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Zürcher Startup Fision wächst dank Zalando rasant

Das coole Outfit passgenau online bestellen? Geht doch - mit der digitalen Umkleidekabine eines Zürcher Startups. swissinfo.ch

Die coole Hose und das schicke Kleid in der digitalen Umkleidekabine anprobieren und erst dann kaufen: Ein in Zürich entwickeltes 3-D-Double soll dies künftig für Kundinnen und Kunden des Online-Handelsriesen Zalando möglich machen. 

Dieser Inhalt wurde am 14. Februar 2021 - 15:00 publiziert
Petra Krimphove, Berlin

Wer online Hosen, Blusen oder Hemden bestellt, weiss normalerweise erst nach dem Eintreffen des Pakets, wie die Kleidung wirklich sitzt. Ob sie zwickt oder auch so luftig fällt, wie es das Model im Internet glauben machte. Häufig sind die Kunden nach der realen Anprobe enttäuscht: Online-Versandhändler im Modebereich kämpfen mit einer Rücksendequote von bis zu 50 Prozent.   

Der Zürcher Bodyscan-Spezialist Fision hat eine digitale Umkleidekabine entwickelt, die eines der wichtigsten Probleme des Internet-Einkaufs lösen soll. Es geht um die Wahl der richtigen Passform und Grösse, in der Modebranche kurz "Sizing" genannt.  

Das Team um den Gründer Ferdinand Metzler will den Interneteinkauf mit einer Art digitalem Kunden-Double auf eine ganz neue Stufe heben: Dieser Avatar probiert Waren aus dem digitalen Katalog an. Eine Technik wie gemacht für Onlinehändler wie Zalando. Ende 2020 übernahmen die Berliner das kleine Tech-Unternehmen aus Zürich und integrieren deren Software derzeit in ihren Onlineshop. 

Über Zalando 

ZalandoExterner Link ist mit 35 Millionen aktiven Kunden Europas führende Onlineplattform für Mode und Lifestyle. Das Unternehmen wurde 2008 in Berlin gegründet und ist an der Börse gelistet. 

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Was Zalando umtreibt, sind die sogenannten vermeidbaren Retouren - Fehlkäufe, die mit mehr Wissen über Grösse und Passform hätten verhindert werden können. Diese zu senken, könnte hohe Kosten ersparen. Denn Zalando übernimmt nicht nur die Rücksendung, sondern muss die retournierte Ware zudem häufig verramschen oder gar vernichten.

Der Mann hinter der Idee: Ferdinand Metzler. ZVG

Ansonsten sei das Prinzip der kostenlosen Rücksendungen Teil von Zalandos Erfolg, betont Sprecherin Catherine Westphal. Kunden bestellen sieben Pullover zur Auswahl und schicken sechs zurück. An dieser Möglichkeit wolle man nicht rütteln.  

Eine digitales Abbild in 3-D 

Mit Fision will Zalando hingegen die vermeidbare Retourenrate senken. Und das soll ganz einfach gehen: Wenige Angaben und zwei Fotos, eines von vorne und eines von der Seite, genügen, um eine 3-D-Miniversion des Kunden zu erzeugen. Die digitale Kopie entspricht in ihren Körpermassen dem Original, sie kann die virtuellen Kleidungsstücke aus dem Onlineshop anprobieren und das Ergebnis in 3-D präsentieren. 

So wird das Smartphone zur Umkleidekabine. Passt das Kleid in der gewählten Grösse oder doch besser in einer anderen? Fällt es so fliessend wie gewünscht? Sieht es von hinten so attraktiv aus wie von vorne? Noch klingt es futuristisch, aber Branchenkenner zweifeln nicht, dass so die Zukunft des Onlineshopping aussieht.  

Die Idee kam in Hongkong 

Bodyscanner sind in der Modebranche seit Jahren ein Thema: In einigen Geschäften können Kunden bereits mit grossformatigen Scannern, die jenen auf Flughafen ähneln, ihre genauen Körpermasse erfassen lassen. Das Besondere an der Fision-App ist, dass man dazu nur ein Smartphone benötigt. 

Die Idee dazu kam dem ETH-Studenten Ferdinand Metzler bereits 2014 während eines Austauschsemesters in Hongkong. Dort hörte er von den Problemen der Bekleidungsindustrie, von hohen Retouren-Raten und dem fehlenden Wissen, wie die produzierte Kleidung dem Kunden tatsächlich gefällt und passt. Zurück in Zürich, begann er ein Team aufzubauen und die App zu entwickeln. 

Neben Fision arbeiten auch andere Unternehmen an der Entwicklung einer solchen Bodyscan-App für das Smartphone. Für die Modebranche wäre sie revolutionär. Laut einer Prognose von Statista (Statista Global Consumer Survey) werden 2023 voraussichtlich bereits 24 Prozent der Branchen-Umsätze online erwirtschaftet. Entsprechend gross ist das Interesse in der Modeindustrie und des Handels an digitalen Umkleidekabinen. 

"Fision hat uns überzeugt, weil ihre Software bereits sehr ausgereift ist", sagt Catherine Westphal. Auch kulturell stimme es zwischen dem Giganten Zalando und dem kleinen Team in Zürich. "Fision passt zu unserem Denken und Handeln", sagt sie. Fision-Gründer Ferdinand Metzler leitet auch nach der Übernahme den Zürcher Hub, das Sagen hat nun aber Zalando.

Über Berlin laufen auch die Anfragen und Informationen über die Schweizer. Zalando hat Fision eine ordentliche Wachstumsspritze verpasst: Derzeit wird das kleine Unternehmen zu einem Tech-Hub ausgebaut, wie Zalando ihn neben Berlin bereits auch in Helsinki, Dublin und Lissabon betreibt. Das Fision-Team soll in den kommenden 14 bis 20 Monaten von 20 auf 150 Mitarbeiter wachsen und die digitale Anprobe perfektionieren. Wann sie online zur Verfügung steht, ist noch offen. 

"Die Schweiz ist ein extrem wichtiger Markt für uns" 

Es gab für Zalando gleich mehrere Gründe, die Verbindungen nach Zürich zu stärken:  "Die Schweiz ist ein extrem wichtiger Markt für uns", betont Catherine Westphal. Hier ist Zalando vor Digitex und Amazon die Nummer eins im Onlinehandel und erzielte 2020 laut Schätzung von Credit Suisse einen Umsatz von rund 750 Millionen Schweizer Franken. 

Zudem gelte Zürich als "Hotspot im e-Commerce", sagt die Sprecherin. Im Umfeld der ETH haben sich zahlreiche digitale Startups mit exzellentem Knowhow und Mitarbeitern angesiedelt. 

Das Fision-Team steht vor einer grossen Aufgabe: Neben der Körperkopie muss auch das Onlineangebot der Shops dreidimensional zur Verfügung stehen, um es dem digitalen Körper quasi anzuziehen. Bisher funktioniert diese Anbindung beider Systeme im grossen Stil noch nicht. Aber sie wird kommen, sind Branchenkenner überzeugt: Und dann will Zalando mit Fisions Hilfe ganz vorne dabei sein. 

Dieser Artikel wurde am 5.3.2021 angepasst. Zalando legt Wert darauf, dass Fision erst in 14 bis 20 Monaten von 20 auf 150 Mitarbeiter wachsen soll, und nicht in 12 bis 15 Monaten, wie es in der ursprünglichen Fassung hiess.

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