Your browser is out of date. It has known security flaws and may not display all features of this websites. Learn how to update your browser[Schliessen]

Derib ist seit 50 Jahren Cartoonist


Die stille Kraft eines Giganten des Comics


Von Marc-André Miserez, La Tour-de-Peilz


 Weitere Sprachen: 2  Sprachen: 2
Derib in seinen vier Wänden, zwischen der Büste seines Vaters François de Ribaupierre und dem Porträt seiner Mutter, das von Letzterem gemalt wurde. (Thomas Kern / swissinfo.ch)

Derib in seinen vier Wänden, zwischen der Büste seines Vaters François de Ribaupierre und dem Porträt seiner Mutter, das von Letzterem gemalt wurde.

(Thomas Kern / swissinfo.ch)

Yakari für die Kinder, Jo, Sandra oder Buddy Longway für die Erwachsenen, Tiere (vor allem Pferde) und weiträumige Landschaften für alle: Im Werk des Schweizers Derib kommen alle auf ihre Rechnung. Ein Blick auf den Werdegang eines aussergewöhnlichen Talents, das in seiner 50-jährigen Karriere als Comiczeichner mit seiner Herkunftsregion zwischen See und Berg verbunden bleibt.

Als kleiner Junge rannte er mit einer Lendenschürze bekleidet und einer Feder in den Haaren durchs Gras: "Ich habe die Indianer von klein auf gemocht", erzählt Claude de Ribaupierre  (alias Derib) in seinem Haus auf den Höhen von La Tour-de-Peilz über dem Genfersee.

Geprägt haben ihn alpine Landschaften, Comics, gute Western und die Leidenschaft für die Natur, vor allem für Pferde (er war auch Reitlehrer). Der heute 70-Jährige, der in seinem Leben nur einmal kanadischen (aber nie amerikanischen) Boden betreten hat, gehört mit seinen millionenfach verkauften Alben zu den besten Westernautoren frankophoner Comics. Aber nicht nur: Derib hat seinen Bleistift auch in den Dienst der Aids-, Prostitutions- und Gewaltprävention gestellt für die Produktion von vier weit verbreiteten Alben.

Angefangen hatte alles mit Kritzeln…

swissinfo.ch: Als Sie Ihrem Vater Ihre erste Zeichnung eines Pferdes zeigten, fragte er Sie: "Was ist das?"

Derib: Genau, ich war damals 4 oder 5-jährig. Als ich antwortete, dass es ein Pferd sei, meinte er: "Das merkt man nicht. Aber wenn du willst, dass es einem Pferd ähnlich sieht, musst du lernen zu zeichnen. Er gab mir anatomische Bilder, die alle Knochen des menschlichen Körpers zeigten. Und jeden Tag, wenn ich von der Schule heimkam, zeichnete ich eine, zwei oder drei Stunden lang diese Bilder ab.

swissinfo.ch: Und mit 19 Jahren sind Sie nach Brüssel, nicht nach Paris, gezogen…

Derib: Damals gab es fast keine französischen Zeichner. Das Mekka der Comics war Brüssel. In einer Werbeagentur konnte ich ein Praktikum machen. Und weil meine Zeichnungen gefielen, wurde ich angestellt. Aber ich wollte nicht Werbung, sondern Comics machen. Deshalb gab mir der Direktor der Agentur die Telefonnummer von Peyo, dem Vater der Schlümpfe! Peyo suchte damals Zeichner, um ein Studio auf die Beine zu stellen. Ich machte einen riesigen Luftsprung, als er mich engagierte. Ich habe am ganzen Schlumpf-Album gearbeitet, alle Dekors gemacht und alle Schlümpfe zu Tinte gebracht.

In dieser Zeit habe ich die gesamte Equipe des Magazins Spirou getroffen, die damals ihre goldenen Jahre erlebten: Jijé, Franquin und die anderen, die meine Stars waren. Sie haben mir eine humoristische Serie mit einem sprechenden Hund vorgeschlagen. Daraus ist Attila geworden, ein Agent der Spionageabwehr in der Schweizer Armee. Ich hätte eigentlich Western machen wollen, aber es gab schon Jerry Spring und Lucky Luke. Deshalb hat man sich für das Mittelalter entschieden, einer Zeit, in der es wenigstens Pferde gab. Für das Magazin Spirou  haben wir die Serie Arnaud de Casteloup kreiert Nach zwei Jahren hatte ich bereits zwei Serien am Laufen. Deshalb konnte ich zum Arbeiten in die Schweiz zurückkehren.

Hier suchte ich André Jobin (alias Job) auf, Chefredaktor der Westschweizer Schulzeitschrift "Crapaud à lunettes". Er suchte einen Zeichner für eine originelle Serie. Wir kreierten Pythagore, eine Mathematik-begeisterte Eule. Aber schon während meiner Zeit bei Peyo, träumte ich – zwischen zwei Schlümpfen – von einem kleinen Indianer. Aber er blieb in meiner Zeichnungsschachtel, bis ich ihn Job zeigte. Erst dann kam Yakari in Gang.        

swissinfo.ch: Dann kam Buddy Longway, der Fallensteller, der sich mit einer Indianerin verheiratet, eine Familie gründet und ebenfalls mit einer Comic-Regel bricht. Er wird im Lauf der Zeit älter und stirbt schliesslich..

Derib: Als ich Spirou verliess, traf ich Greg, der Chefredaktor der Zeitung Tintin war. Er hat die Zeichnungen von Yakari gesehen und mich gefragt, ob ich ins Team kommen möchte. Ich war einverstanden unter der Bedingung, Western machen zu können. Darauf hat er mir geschrieben 'Go West'. Und während ich für die Zeitung zeichnete, träumte ich von einem einsamen Fallensteller, aus dem Buddy Longway wurde. Greg machte mir sofort Mut, indem er sagte, 'das ist frisches Blut'. Das war die erste Serie, bei welcher ich auch Drehbuchautor war, also mein eigentliches Debut als Comic-Autor. Ab dem dritten oder vierten Album entschied ich mich, dass es 20 Alben geben soll und Buddy am Ende sterben wird.

Yakari spricht 24 Sprachen

Claude Derib, der Sohn des Malers, Bildhauers und Glasmachers François de Ribaupierre, wurde 1944 in La Tour-de-Peilz geboren. Ausgebildet wurde er an der belgisch-französischen Schule für Comics in Brüssel. Derib gehört zusammen mit Cosey (Jonathan) und Zep (Titeuf) zu den internationalen Referenzen der Comiczeichner.

Derib hat mehr als 80 Alben gemacht, davon 20 der Serie Longway (250'000 verkaufte Exemplare, in 11 Sprachen) und 38 der Serie Yakari (2,5 Mio verkaufte Exemplare, in 24 Sprachen). Der kleine Indianer hat vor allem in Deutschland viel Erfolg. Der zweite grosse Erfolg von Derib ist Jo, ein Comic über Aids-Prävention, mit einer Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren in 13 Sprachen.

Schauplatz der beiden letzten Alben ist die Schweiz: Derib zeichnet die Welt der Kühe des Val d'Hérens (Wallis) und jene der Freiberger-Pferde (Jura). Für seine 50-jährige Karriere hat er zusammen mit seinem Sohn Arnaud "L'aventure d'un crayon" geschaffen, ein Artbook von 150 noch nicht veröffentlichten Zeichnungen oder Aquarellbildern.

Derib hat ein halbes Dutzend Preise erhalten, darunter drei des prestigeträchtigen Festivals von Angoulême.

swissinfo.ch: Sie lieben die Tiere, die Natur, die Indianer …Ist Derib ein Öko-Träumer?

Derib: Ich würde eher sagen, ein unverbesserlicher Optimist, verliebt ins Leben, ein Idealist in Sachen Partnerschaft – die Partnerschaft ist etwas Wichtiges in meinem Leben. Ich habe das Glück, dies mit meiner Frau seit 38 Jahren zu leben und drei grossartige Kinder zu haben.

Natürlich geht es der Welt um uns herum sehr schlecht, wenn man an Afghanistan, Syrien, Afrika… denkt. Immerhin gibt es ein Bewusstsein. Heute können sich alle jederzeit über alles, was auf der Welt geschieht im Internet informieren. Das Internet kann andererseits auch die schlimmste Informationsquelle sein, weil man dort irgendwas erzählen kann.

swissinfo.ch: Nach den Indianern haben Sie ihren Bleistift in den Dienst anderer Dinge gestellt. Das muss für Sie eine Revolution gewesen sein, von der Einsamkeit des Fallenstellers in der Prärie ins Universum der Städte zu wechseln?

Derib: Wenn man das Zeichnen liebt, zeichnet man alles gerne. Ich gebe zu, dass ich lieber ein Pferd und einen Büffel als ein Auto auf der Strasse zeichne, das lässt sich nicht leugnen. Übrigens bin ich dafür nicht sehr begabt, aber ich stelle meinen Bleistift in den Dienst einer Idee, einer Szenerie, die ich zeichne. Und ich strenge mich an, damit sich die Leute von der Erzählung mitreissen lassen.

Das waren sehr schöne Erfahrungen. Von Jo gibt es eine Auflage von 1,3 Millionen Exemplaren in zehn Sprachen, auf ganz Europa verteilt. Die Wirkung war genial und der Kontakt mit den Jungen fabelhaft. Man kann sagen, dass es eine Jo-Generation gibt. Ich, der ich am Anfang nicht überzeugt war, bin mir bewusst geworden, dass es sich gelohnt hat, drei Jahre lang für das Album zu arbeiten.

swissinfo.ch: Heute gibt es bereits das 38. Album von Yakari, und der kleine Indianer hat auch am Fernsehen Erfolg. Welches Mitspracherecht haben Sie bei diesen Zeichentrickfilmen?

Derib: Es ist eine Zusammenarbeit. Die ersten Serien haben wir nach den ersten Episoden von Yakari gemacht. Man schickte uns einen Abriss und wir gaben unsere Meinung dazu. Dann schickten sie uns die Dialoge, und wir korrigierten, was uns für Yakari nicht geeignet erschien. Job und ich sind der Ansicht, dass die Atmosphäre und der Geist der Trickfilme mit jenen des Buches übereinstimmen.

In Deutschland ist Yakari seit 4 bis 7 Jahren die Nummer 1 unter Trickfilmen. Der Erfolg ist so gross, dass sie fürs Fernsehen eine 4. und 5. Serie verlangt haben. Deshalb werden wir rund 30 weitere Episoden von rund 15 Minuten machen. Natürlich arbeiten mehrere Drehbuchautoren mit, weil es bereits mehr Episoden hat als Comics-Alben. Aber wir haben immer unsere Zustimmung gegeben und werden damit weiterfahren.

Jetzt gibt es auch ein Projekt für einen längeren Trickfilm, und in Deutschland ist seit anderthalb Jahren eine Musical-Komödie auf Tournée. Sie kommt so gut an, dass bereits eine zweite vorbereitet wird.

swissinfo.ch: Auch nach einer Karriere von 50 Jahren haben Sie Projekte, darunter eines mit Ihrem Freund und ehemaligen Schulkameraden, dem Astronauten Claude Nicolier.

Derib: Wir sind aus der gleichen Stadt. Im Alter zwischen 5 und 20 Jahren haben wir uns täglich gesehen. Wir waren beide Fans der Zeitschrift Spirou. Er zeichnete Flugzeuge und ich Pferde. Inzwischen haben wir unsere Träume verwirklicht, wir könnten zusammen ein Buch schreiben. Er hat die Verletzlichkeit der Erde von oben herab gesehen, und mir tut es weh zu sehen, wie Tiere massakriert, Wälder gerodet werden und solche Dinge. Wir müssen warten, bis wir Zeit dafür haben, aber wir haben beschlossen, uns 2015 regelmässig zu treffen, um es zu entwickeln. 


(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch

×