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"Code41" Ein Startup verletzt die Regeln der Schweizer Uhrmacherkunst

Luxusuhr X41

2 Millionen Franken in 72 Stunden: So viel Investitionsvolumen konnte das Lausanner Startup-Unternehmen "Code41" in diesem Frühjahr über Crowdfunding für sein Luxusuhr-Projekt X41 sammeln.

(Code41)

Fast jede Woche erscheint eine neue Uhrenmarke auf den Crowdfunding-Plattformen. Die meisten scheitern. Einige wenige aber sind von Erfolg gekrönt. So auch die Lausanner Firma "Code41", die eine Community von Enthusiasten überzeugen konnte – mit vollständiger Kosten- und Herkunftstransparenz.

Auf dem Cover der Dezembernummer des PME Magazineexterner Link posiert Claudio D’Amore neben Jean-Claude Biver, seines Zeichens Leiter der Uhrenabteilung von LVMH und eine Symbolfigur der Schweizer Uhrmacherkunst. "1989-2019: Konflikt der Generationen", titelt das monatlich erscheinende Wirtschaftsblatt.

"Eine gute Idee und ein gutes Produkt allein genügen nicht. Man muss auch wissen, wie darüber zu sprechen."

Claudio D'Amore, Gründer "Code41"

Ende des Zitats

Als wir ihm die Zeitschrift und den imposanten Stapel der Artikel über "Code41"externer Link in der französischsprachigen Presse zeigen, kann D’Amore ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. Es offenbart eine überraschende Schüchternheit, die im Gegensatz zu jenem Bild steht, das man generell vom Gründer eines lautstarken und extrovertierten Startups hat.

"Als wir 2016 mit dem Abenteuer begannen, hofften wir, dass die Leute uns bei diesem Projekt folgen würden. Heute stellen wir eine echte Begeisterung um Code41 herum fest. Das macht uns enorm Spass", freut sich D’Amore, ohne anzugeben. Er empfängt uns in seinen neuen, gepflegt designten Büros, nur einen Steinwurf vom Bahnhof Lausanne entfernt.

Transparenz und Dialog

Ein Ereignis illustriert für ihn wie kein anderes diese Begeisterung: Im April wurde die Firma bei der Lancierung ihres ersten "hausgemachten" Uhrwerks X41 innert 36 Stunden mit Vorbestellungen im Umfang von 1,7 Millionen Franken überrannt. Während der 30 Tage der Sammelfrist wurden es schliesslich 2,8 Millionen.

code41

Seit drei Jahren konnte das Startup seinen Umsatz in jedem Geschäftsjahr verdoppeln, auf über 8 Millionen Franken im Jahr 2019. Eine kleine Meisterleistung in einer derart gesättigten Branche wie der traditionellen mechanischen Uhrmacherkunst. Denn diese wird immer mehr von den Smartwatches bedrängt.

Der Erfolg von "Code41" kann zwei einfachen Ideen zugeschrieben werden, die perfekt in unser Zeitalter passen, aber in der als konservativ und diskret bekannten Uhrenindustrie noch lange nicht selbstverständlich sind: Komplette Transparenz betreffend Kosten und Produkte sowie permanenter Dialog mit der Kundschaft. Die Community wird bei jeder Etappe der Entwicklung einer Uhr mit einbezogen.

"Swiss Made" als Täuschung

D’Amore war zuvor freier Designer und zeichnete Uhren für TAG Heuer, Parmigiani oder Oris. Er sei oft frustriert gewesen, als er versucht habe, den Ursprung der Hunderten von Komponenten zu verstehen, die für die Herstellung mechanischer Uhren benötigt wurden, erzählt er.

"Die Marken pflegen allgemein eine totale Intransparenz. Sie verstecken sich hinter 'Swiss Made', das für die Kundschaft eine echte Täuschung ist", sagt der 40-Jährige.

Um als "Swiss Made" zu gelten, muss eine Uhr mindestens 60% Schweizer Wertexterner Link haben (Bestandteile und Arbeit). Doch oft wird nur das Herz der mechanischen Uhr in der Schweiz hergestellt, während der Rest der Bestandteile (Armband, Gehäuse, Zeiger, Zifferblatt, usw.) von asiatischen Zulieferern bezogen wird.

Ohne Tabu

Mit seiner eigenen Uhrenmarke hat D’Amore nur ein einziges Ziel: seiner Gemeinschaft von Uhrenliebhabern Uhren im bestmöglichen Verhältnis "Qualität/Preis/Magie" anzubieten. Dies, indem er den Ursprung und die genauen Kosten jedes Bauteils offenlegt, das für die Herstellung seiner Zeitmesser mit ihrer sorgfältigen Mechanik und ihrem modernen Aussehen erforderlich ist.

Dabei ist sich der Abgänger der Kunsthochschule Lausanne (ECAL) auch nicht zu schade, einige Tabus zu brechen. So ist das Herzstück der ersten von seiner Firma entwickelten Uhrenserie, genannt Anomaly-01, ein automatisches Uhrwerk aus Japan. Für starke Verfechter des "Swiss Made" reine Ketzerei.

Die wesentlich teurere High-End-Uhr X41 funktioniert dank eines firmenintern entwickelten Uhrwerks, das in Genf gefertigt wird. So wäre es ihr leicht möglich, das begehrte Label zu erhalten. Doch das lehnt D'Amore kategorisch ab. Er lässt lediglich die Bezeichnung "Schweizer Mechanik" aus der sichtbaren Unruh fräsen.

"Enfant terrible" der Uhrmacherkunst

Die Transparenz, kombiniert mit dem Direktvertrieb im Internet, hat einen weiteren Vorteil: Die Preise für die Kundschaft fallen wesentlich tiefer aus. Die X41 kostet ab 5390 Franken, das ist "drei- bis viermal weniger" als eine mechanische Schweizer Uhr einer grossen Uhrenmarke in vergleichbarer Qualität, sagt D’Amore.

Es ist daher nicht erstaunlich, dass der Unternehmer-Designer bald einmal als "Unruhestifter" oder gar "Enfant terrible" der Schweizer Uhrmacherkunst beschrieben wurde. Diese Provokation orchestriert er geschickt: "Code41" ist gleichzeitig ein Augenzwinkern gegenüber "Swiss Made" – 0041 ist die Telefonvorwahl der Schweiz –, nimmt aber auch Bezug auf die Meldung eines Systemfehlers in der Informatik.

Claudio D'Amore

Für Claudio D'Amore ist "Code41" eher ein Projekt als eine Marke.

(swissinfo.ch)

Zudem macht das Startup mit aggressivem Marketing in den sozialen Netzwerken auf sich aufmerksam. "Eine gute Idee und ein gutes Produkt allein genügen nicht. Man muss auch wissen, wie darüber zu sprechen", sagt D'Amore. Er versichert aber, es würden nicht mehr als 100 Franken pro verkaufte Uhr in die Werbung investiert.

Dank dem Crowdfunding kann der Firmenchef sein unternehmerisches Risiko minimieren und Investitionen anziehen, ohne bei Banken oder externen Investoren vorsprechen zu müssen. Wenn ein Projekt nicht funktioniert, wird es einfach abgeblasen. Doch soweit ist es bis heute noch nie gekommen.

Frauen im Rampenlicht

Bei jeder Etappe wird die Community gefragt. Sie ist 200'000 Mitglieder stark und nimmt damit am Abenteuer teil. So erhält die Firma ein direktes Feedback, das ihr ermöglicht, teure – und manchmal unnötige – Marktforschung zu vermeiden. "Das ist oft viel bereichernder und ermöglicht mir, die vielen Zweifel auszuräumen, die ich beim Zeichnen einer neuen Uhr habe", sagt D'Amore.

Für das neuste Projekt hat sich das Waadtländer Startup entschieden, sich ausdrücklich an Frauen zu wenden. Bei der neuen Kollektion "Day41" sollen nur Frauen mitbestimmen dürfen. Der Vorverkauf soll im Januar 2020 starten.

Die Online-Konsultation brachte so einige Überraschungen zu Tage, was die Codes betrifft, die traditionell für die Damenuhrmacherei gelten. "Unsere weibliche Community war mehrheitlich für eine recht technische Kollektion. Sie zog ein sichtbares mechanisches Uhrwerk dem Quartz vor, der im Allgemeinen in Damenuhren verwendet wird. Ohne diesen direkten Kontakt hätten wir vielleicht einfach Perlmutt, etwas Rosa und Schmetterlinge in unsere bestehenden Kollektionen aufgenommen, wie das viele Uhren-Designer tun", sagt D'Amore.

Kontaktieren Sie den Autor dieses Artikels auf Twitter: @samueljabergexterner Link


(Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

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