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Eugen Gomringer Debatte um Schweizer Gedicht

Der Schweizer Dichter Eugen Gomringer

Der Schweizer Dichter Eugen Gomringer vor dem Max Liebermann Haus am Pariser Platz in Berlin, an dessen Fassade eine Kopie seines umstrittenen Gedichts hängt.

(Keystone)

Ist das Zensur? Oder das gute Recht der Hausherren? In Berlin wird ein Gedicht des renommierten Schweizer Poeten Eugen Gomringer an der Wand einer Hochschule überstrichen, weil Studierende es sexistisch finden. Der Dichter ist entsetzt, die Debatte aufgeheizt.

Dabei begann alles einst ganz einmütig. 2011 brachte die Alice Salomon Hochschuleexterner Link im Osten Berlins das von ihr selbst gewählte "avenidas", ein frühes Werk Gomringers, in riesigen Lettern an ihre Fassade an. Es war damals auch eine Hommage an den mittlerweile 93-jährigen Künstler, der in jenem Jahr den Alice Salomon Poetik Preis erhalten hatte.

Das Gedicht ist kurz, nur 20 Wörter lang. Frauen, Blumen und Alleen tauchen in verschiedenen Kombinationen auf. Den Schlusspunkt setzt ein "admirador", ein männlicher Bewunderer der Strassenszene.

"avenidas"

avenidas/avenidas y flores/flores/flores y mujeres/avenidas/avenidas y mujeres/avenidas y flores y mujeres y/un admirador

Deutsche Übersetzung:

Alleen/Alleen und Blumen/Blumen/Blumen und Frauen/Alleen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer

An eben diesem Bewunderer entzündete sich bereits im Frühjahr 2016 vehemente Kritik aus der Studentenschaft. Die Alice Salomon Hochschule bildet Sozialarbeiter aus, die Mehrzahl der 3700 Studenten sind Frauen.

Eine Gruppe dieser erinnerte ein Mann, der Frauen beobachtet, "unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind", so heisst es in der Erklärung der Studentenvertretung. "avenidas" stehe in einer "klassischen patriarchalen Kunsttradition, in der Frauen ausschliesslich als Musen auftauchen".

Nach langer Diskussion und einer Abstimmung entschied die Hochschule schliesslich im Januar 2018, Gomringers Gedicht im Herbst im Zuge einer Sanierung überstreichen zu lassen.

"Ignorante" Studentinnen

Eugen Gomringer bleibt fassungslos angesichts der Entscheidung und des ihm unterstellten Sexismus. "Anstrengend und zeitweilig zu viel", sei die Debatte der vergangenen Monate gewesen, sagt er im Gespräch mit swissinfo.ch. Gomringer möchte lieber über sein Gesamtwerk und seine Zukunftspläne sprechen, als immer und immer wieder die Kontroverse zu kommentieren.

Gedicht an Hauswand

Noch prangt das Gedicht "avenidas" des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer in grossen Lettern an der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin.

(Keystone)

Und doch entzieht er sich ihr nicht. Zuletzt reiste der Dichter im März nach Berlin und diskutierte öffentlich mit zwei Vertreterinnen der Hochschule, die ihre Entscheidung zu verteidigen suchten. Anschliessend berichteten die Medien mitfühlend über den für den Künstler so quälenden Abend, der die Gräben eher vertieft denn zugeschüttet hat.

"Ignorant" seien die Studiernden, sagt Gomringer. Sie verstünden einfach nicht, worum es ihm in "avenidas" gegangen sei. Sicher nicht um die Darstellung eines lüsternden Betrachters.

"avenidas" begründet Konkrete Poesie

67 Jahre sind die Zeilen alt. Für den Dichter markiert sein frühes Gedicht die Begründung der so genannten Konkreten Poesie. "avenidas war mein erstes Gedicht in dieser Form", sagt er, der selbst den Begriff Konstellation verwendet. Wenige Wörter werden immer wieder neu zusammengefügt. Sein Vorwurf an die Studentinnen: "Die haben sich gar nicht mit dem Kontext der Entstehung auseinandergesetzt."

"Die haben sich gar nicht mit dem Kontext der Entstehung auseinandergesetzt."

Eugen Gomringer

Ende des Zitats

Die Debatte hat Gomringer in Deutschland ungewollt eine enorme Medienpräsenz eingebracht und zugleich viel Sympathie. Doch auf den Rummel hätte er gerne verzichtet. Er galt auch zuvor als bedeutender zeitgenössischer Autor, dessen Ruf weit über Deutschland und die Schweiz hinaus strahlt.

Nach wie vor verfasst Gomringer in seinem Haus im oberfränkischen Rehau, wo er mit seiner Frau auch ein Kunsthaus betreibt, Lyrik und Aufsätze. "Ich bin mehr denn je aktiv", erzählt er. Vor einigen Jahren wandte er sich den Sonetten zu, begann eine "völlig neue Phase", wie er sagt.

Wenn Eugen Gomringer nicht am Schreibtisch sitzt, reist er zu Diskussionen und Lesungen oder besucht seine Verlage, auch in der Schweiz. Jeden Monat sei er in seinem Heimatland und fühle sich der Schweiz nach wie vor verbunden, so der Dichter. Im März erschien dort im Nimbus-Verlag sein neuestes Buch: "poema", eine Sammlung seiner wesentlichen Gedichte, begleitet durch Essays von Kollegen.

Viel Rückendeckung

In Deutschland hat die Entscheidung, "avenidas" überstreichen zu lassen, für helle Empörung und eine hitzige Debatte um die Freiheit der Kunst in Zeiten der politischen Korrektheit geführt.

Eine Berliner Wohnungsbaugesellschaft kündigte mit markigen Worten an, das Gedicht aus Protest an seiner Fassade in noch grösseren Lettern zu verewigen. Neben dem Brandenburger Tor flatterte sechs Wochen lang ein grosses mit "avenidas" bedrucktes Banner. Am Hochhaus des Springer-Verlags lief das Gedicht weit sichtbar über das digitale Leuchtband am Dach des Gebäudes.

Auch die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters, der deutsche PEN Club und viele Künstler verurteilten die Entscheidung der Hochschule. Der Grundtenor: Ein paar hysterische Studentinnen würden hier aus einem Übermass an politischer Korrektheit die Kunst zensieren.

"Tugendterrorismus", "barbarischer Schwachsinn", so empört, harsch und persönlich droschen Kritiker zeitweilig auf die Studentinnen ein, dass sich Eugen Gomringers Tochter Nora, selbst eine bekannte Lyrikerin und bekennende Feministin, veranlasst sah, die jungen Frauen zu schützen.

Eugen Gomringer am 28. Januar 2015 im Literaturhaus in Zürich.

(Keystone)

In dem Streit gelte es auch, deren Würde zu wahren, so Nora Gomringer. Es sei das gute Recht der Studentinnen, "avenidas" zu kritisieren, sagt sie. Doch wie dies geschehe, der Umgang mit dem Werk und ihrem Vater, das bringt sie in Rage. "Ich bin entsetzt und enttäuscht darüber, dass mutwillig Dinge hineingelesen wurden, die nicht darin stehen", sagte sie in einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

Mit Folien für die Freiheit der Kunst

Derweil hat sich Nora Gomringer mit ganz eigenen kreativen Mitteln zur Verteidigerin von "avenidas" gemacht. Unter anderem liess sie das Gedicht auf Folie drucken und versendet es auf Anfrage in die ganze Welt. Verfechter des freien Wortes kleben die wieder entfernbaren Folien im öffentlichen Raum oder zuhause auf und schicken Fotos. Auf Instagram ist das Ergebnis als Bildergalerie unter "#avenidaswall"externer Link zu betrachten.

Ihr Vater ist für die Unterstützung seiner Tochter dankbar, er möchte sich wieder mehr auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren, auf das, was ihm wichtig ist. Doch trotz all des Frustes habe die Auseinandersetzung auch etwas Gutes bewirkt, sagt er: nämlich eine leidenschaftlich geführte fruchtbare Debatte um die Freiheit der Kunst.

Vertreter der Alice Salomon Hochschule haben derweil ihren zweiten Besuch in Gomringers Wohnort Rehau angekündigt. Zu welchem Zweck, das ist ihm jedoch unklar. "Wir wissen nicht, was das noch für einen Sinn haben soll", sagt er. Aber das werde man ja sehen, wenn die Berliner Delegation dann vor der Tür stehe. Zuviel Gedanken will er daran eigentlich nicht mehr verschwenden.

Eugen Gomringer, Sohn einer bolivianischen Mutter und eines Schweizer Vaters, wurde 1925 in Bolivien geboren und zog als Kind in die Schweiz.

Er studierte in Bern und Rom Nationalökonomie und Kunstgeschichte und gründete 1953 mit Dieter Roth und Marcel Wyss die Zeitschrift Spirale.

Von 1954 bis 1958 war Gomringer Max Bills Sekretär an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, von 1962 bis 1967 Geschäftsführer des Schweizerischen Werkbundes in Zürich.

Seit 1967 lebt Gomringer mit seiner Familie im oberfränkischen Rehau. Von 1977 bis 1990 hatte er eine Professur für Theorie der Ästhetik an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf inne. Gomringer gilt als Vater der konkreten Poesie.

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