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"Ma dar Behest" am Filmfestival Locarno


Das Paradies der Gewalt


Von Stefania Summermatter, Locarno


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Wie ein Fisch im Aquarium, gefangen und ohne Fluchtmöglichkeit: so fühlt sich Hanieh, die Protagonistin des Films, gespielt von der jungen Schauspielerin Dorna Dibaj. (pardolive.ch)

Wie ein Fisch im Aquarium, gefangen und ohne Fluchtmöglichkeit: so fühlt sich Hanieh, die Protagonistin des Films, gespielt von der jungen Schauspielerin Dorna Dibaj.

(pardolive.ch)

Der erste Langspielfilm des jungen iranischen Regisseurs Sina Ataeian Dena widmet sich dem Thema der Gewalt gegen Frauen. Der Film "Paradise" entstand ohne offizielle Erlaubnis und ohne Subventionen. Er spiegelt den Freiheitsdrang einer ganzen Generation wider. Mit "Ma dar Behest" kehrt der iranische Film nach Locarno zurück.

"Ma dar Behesht" (Paradies) beginnt mit einem Dialog zwischen zwei jungen Frauen, einer Inspektorin und einer Lehrerin. Das Gespräch gleicht einem Verhör. Der Bildschirm ist schwarz. Durch das Fehlen von Bildern wird die Gewalt der Worte noch verstärkt.

  • Mit wie vielen Jahren kann eine Frau heiraten?
  • Mit sechs Jahren, wenn der Vater einverstanden ist.
  • Was muss ein Hidschab verhüllen?
  • Alles – ausser den Händen und den Füssen.
  • Auch die Knöchel?
  • Auch diese.
  • Und der Hals? Sag‘ die Wahrheit – du trägst ihn nicht oft?
  • Das Gesetz sagt nicht, dass…
  • Ja, aber was für ein Vorbild bist du den Mädchen?

Der Kinofilm "Ma dar Behest" läuft als Beitrag im internationalen Wettbewerb des Filmfestivals von Locarno. Regisseur Sina Ataeian Dena zeigt dem Zuschauer ein Land mit zwei vollkommen unterschiedlichen Seiten, ein gespaltenes Land: Progressive und Konservative, Stadt und Land, Männer und Frauen.

Die Hauptfigur im Film ist die 25-jährige Hanieh. Sie unterrichtet in einem armen und trostlosen Vorort Teherans, wo die Mädchen nach der eisernen Disziplin und Moral des Islams erzogen werden. Sie selbst ist in einer mittelständischen und bürgerlichen Familie in Teheran aufgewachsen. Jeden Morgen zieht sie ihren Hidschab (Kopfschleier) an, um in eine Welt einzutauchen, die nicht ihre ist, zu deren Komplizin sie sich aber gemacht hat. "Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird", schrieb einst Friedrich Nietzsche.

Auch für die 25-jährige Schauspielerin Dorna Dibaj, die in "Ma dar Behest" ihre erste grosse Filmrolle spielt, war dieses ausserstädtische Universum vollkommen unbekannt. Um in die Rolle von Hanieh schlüpfen zu können, arbeitete sie ein Jahr lang als Freiwillige in einer Mädchenschule in der Agglomeration. "Ich hatte zuvor nie einen Hidschab getragen. Und ich glaube, im Film merkt man meine Unsicherheit", erzählt die junge Künstlerin mit ihren hellen Augen und der bunten Brille.

Zwischen Fiktion und Realität

Der Film wurde im Iran ohne Bewilligung und ohne Subventionen gedreht. Drei Jahre waren nötig. Einmal mehr wurde mit "Paradise" die iranische Zensur ausgetrickst. Die hohen formalen Hürden für das offizielle Filmschaffen im Iran haben in Wirklichkeit die Kreativität der Filmemacher beflügelt.

Es dürfte sich somit nicht um einen Zufall handeln, dass neben Regisseur Sina Ataeian Dena und dem jungen Amir Hamz auch Yousef Panahi zu den Produzenten gehört. Er ist Bruder und Produktionspartner des Filmschaffenden Yafar Panahi, einem Symbol der Gegenkultur, der mit einem 20-jährigen Filmverbot belegt wurde (dieses Verbot hat er mit den Filmen "This is not a Film" und "Taxi Teheran" in grossartiger Weise umgangen).

"Da wir keine offizielle Erlaubnis zum Drehen hatten, mussten wir Tricks benutzen, um an die nötigen Bilder und Töne zu kommen, ohne die Seele des Films zu verraten. Das hat uns wohl dazu bewogen, alles zu geben und das Potenzial der neuen digitalen Technologien voll auszuschöpfen", sagt Produzent Amir Hamz.

Doch "Paradise" ist nicht einfach ein normaler Spielfilm. Um die Zensur zu umgehen, gab der Regisseur an, einen Dokumentarfilm über Schulen in der Agglomeration zu drehen. So kommt es, dass einige Aufnahmen vollständig authentisch sind, beispielsweise solche mit Kindern, die hintereinander laufen und ein Loblied auf Allah singen. Aber auch Aufnahmen von Lehrerinnen, die bereits am frühen Morgen gegen Nagellack oder Mädchenfussball wettern.

Eine der Grundschulen, in denen "Paradise" gefilmt wurde. (pardolive.ch)

Eine der Grundschulen, in denen "Paradise" gefilmt wurde.

(pardolive.ch)

Die Szenen mit Dorna Dibaj als Lehrerin wurden ebenfalls in einer Klasse gedreht, in der sie effektiv unterrichtete. Dann wurden die Bilder am Computer neu aufbereitet. "Als ich unterrichtete, ging ich – genau wie die Hauptfigur im Film – zum Rauchen ins WC", erzählt Dibaj.

Unterschwellige Gewalt

Der Film fokussiert auf die Rolle der Frau. Aber "Paradise" will laut seinem Regisseur kein feministischer Film sein. "Es ist ein Film über Gewalt, der die Menschheit im Allgemeinen betrifft, Teil einer Trilogie über Gewalt. Die Lebensbedingungen der Frauen im Iran erschienen mir als sehr emblematisch für diese Gewalt, die häufig unterschwellig daherkommt, aber doch irgendwo in uns schlummert", sagt Sina Ataeian Dena.

Im Film wird die Gewalt nicht durch bestimmte Männerfiguren charakterisiert. Denn die Gewalt ist bereits Teil des Systems. "Die Frauen im Iran fühlen sich als Opfer und – ohne es zu merken – reproduzieren diese Gewalt in ihrem Alltagsleben. Das ist wie ein Teufelskreis, der schwierig zu durchbrechen ist", hält der Regisseur fest.

"Wir erleben diese Gewalt tagtäglich, manchmal auch ganz unbewusst", doppelt Dorna  Dibaj nach. In der iranischen Gesellschaft sind Frauen und Männer im Allgemeinen durch eine – mehr oder weniger sichtbare Grenze – getrennt, wie im öffentlichen Bus.

Sina Ataeian Dena bringt mit poetischen Bildern und einer durchdachten Schnitttechnik diese Gewalt auf den Bildschirm, mit unterschiedlichen Bildern und Tönen, aber in der Art einer universalen Botschaft. Der Film erzählt auch vom Freiheitsdrang einer ganzen Generation junger Menschen. Dieser Freiheitsdrang findet seinen grössten Ausdruck in der Szene, in der die Schülerinnen von Hanieh frei tanzen und singen, weil sie sich unbeobachtet fühlen – als kleiner und zugleich grosser Akt der Rebellion.

Fragmente der Rebellion, im Kino wie in der Realität. (pardolive.ch)

Fragmente der Rebellion, im Kino wie in der Realität.

(pardolive.ch)

Die andere Seite des Iran

Im Gespräch in einer Bar auf der Piazza Grande von Locarno betonen Sina, Dorna und Amir unermüdlich, dass ihr Land ein gespaltenes Land sei, ein Land, das nicht den Klischees westlicher Medien entspreche. Zu lange sei der Iran auf seinen kontroversen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad reduziert worden, auf das Atomprogramm, die anti-amerikanische Propaganda und die religiöse Strenge.

"Mein Film will nicht repräsentativ für die iranische Gesellschaft sein. Doch er stellt einen Appell dar, über Gewalt nachzudenken und über die Verantwortung, die wir gegenüber unseren Kindern tragen, die ja die Zukunft eines Landes darstellen", betont Sina Ataeian Dena.

Im Moment ist noch nicht absehbar, welche Veränderungen das jüngste Atomabkommen für das Land haben wird, ob die Zensur aufgehoben wird und diejenigen wieder sprechen dürfen, die zum Schweigen gebracht wurden. Sicherlich haben junge Künstler wie Sina, Dorna und Amir dank ihres Mutes und ihrer Entschlossenheit bereits einen Beitrag geleistet, die Gesellschaft nach vorne zu bringen. Sie haben zugleich einen Spiegel geschaffen, in dessen Bild wir uns alle sehen können.

Sina Ataeian Dena

Der Regisseur, 1983 im Iran geboren, studierte zuerst Physik, um dann zum Film an der Sooreh-Universität in Teheran zu wechseln.

Er begann seinen Werdegang in der Stoffentwicklung und als Supervisor von Visual Effects für Videospiele.

2009 realisierte er seinen ersten kurzen Animationsfilm, "Especially Music", aufgrund dessen er mit verschiedenen Werbe- und Cartoonfilmen beauftragt wurde.

"Ma dar Behesht" (Paradise) entstand ohne offizielle Erlaubnis seitens der Regierung und ist die erste Episode seiner Teheran-Trilogie über Gewalt.


(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

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