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Clavaleyres verlässt Bern Ein Dorf geht – und niemand regt sich auf

"Ich habe gefragt, ob ich die Fusion in die Finger nehmen darf". Jürg Truog, am Fenster ein Berner Wappen.

(Benjamin von Wyl)

Seit über 200 Jahren ist das Dörfchen Clavaleyres eine kleine Berner Insel umgeben von den Kantonen Freiburg und Waadt. Nun will es sich dem Kanton Freiburg anschliessen. Es wird eine Abspaltung in Eintracht.

Clavaleyres: Berner Enklave im katholischen Freiburg.

(srf)

"Gemeindehaus Clavaleyres" steht gross an der Fassade. Darüber prangen das Orts- und das Berner Wappen. Besonders viel Platz braucht diese Gemeinde aber nicht mehr: Sie hat noch einen Raum unterm Dach bezogen. Wenn alles klappt, wird sie wohl auch diesen bald räumen. Aber noch empfängt hier Jürg Truog, der voraussichtlich letzte Gemeindepräsident von Clavaleyres. "Ich hab mich im Raum umgeguckt und gefragt, ob ich die Fusion in die Finger nehmen darf", erinnert er sich an den Anfang seines grössten politischen Projekts vor acht Jahren.

Keinen, Laden, keine Schule, keine Post

Voraussichtlich ab Anfang 2022 wird Clavaleyres keine eigenständige Gemeinde und kein Stück Bern mehr sein, sondern Teil von Murten und des Kantons Freiburg. Dass ein Dorf und fünf Kilometer kurvige Strasse zwischen dem etwas höher gelegenen Clavaleyres und der Kleinstadt am See liegen, scheint unerheblich.

Hier gibt es keinen öffentlichen Verkehr. So ist es immer gewesen.

(Benjamin von Wyl)

50 Menschen leben in Clavaleyres. Hier sind die meisten Bauernhöfe wirklich noch Höfe; nur einer ist zum Mehrfamilienhaus umgebaut. Die Autobahn ist nah, aber eine Zufahrtstrasse gibt es nicht. Clavaleyres hat keinen Laden, keine Schule, keine Post. Wer auf dem Zivilstandsamt heiraten will, muss bis Bern reisen. Mit dem Auto erreicht man die Hauptstadt in etwa einer halben Stunde – und eine Alternative zum Auto fehlt in Clavaleyres: Öffentlichen Verkehr gibt es nicht. Gemeindepräsident Jürg Truog sagt: "Kinder nehmen das Velo. Sonst haben alle ein Auto. So ist es immer gewesen." Clavaleyres wolle wachsen, ja – aber nur sehr langsam und behutsam. Eine Busverbindung vermisse niemand.

"Französisch reden sie nicht so gern"

Beim Rundgang durch den Dorfkern begegnet Truog dem Postboten. „Bonjour, wie geht's?“, ruft ihm der Gemeindepräsident auf Französisch zu. Der Postbote fährt aus dem Kanton Waadt an. Die Feuerwehr ist schon bisher in Murten, im Kanton Freiburg. Grundschüler besuchen die Schule im nächsten Bernischen Dorf. Die Gemeinde ist eine 101 Hektar grosse Berner Exklave an der Kantonsgrenze zwischen Freiburg und Waadtland. In Clavaleyres aber, das ist ganz klar, wird Berndeutsche Mundart gesprochen. „Die Bauern hier haben guten Kontakt mit der Romandie, aber Französisch reden sie nicht so gern“, schmunzelt Truog.

"Ich war schon früher der Troubleshooter." Gemeindepräsident Jürg Truog.

(Keystone / Alessandro Della Valle)

Jürg Truog ist 76, hat in allen Ecken der Schweiz gelebt und ist früher – in seinem Job in der Telekommunikationsbranche – quer durch das ganze Land gefahren. Bis zu 600 Kilometer habe er an einem Arbeitstag jeweils zurückgelegt. Nach der Pensionierung ist er nach Clavaleyres gekommen.

Dann war klar: Ein Wechsel ist unumgänglich

Nur ein halbes Jahr hat er im Dörfchen gelebt, da haben ihn die Stimmberechtigten bereits in den Gemeinderat gewählt. Dabei sei Politik früher nicht seine Sache gewesen. Trotzdem findet er: „Wenn man in einem Ort Anschluss sucht, hat man drei Möglichkeiten: Feuerwehr, Sportverein oder Politik.“ In Clavaleyres gibt es keine Vereine und auch keine Feuerwehr. Truog ist die Politik geblieben. Schnell hat er gemerkt, wie sehr ihm dieses Engagement liegt. Taktieren, einschätzen, überzeugen, Probleme lösen. "Schon in der Bude war ich als Troubleshooter bekannt."

Das Problem von Clavaleyres war offensichtlich und Truog nahm sich ihm nach seiner Wahl zum Gemeindepräsidenten an. Er war nicht der erste, der es versucht hat. Oft sind Gemeindefusionen ein kontroverses Thema. Auch in Clavaleyres hat man einschlägige Erfahrung: Vor 125 Jahren sperrte sich Clavaleyres gegen den Zusammenschluss mit dem bernischen Münchenwiler. In jüngerer Zeit waren es wiederum die Einwohnerinnen und Einwohner dieses nächsten Berner Dorfs, die Clavaleyres nicht bei sich aufnehmen wollten. Weitere Möglichkeiten sind geprüft worden. Am Ende war klar: Der Kantonswechsel ist unumgänglich.

Über Identität hat man kaum diskutiert: Gemeindepräsident Truog im Gespräch mit einem Mitbürger.

(Keystone / Alessandro Della Valle)

Nachdem sich Jürg Truog 2012 in der Gemeindeversammlung rumgeguckt hatte und alle Hände nach oben gegangen waren, trat Clavaleyres mit dem Fusionsprojekt an die Berner Kantonsregierung heran. Die Stimmberechtigen von Murten und Clavaleyres mussten dem Zusammenschluss ihren Segen ebenso geben wie die Parlamente von Bern und Freiburg. Anfang Februar folgt die Volksabstimmung in beiden Kantonen und danach wird auch noch das Bundesparlament über Clavaleyres Zukunft befinden.

Aussicht auf tiefere Kosten

Ein langer Prozess. Auf jede Person in Clavaleyres kommen schliesslich etwa zehn Mal so viele Politikerinnen und Politiker, die sich mit dem Kantonswechsel der Kleinstgemeinde befassen.

Hört man Truog eine Weile lang zu, spürt man die Begeisterung, mit der er sich auf die Sitzungen mit Verwaltung, Politik und Rechtsexperten eingelassen hat. Verhandeln, analysieren, überzeugen: Er scheint eine Passion für das politische Handwerk zu haben. Nicht selten sei er nachts wachgelegen. Ein Stein sei ihm nach der – geheimen – Abstimmung in Clavaleyres vom Herzen gefallen: hohe Stimmbeteiligung, 26 Stimmen für die Fusion, nur acht dagegen.

Das Wappen an der Fassade des Gemeindehaus; das Berner Emblem im Fenster: Hat Truog befürchtet, dass die Berner Identität zu stark ist für einen Kantonswechsel? Er zuckt mit den Schultern. Über Identität habe man kaum diskutiert. Kontroverser sei die Frage, ob Clavaleyres als Ortschaft der Gemeinde Murten weiterhin in Praktischem, etwa der Verpachtung des Gemeindebodens an Bauern, autonom bestimmen kann. Dafür habe man eine Lösung gefunden.

Dorfkern von Clavaleyres: 26 Stimmen waren für die Fusion, nur acht dagegen.

(Benjamin von Wyl)

Konkret bringt der Kantonswechsel den Leuten in Clavaleyres Vorteile, rechnet Truog vor: Die Steuern sollen ebenso sinken wie die Kosten für die Krankenkasse. Das sind aber alles Nebenschauplätze. Der Grund, weshalb die Fusion unausweichlich wurde, war ein anderer: „Wir haben einfach keine Leute mehr für den Gemeinderat gefunden.“

Keine Frage der Konfession

So sieht es auch Paul Herren. Wie Truog ist seine erste Reaktion, als ihm Swissinfo die Identitätsfrage stellt, ein Schulterzucken. „Die Fusion ist der vernünftige Weg“, sagt der Bauer, „Im Kanton Bern war ich immer zufrieden. Ich glaube, ich werde auch im Freiburgischen zufrieden sein.“ Herren spricht breitestes Berndeutsch und scheint keine Angst zu haben, dass ihm der Kantonswechsel die Identität raubt. Natürlich werde er aber das Berner Autokennzeichen aufbewahren.

Breitestes Berndeutsch: Bauer Paul Herren.

(Benjamin von Wyl)

Freiburg ist ein urkatholischer Kanton. Ein Übertritt zum, wie Bern, protestantischen Kanton Waadt, kam für Clavaleyres nicht infrage. Heute ist die Sprache entscheidender als die Konfession. Ohnehin sind Kantonswechsel in der Schweiz sehr selten. Meist verhindern jene Kantone, denen Gebietsverlust droht, den Übertritt. Viele Stimmen in der Berner Kantonspolitik bedauern, das Clavaleyres gehen will, aber fast alle äussern Verständnis.


Warum die Regierung nicht opponiert
Bei Clavaleyres handle es sich um einen "absoluten Sonder- und Ausnahmefall", erklärte Regierungsrätin Evi Allemann (SP) Anfang Januar gegenüber der Öffentlichkeit, warum die Berner Regierung den Plan von Clavaleyres unterstützt. Wie sehr sie die spezielle Lage in Clavaleyres herauszeichnet, ist nachvollziehbar, denn am anderen Ende des Kantons bleibt die Jura-Frage aktuell: Dort will nächsten Sommer Moutier erneut über einen Kantonswechsel befinden. Ganz im Gegensatz zu Clavaleyres ist diese Abstimmung sehr kontrovers. Dementsprechend schreibt Allemann auf Anfrage von Swissinfo.ch, die Situation in der Berner Exklave sei mit Moutier weder "politisch, geografisch, noch von der Grösse her" vergleichbar.

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