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Zentralasiens Kampf mit dem Islamismus

Gläubige beim Freitagsbebet in einer Moschee ausserhalb von Osch.

(swissinfo.ch)

Der Kollaps der UdSSR hinterliess ein ideologisches Vakuum. Dieses ist heute ein fruchtbarer Boden für radikale Islamisten. Die Regierungen reagieren mit teils brutaler Repression.

Damit fördern sie nur noch den radikalen Islam, befürchten Beobachter.

In Kirgisistan wurde kürzlich die verschwiegene, radikale Islamisten-Gruppe "Hizb-ut-Tahrir al-Islami" (Partei der Islamischen Befreiung) verboten. Die Gruppe, sie bezeichnet sich selber als Partei, hat sich dem gewaltlosen Aufbau eines islamischen Kalifat-Staats und der Einführung des islamischen Rechts, der Scharia, verschrieben. Analysten gehen davon aus, dass die Gruppe in rund 40 Ländern aktiv ist.

Hohe Beamte der kirgisischen Regierung bezeichnen "Hizb-ut-Tahrir" gegenüber swissinfo als "direkte Bedrohung der Stabilität und Sicherheit der ganzen Region".

Repression als Antwort

"Wir wollen keinen Fundamentalismus in unserm Land. Wir wollen, dass die Menschen das Leben führen können, das sie selber wählen", fasst Djoormat Otorbaev, Vizepremier für Wirtschaft, den kirgisischen Standpunkt vorsichtig zusammen. "Manchmal ist der aggressive Ansatz der Hizb-ut-Tahrir nicht willkommen", ergänzt er.

Die Regierung reagierte in den letzten Monaten mit Verhaftungen von über 160 angeblichen Gruppenmitgliedern im Süden der Republik und lässt die Aktivitäten der Gruppe durch die Sicherheitsdienste überwachen.

Auch im benachbarten Usbekistan wird die Gruppe mit massiver Repression bedacht. Es soll rund 6000 "religiöse" Gefangene geben.

Gegenreaktion befürchtet

Internationale Beobachter wie die International Crisis Group (ICG), in deren Vorstand auch Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss sitzt, befürchten nach der Repressions-Welle eine Gegenreaktion.

"Repression gegen die Mitglieder, oft aber auch nur gegen ihnen nahe stehende Personen, haben die Bewegung radikalisiert", schrieb ICG kürzlich in einer Einschätzung. Weiter befürchtet ICG, dass die Unterdrückung der Bewegung den islamistischen Extremismus in der Region erst recht fördern könnte.

Obwohl sich die Beobachter, darunter auch Schweizer Hilfswerke, uneins sind über den Einfluss der Gruppe in Kirgisistan, scheint sie vor allem im Fergana-Tal eine beträchtliche Unterstützung zu geniessen.

Kampf den imperialistischen USA

"Die ganze Welt unterdrückt uns, nicht nur unsere Regierung", sagt Aiup Valiev. Valiev, Kadermitglied der Hizb-ut-Tahrir, erklärte sich bereit zu einem Treffen mit den Schweizer Journalisten, das von einer Gewährsperson organisiert wurde. "Amerika kontrolliert die Welt, aber nur noch eine kurze Zeit. Ihr werdet sehen." Es sei die Aufgabe aller Muslime, alle europäischen Länder und die USA zum Islam zu bekehren, sagt er.

Experten sehen die Anziehungskraft der islamistischen Ideologie in der Region wachsen. "Vor allem jungen Männern bietet sie Sinn und Struktur in einer Ära von Konfusion und schwierigem sozialen Umbruch", schreibt ICG. Gründe dafür seien die Armut und die wachsende politische Entfremdung.

US-Flugfeld für den Afghanistan-Krieg

Diese Spannungen noch gefördert hat die internationale, von den USA angeführte Luftwaffenbasis am Flughafen der Hauptstadt Bischkek. Vor zwei Jahren wurde sie als Basis für den Krieg in Afghanistan eröffnet und ist seither kontinuierlich gewachsen. Heute sollen in der weitläufigen, mit Zaun und Sandsäcken gesicherten Zeltstadt 3000 Soldaten leben.

Auf dem Flugfeld sieht man heute noch vor allem C-130 Tankflugzeuge und gelegentlich einen Jumbo Jet der Evergreen International Airlines, einer Logistik-Firma, der Verbindungen zum amerikanischen Geheimdienst CIA nachgesagt werden. Während der Operation "Enduring Freedom" starteten hier auch Kampfjets nach Afghanistan.

US-Truppen sind bereits seit Mitte der 90er-Jahre in Kirgisistan "vorübergehend" aktiv. Es zweifelt heute aber niemand daran, dass die amerikanische Präsenz so schnell nicht vorbei sein wird.

"Wie würdet ihr euch fühlen, wenn eine Grossmacht in euer Land einmarschieren würde", fragt ein Mitglied der Hizb-ut-Tarir rhetorisch. "Wir fühlen uns genauso."

"Dschungel-Ideologie"

Die meisten Menschen in Kirgisistan stehen der US-Präsenz ziemlich gleichgültig gegenüber. Auch die im letzten Oktober eröffnete Luftwaffenbasis der russischen Armee in Kant, nahe Bischkek, provoziert selten negative Reaktionen.

Islamisten wie Aliev wittern aber hinter jedem ausländischen Engagement eine westliche Verschwörung. Auch hinter der Entwicklungszusammenarbeit der Schweizer Regierung und NGOs, welche jährlich mehrere Millionen Franken kostet.

"Ihr wollt uns mit euren Investitionen zu euren Sklaven machen", ereifert er sich. "Eure Ideologie ist die Ideologie des Dschungels."

Splittergruppen greifen zur Gewalt

Ansichten wie jene Alievs haben die zentralasiatischen Regierungen alarmiert. Sie befürchten, dass islamistische Gruppen den Schritt zur offenen Gewalt einschlagen.

Alexy Sukhov, Journalist aus Osch, beobachtet die Islamisten-Szene genau. Er weiss von einer Splittergruppe verärgerter Hizb-ut-Tahrir-Anhänger. "Sie sagen, sie wollen radikaler aktiv werden", sagt er. "Wenn diese Gruppe Gewalt anwendet, dann habe ich Angst. Und zwar als normaler Bürger."

Grosse Teile der kirgisischen Bevölkerung, erzogen im säkularen sowjetischen System, lehnen den radikalen Islam ab. Aber mit der staatlichen Repression der Gruppen – manchmal mit der stillschweigenden Billigung westlicher Regierungen – befürchten manche, dass Zentralasien zum nächsten Hexenkessel radikaler Islamisten werden könnte.

swissinfo, Jacob Greber und Philippe Kropf, Osch

Fakten

Hizb-ut-Tahrir
In 40 Ländern aktiv
20'000 Mitglieder in Zentralasien
160 Verhaftete in Kirgisistan
6000 Verhaftete in Usbekistan

Infobox Ende

In Kürze

Die islamistische Gruppe "Hizb-ut-Tahrir" will gewaltlos einen Kalifat-Staat errichten, wo die Scharia gelten soll.

Die Gruppe wurde in den 50er-Jahren in von Palästinensern in Jordanien gegründet. Heute ist sie in über 40 Ländern aktiv.

In Zentralasien trat sie Mitte der 90er erstmals in Erscheinung. Sie findet regen Zulauf wegen Armut und politischer Entfremdung viele junger Männer.

Die Gruppe wurde in Kirgisistan verboten, angebliche Mitglieder verhaftet. Im benachbarten Usbekistan ist die Repression vielfach härter; es sollen 6000 Menschen aus religiösen Gründen im Gefängnis sitzen.

Internationale Beobachter befürchten eine Radikalisierung der Gruppe durch die Repression - und damit den Schritt zu offenen Gewalt.

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