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Geisterstadt Bern

Mit Anzug, weissem Hemd und Fliege – Geister legen Wert auf standesgemässe Kleidung – führt Alfred Erismann Interessierte durch das spukende Bern.

Dabei verbinden sich das Dies- und Jenseits der Schweizer Bundesstadt zu Einblicken, welche die offizielle Geschichtsschreibung gerne ausblendet.

"Es gibt in Bern nicht mehr ruhelose Seelen als in andern Städten auch. Nur hat Bern das Glück, dass Leute wie die Journalistin Hedwig Correvon (1876-1955) oder der Archivar und Mythenforscher Serguis Golowin sie aufgeschrieben haben", sagt Alfred Erismann.

Der 58-jährige Unternehmensberater ist ein gewöhnlich Sterblicher. So scheint es wenigstens, wenn er punkt acht Uhr beim ehemaligen Frauengefängnis in Bern um die Ecke biegt und zur Altstadtbesichtigung der besondern Art einlädt. Nach dem Besuch bei unzähligen Gespenstern ist dieser Befund allerdings nicht mehr so eindeutig.

Also denn, Kopf unter den Arm und los geht es zur Stadtwanderung "Bern im Lichte seiner Spuk- und Gespenstergeschichten". Zartbesaiteten Personen wird von der Teilnahme dringendst abgeraten. Möglicherweise auch, weil da eine Vergangenheit der Bundesstadt auftaucht, die nicht immer so vorteilhaft ist, wie die Obrigkeit es heute gerne hätte. Jedenfalls, BernTourismus lehnt es weiterhin ab, Erismanns Führungen in ihr offizielles Programm aufzunehmen.

Zytglogge und Chindlifresser

Wir stehen beim "Wyberchefi". Bevor dem markanten Turm 1530 eine Uhr eingebaut wurde, war Berns Wahrzeichen, der Zytgloggeturm, ein Frauengefängnis. Wohl möglich, dass da noch einige Scharfrichter nicht zur Ruhe kommen.

Weiter geht es zu einem ebenfalls häufig fotografierten Wahrzeichen der Brunnen-Stadt Bern: zum Chindlifresserbrunnen. Wie nur kann diese Brunnenfigur auf dem Sockel Babys verspeisen? Als die Stadt noch jung war, sei der Ort, wo wir jetzt stehen, eine Wiese vor der Stadt gewesen.

"Bern war immer stark untertunnelt, hatte viele Durchgänge", sagt Erismann und zeigt nach rechts, wo einst ein Männerkloster stand, zeigt nach links, wo sich das Frauenkloster befand. "Welche zwei Gebäude sind wohl durch einen Tunnel verbunden gewesen?" fragt er.

Genau da, wo wir heute stehen, sollen unter Tag all die Kinder, die nicht leben durften, im Durchgang irgendwo "entsorgt" worden sein, sagt Erismann. "Um Mitternacht – wenn die Nebel leise tanzen, dürfen die Kinder für eine Stunde leben. Sie kommen nach oben, tanzen mit den kalten Nebelschwaden und verschwinden um ein Uhr wieder."

Auch Stadtgründer spukt

Erismann sagt es, blickt zur Kinder fressenden Brunnenfigur hoch und strebt mit eiligen Schritten von dannen in die Brunngasse, wo der Geist einer alten Dienstfrau umgeht, zum Rathaus, wo der unehrliche Schatzmeister noch heute den von den Franzosen geraubten Staatsschatz betrauert.

Vorbei an Berns allererstem Briefkasten von 1674. Ein Postkutscher der Fischerschen Post, der die Rösser quälte, wartet immer noch auf seine Erlösung.

Erismann erzählt, warum es bei der Nydeggkirche, wo einst das Schloss von Stadtgründer Herzog Bechtold dem Fünften stand, spukt. Selbst der Stadtgründer steigt vom Denkmalsockel und geht sinnend durch die Kreuzgasse. Offensichtlich gefällt ihm nicht, was er sieht.

Burg verschwunden

Erismann redet sich ins Feuer. Und als er auf den Burgtreppenbalzli zu sprechen kommt, der sich auf Berner Männer stürzt und sie verprügelt, da leuchten die Augen des Erzählers, und in der kalten Winternacht tauchen die lärmenden Handwerker auf und beginnen die Burg Nydegg zu schleifen und sie aus den Chroniken zu verbannen.

Es ist höchste Zeit weiter zu gehen, vorbei am legendären Gespensterhaus Junkerngasse 54 über das es Filme und Untersuchungen gibt und in dem es laut Erismann "ganz sicher" nie gespukt hat, "denn es war immer ein Lagerhaus".

Weiter gehts über den Münsterplatz, der für die Gespenster ein ganz gefährlicher Ort ist. Die Kirche kämpft hart um den Alleinanspruch für unsere Seelen im Dies- und Jenseits. Alfred Erismann wird ab und zu als Ketzer bezeichnet.

Vatter Nägeli

Die Geistertour endet an der Fricktreppe, die von der Oberstadt an die Aare hinunter führt.

Alfred Erismanns Wangen glänzen, hat er doch eben vom General und Freund von Friedrich dem Grossen, von Robert Scipio Lentulus erzählt, der aus Sorge um die Stadt keine Ruhe findet.

Und nun spukt auch noch der Eroberer der Waadt, Hans Franz Nägeli, durch Bern. Die Pest raffte einst seine drei Söhne hinweg. Sucht er sie immer noch?

Erismann steht auf der Treppe und erzählt mit leicht bebender Stimme und ruft: "Vatter Nägeli, Vatter Nägeli!"

Da steht der alte Krieger und Schultheiss plötzlich hinter uns. Sein Beinkleid, sein kurzer Rock, der Kapot über dem Arm wirken abgegriffen. Seine Stimme ist nach wie vor kräftig: "Was weit dr?".

Erismann lächelt. Mich friert. Da scheinen sich zwei gut zu kennen. Dann ist der Spuk vorbei. Bern liegt in der kalten Winternacht. Niemand mehr ist in den Gassen. Doch um Mitternacht wird hier der Teufel los sein.

swissinfo, Urs Maurer, Bern

In Kürze

Alfred Erismann ist 58-jährig, verheiratet, Vater von drei erwachsenen Töchtern.

Firmeninhaber und Unternehmensberater. Referent an Fachhochschulen.

Ersten Zugang zu den übernatürlichen Wesen erhielt er durch seinen Vater.

Seine Geschichten hat er im Buch "Bern im Licht seiner Spuk- und Gespenstergeschichten" (Verlag Benteli) niedergeschrieben.

Die gleichnamige Stadtführung findet bei jeder Witterung (jedoch vor Mitternacht) statt.

Mehr als 2500 Personen haben bis heute daran teilgenommen.

Fakten

Spuk

Unheimliche, physikalisch nicht erklärbare Geschehnisse, wie sich selbständig bewegende Gegenstände.

Geister

Indogermanisch gheis: "der am meisten erschauern lässt". Wirklich existierende Wesen aus einer andern Welt, wie verstorbene Ahnen.

Gespenster

Vom althochdeutschen spanan: "die Sinne verführen". Hirngespinste oder aus der Sicht der Kirche: "Teuflisches Blendwerk". Es sind übernatürliche Gestalten.



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