizer Verband für Raumplanung. Erst 1980 führte die Schweiz ein nationales Raumplanungsgesetz ein, das zwischen Bauland und Nichtbauland unterscheidet.

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Die Gemeinden schufen allerdings grosszügig Bauzonen, so dass vor allem das Mittelland, aber auch Bergkantone wie das Wallis, stark zersiedelt wurden. Die direkte Demokratie tat ihr übriges: Weil in der Schweiz die Bevölkerung und Interessensgruppen bei Raumplanungsentscheiden direkt mitbestimmen, kommt es häufig zu mittelmässigen Kompromissen. Im Ergebnis ist die Schweiz ein Flickwerk von Zonen: Gewerbe-, Landwirtschafts- und Wohnzonen greifen wild ineinander.

Zersiedelung gestoppt, aber zu welchem Preis?

Mit der Revision des Gesetzes im Jahr 2014 gab es einen Paradigmenwechsel: In Zukunft will die Schweiz nach innen verdichten. "Zukünftig werden wir mit dem Bestand haushalten müssen, weil es praktisch keine neuen Bauzonen geben wird", sagt Jerjen. "Wir müssen das Vorhandene renovieren, verdichten und weiterbauen."

Das Thema wird die Schweiz laut Jerjen in nächster Zeit stark beschäftigen. "Die geplante Entwicklung nach innen ist eine grosse Herausforderung", sagt Jerjen. "Es stellt sich die Frage, wie man trotz Verdichtung qualitativ guten Wohnraum und attraktive Freiräume schaffen kann."

Auch Griffel stellt Fehlentwicklungen in der Vergangenheit fest. "Die Raumplanung und das Raumplanungsrecht waren in der Schweiz lange ein dahinserbelndes Pflänzchen", sagt er. "Seit der Gesetzesrevision von 2014 gibt es eine positive Dynamik. Es hat ein Umdenken stattgefunden." Er sei deshalb für die Zukunft "verhalten zuversichtlich".

Das Schweizer Raumplanungsgesetz

Die Schweiz hat erst seit 1980 ein nationales Raumplanungsgesetz, das einen haushälterischen Umgang mit dem Boden vorsieht und zwischen Bauland und Nichtbauland unterscheidet.

2013 befürwortete die Stimmbevölkerung eine Revision zur Eindämmung der Zersiedelung. Bauzonen, die über den erwarteten Bedarf für die nächsten 15 Jahre gehen, mussten rückgezont werden in Landwirtschaftsland oder Schutzzonen.

Das Land ist aufgeteilt in Zonen für Wohnen, Arbeiten, Landwirtschaft und Naturschutz. In einer Wohnzone dürfen beispielsweise keine Rinder gehalten oder Industrie betrieben werden. Umgekehrt dürfen keine Wohnsiedlungen in Landwirtschafszonen gebaut werden.

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Serie Raumplanung

In einer Serie gehen wir aktuellen raumplanerischen Fragen in der Schweiz nach. Hier einige Beiträge: 

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