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Wo bleiben die Schäfchen?

An hohen Feiertagen wie Pfingsten sind die Gottesdienste in der Regel recht gut besucht. Ansonsten bleiben die Kirchenbänke oft leer.

(Keystone)

Den Kirchen laufen die Gläubigen davon, behauptet eine Studie. Die Kirche relativiert - und Buchhandlungen mit Esoterik-Literatur florieren.

"Theologisch-historische Abhandlungen ziehen schon längst nicht mehr. Gross ist hingegen das Interesse für Titel zur christlichen und östlichen Mystik", sagt Hans-Jörg Weyermann, Besitzer einer Buchhandlung für geistlich-geistige und esoterische Literatur in Bern.

Als er vor 36 Jahren sein Geschäft eröffnete, sei er mit seiner thematischen Ausrichtung noch "allein auf weiter Flur" gewesen, ein "Pionier". Man habe ihm in Buchhändlerkreisen kaum Chancen auf Erfolg eingeräumt.

"Damals glaubte ich selbst nicht, dass mein Sortiment dereinst auf ein derart reges Interesse stossen würde, wie dies heute der Fall ist", gesteht Weyermann.

Esoterik liegt im Trend

Werke zu Themen wie Esoterik, Lebenshilfe, Sinnstiftung, Ersatzreligionen und Mystik seien "je länger je mehr gefragt", bestätigt Ernst Imfeld vom Schweizer Buchzentrum, dem grössten Buchauslieferer der Deutschschweiz.

Auch wenn derzeit keine genauen Zahlen vorliegen, sei klar, dass im ganzen deutschsprachigen Raum "Esoterik-Titel um so populärer werden, je schwieriger die Zeiten sind". Esoterik-Literatur als Sinnstifterin in einer von verbindlichen Gewissheiten entleerten Welt.

GfS-Studie: Schlechte Noten für die Kirchen

Wo bleibt da die Kirche, welche über Jahrhunderte erfolgreich für das geistliche Obdach der Gesellschaft besorgt war? Auf der Strecke, behauptet eine Studie des GfS-Forschungsinstituts in Zürich: Über 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung hätten "keine Erwartungen gegenüber den Kirchen", lautet das schonungslose Verdikt.

Obwohl gemäss Volkszählung 2000 immer noch 81 Prozent der römisch-katholischen oder der reformierten Kirche angehören, überwiege die "Gleichgültigkeit gegenüber kirchlichem Engagement, sei dies gesellschaftlicher oder kultischer Natur".

Kirchen: Schlechte Noten für die GfS-Studie

"Gemach!" mahnt Agnell Rickenmann, Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz (SBK). "Die Fragen der Studie waren plakativ und wurden mit einem suggestiven Unterton gestellt. Die Kirche ist immer noch sehr gefragt - etwa bei Taufen oder bei der Sterbebegleitung."

Ähnlich der Kommentar aus der protestantischen Ecke: "Das Resultat der Studie hat mich überrascht", sagt Thomas Wipf, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK). Man mache in der Praxis ganz andere Erfahrungen, als dies die Studie behaupte. "Die seelsorgerliche Arbeit sowohl in den Kirchgemeinen als auch in Spitälern und Gefängnissen wird stark in Anspruch genommen."

Immerhin könne die GfS-Studie jedoch zum Nachdenken angregen, gibt sich Wipf selbstkritisch: "Das Resultat kann uns Impulse geben, um zu hinterfragen, ob die Kirche wirklich nahe bei den Menschen ist, bei ihrem Alltag, bei ihren Sorgen, bei dem was sie bewegt."

In einer Zeit, da die Individualisierung fortschreite, habe es die Institution Kirche an sich schwer, sagt Agnell Rickenmann von der SBK. "Wir sollten vermehrt die Nähe zu den Leuten suchen, indem wir sie direkt ansprechen."

Offensivere Glaubensvermittlung

Die Kirchen haben in jüngster Vergangenheit verschiedentlich Anläufe unternommen, die Menschen nicht nur in den - oft kläglich besuchten - Gottesdiensten zu erreichen, sondern auch unkonventionelle Wege zu beschreiten.

So traten die evangelisch-reformierten Landeskirchen vor mehr als einem Jahr mit einer Plakatserie unter dem Motto "Selber denken" an die Öffentlichkeit. Im Juni 2001 öffnete im Zürcher Hauptbahnhof eine ökumenisch betreute Kirche die Pforten, welche seither Passanten und Bahnhof-Angestellten Seelsorgedienste anbietet (vgl. Link).

Und auch an der Expo.02 sind die Kirchen prominent vertreten: mit Events an Pfingsten und am Bettag sowie in Murten mit der Ausstellung "Un ange passe". Gemäss Expo-Führer erzählt sie von den sieben christlichen Grundthemen Wunder, Wort, Austausch, Segen, Jenseits, Schöpfung und Gute Nachricht: "Sieben Räume, sieben Himmel, bilden einen Weg, der berührt. Und Gelegenheit gibt zum Aufatmen, Staunen, zu Freude und Mut, zum Nachdenken, zum Weitergehen."

Felix Münger


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