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"Der Leopard altert nicht"


Seit einem Jahr ist Frédéric Maire künstlerischer Leiter des Internationalen Filmfestivals von Locarno. Auch vor dem 60-Jahr-Jubiläum des Filmfestivals strahlt er eine grosse Ruhe aus.

Eine Agenda voller Termine, ein Leben aus dem Koffer: Der Festival-Direktor ist ständig unterwegs und hält Ausschau nach Filmen, die den Geist von Locarno ausmachen, sagt er im Interview.

swissinfo: Das Filmfestival von Locarno feiert im August seinen 60. Geburtstag. Ist es etwa wie mit gutem Wein - je älter, desto besser?

Frédéric Maire: Der Leopard altert nicht. Er ist jung und aktiv geblieben. Elan und jugendliche Neugierde sind charakteristisch für Locarno.

Das Filmfestival ist immer auf der Suche nach neuen Filmen, Talenten und Trends.

swissinfo: Wie verliefen die Vorbereitungen für die diesjährige Jubiläumsausgabe?

F.M.: Ich konnte von der letztjährigen Ausgabe profitieren, sowohl in Bezug auf das Publikum als auch das internationale Renommee. Die Filmauswahl hat sich bewährt: Zahlreiche Filme, die in Locarno gezeigt wurden, feierten anschliessend internationale Erfolge.

Die Voraussetzungen waren also gut: Wir konnten hervorragende Filme nach Locarno holen, für Überraschungen und Events ist gesorgt. Es wird eine besondere Ausgabe! Das Schwierige mit der Jubiläumsausgabe war jedoch, dass ich praktisch zwei Festivals auf einmal organisieren musste.

swissinfo: Braucht es für die Jubiläums-Feierlichkeiten mehr Glamour als sonst?

F.M.: Für mich steht in erster Linie eine qualitativ und inhaltlich gute Filmauswahl im Vordergrund. Natürlich gehören zu einem Geburtstag auch festliche, denkwürdige und fröhliche Momente. Doch für mich sind und bleiben in Locarno die Filme die Stars.

Trotzdem hoffen wir natürlich, dass sich für die Hommage "Signore & Signore" - einem Rückblick auf sechzig Jahre Filmgeschichte - mit der das Filmfestival die Diven des italienischen Kinos ehrt, auch einige Leinwandgrössen einfinden werden.

Und so etwas Glamour nach Locarno bringen. Auch ohne roten Teppich. Wir wollen keinen roten Teppich - wir haben dafür eine grosse Leinwand.

swissinfo: Das Plakat zum 60. Geburtstag des Filmfestivals zeichnet sich durch Schlichtheit und Linearität aus. Reduktion auf das Wesentliche und eine Spur Purismus - gehören diese Merkmale auch zum Stil Maire?

F.M.: Purismus ist ein Ausdruck, vor dem ich mich ziemlich fürchte. Vor allem im Zusammenhang mit dem Kino. Das diesjährige Plakat zeigt eine weisse Leinwand auf der Piazza. Eine leuchtende Projektionsfläche, auf der alles erlaubt und die für alle zugänglich ist.

Diese Leinwand muss allen Arten von Kino, allen Filmgenres der Welt Platz bieten. Das Plakat stellt die vollständige Offenheit gegenüber der Kinowelt dar.

Wenn man von Purismus und Schlichtheit reden will, dann in Bezug auf die Festival-Struktur, die sich - ohne grosse Ausschweife - durch Kompetenz und Professionalität auszeichnet. Das Festival ist wie eine schöne Schweizer Uhr: Ein klares, auf das Wesentliche reduziertes Design - und ein äusserst komplexes Innenleben.

swissinfo: Welches Bild möchte das Filmfestival mit dem internationalen Wettbewerb vermitteln?

F.M.: Wir möchten zeigen, dass Locarno das Festival der Entdeckungen ist. Bei den Programmvorbereitungen der Jubiläumsausgabe sind wir uns einmal mehr bewusst geworden, wie vielen Regisseuren Locarno zum Durchbruch verholfen hat.

Regisseure, die anschliessend an den Filmfestivals in Venedig und Cannes im Rampenlicht standen.

Ich möchte auch darauf hinweisen, dass Locarno ein sehr professionelles, aber bescheidenes Festival ist. Ein Festival, das den Inhalt vor den Glamour stellt. Locarno muss seine Andersartigkeit unterstreichen, denn sie ist es, die das Festival ausmacht. Ich möchte, dass Locarno ein besonderes Festival ist.

swissinfo: Wie haben Sie das erste Filmfestival als Direktor erlebt?

F.M.: Es war ein komisches Gefühl. Das erste Mal stand ich mit dem Rücken zur Leinwand und blickte nicht - wie jahrelang als Filmkritiker - gebannt nach vorne. Ich habe mich gefragt: Was mache ich eigentlich hier? Doch ich habe schnell gemerkt, dass das genau mein Platz war. Danach lief alles ziemlich rund.

Als ich im Vorfeld der diesjährigen Ausgabe in den Archiven stöberte, habe ich mit Vergnügen festgestellt, dass ich mich bei den ehemaligen Direktoren in guter Gesellschaft finde: Gedanken und Wörter folgen sich zwar. Doch das Verständnis von Kino bleibt das gleiche, nämlich ein authentisches Labor des bewegten Kinos.

swissinfo: Gibt es im Zusammenhang mit dem letzten Filmfestival ein bestimmtes Erlebnis, das Sie am liebsten vergessen möchten? Oder eines, an das Sie besonders gern zurück denken?

F.M.: Die letzten 24 Stunden des Festivals möchte ich am liebsten rückgängig machen. Wie man weiss, musste ich ja aus "technischen" Gründen (lacht, Anm. der Redaktion) ins Spital. Ich habe also das Ende des Filmfestivals und die Preisverleihung verpasst, konnte das Festival nicht richtig abschliessen. Am liebsten würde ich die Uhrzeiger zurückstellen - und nochmals bei Null anfangen.

Schöne Erinnerungen gibt es viele. Eine der schönsten war sicher, als Aki Kaurismäki auf die Tribüne kam - obwohl er eigentlich gar nicht wollte. Aus Angst, aus Schüchternheit. Das Publikum auf der Piazza feierte diesen grossartigen Regisseur, dem es so schwer fällt, Komplimente anzunehmen.

Neben ihm auf der Tribüne zu stehen und ihn so glücklich und bewegt zu sehen, war für mich ein einmaliges Erlebnis. Solche Erinnerungen kann einem niemand nehmen.

swissinfo-Interview: Françoise Gehring, Locarno
(Übertragung aus dem Italienischen: Corinne Buchser)

Fakten

Vom 1. bis 11. August 2007 findet die 60. Ausgabe des Filmfestivals Locarno statt, dem grössten Schweizer Filmfestival.
Gezeigt werden insgesamt 160 Langspielfilme, davon sind allein 80 in den Hauptprogrammreihen zu sehen.
80 internationale Erstaufführungen, davon rund 20 Debütfilme.
35 Schweizer Filme in der Auswahl 2007, verteilt auf die verschiedenen Programmreihen.
Am Filmfestival Locarno sind rund 30 Länder vertreten.
19 Filme stehen im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden der 60. Festivalausgabe. Die Schweiz ist vertreten mit "Fuori dalle corde" des Tessiner Regisseurs Fulvio Bernasconi.
Am Dienstag, 7. August, findet die zweite Ausgabe des Journée du Cinéma Suisse statt.

Biografie

Der Journalist und Filmemacher Frédéric Maire wurde am 27. Oktober 1961 in Neuchâtel geboren. Sein Vater ist Schweizer, die Mutter Italienerin.

Maire war Mitbegründer und Co-Leiter der Zauberlaterne, einem Filmclub für Kinder.

Seit 1986 war er als ständiger Mitarbeiter in verschiedenen Funktionen für das Internationale Filmfestival von Locarno tätig: Von 1997 bis 2000 war er Mitglied der Programmkommission.

Seit 2001 ist er Mitglied der Kommission zur Förderung der Filmkultur des Bundesamtes für Kultur (Sektion Film). 2004 wurde er zu dessen Präsidenten gewählt.

Im August 2005 wurde Maire zum künstlerischen Leiter des Filmfestivals von Locarno ernannt.



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