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Traditionen


Was Sie über das Schwingfest wissen sollten




Der Stier – Siegerpreis für den Schwingerkönig – posiert mit seinem Hirten und Lauriane Sallin, Miss Schweiz 2016. (Keystone)

Der Stier – Siegerpreis für den Schwingerkönig – posiert mit seinem Hirten und Lauriane Sallin, Miss Schweiz 2016.

(Keystone)

Der Broye-Bezirk lädt am letzten August-Wochenende zur 44. Ausgabe des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests. Am grössten Sportanlass der Schweiz, der alle drei Jahre während drei Tagen durchgeführt wird, werden 250'000 Besucherinnen und Besucher erwartet.

Trotz einer Fülle von Festivals und anderer Spektakel dürfte das diesjährige Schwingfest der am meisten beachtete Grossanlass des Jahres werden, sowohl für die Bevölkerung als auch für die Touristen. Das Stelldichein findet seit Ende des 19. Jahrhunderts statt und ist eine veritable Institution geworden.

1. Gigantismus

Das Schwingfest ist das Ergebnis einer langen Tradition. Zum ersten Mal wurde es 1895 durchgeführt. Seither findet es alle drei Jahre statt. An der letzten Ausgabe 2013 in Burgdorf (Kanton Bern) schwang der Berner Matthias Sempach oben aus. 

Tradition hat auch, dass das Schwingfest alle 15 Jahre in der Romandie stattfindet. 2001 in Nyon (Waadt), 1986 in Sion (Wallis), 1972 in La-Chaux-de-Fonds (Neuenburg), 2016 in Estavayer-le-Lac (Freiburg), weshalb die 44. Ausgabe unter dem Titel Estavayer2016 läuft.

Die Wettkämpfe werden allerdings auf dem Gelände ausgetragen, das vom 7 km entfernten Militärflugplatz Payerne im Kanton Waadt zur Verfügung gestellt wird. Das Freiburger Städtchen organisiert immerhin die Eröffnungszeremonie vom Freitag, die den traditionellen folkloristischen Umzug ersetzen wird.

 Es ist nicht übertrieben, vom grössten Sportanlass des Landes zu sprechen. Die letzte Ausgabe in Burgdorf hat mit einer Zuschauerzahl von 300'000 einen Rekord erzielt. Im Broye-Bezirk werden zur diesjährigen Ausgabe mehr als 250'000 Besucherinnen und Besucher erwartet.

Auch andere Zahlen bekräftigen das Ausmass des Anlasses: ein Budget von 25 Millionen Franken, 4000 freiwillige Helfer, ein Festplatz von 90 Hektaren, ein Camping mit 20'000 Plätzen.

2. Überlieferte Spiele

Schwingen hat eine sehr lange Tradition, die bis ins 13. Jahrhundert zurückgeht. Anfänglich wurde die Sportart ausschliesslich von Bauern in alpinen Regionen praktiziert. Nachdem der Bauernsport fast verschwunden war, hat er sich im Lauf des 19. Jahrhunderts – parallel zur Entwicklung eines Nationalbewusstseins – zum Nationalsport gemausert.

Auf Französisch heisst die Sportart "lutte à la culotte" (Kampf in kurzer Hose), weil sich die Athleten an der Jute-Hose des Gegners festklammern müssen. Der Wettkampf wird auf einer kreisförmigen, mit Sägemehl bedeckten Fläche ausgetragen. Das Resultat hängt vom Entscheid einer dreiköpfigen Jury ab.

Schwingen ist raffinierter, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Heute sind im Schwinger-Lehrbuch rund hundert Schwünge festgehalten. Aber meistens kommen nur etwa fünf zur Anwendung.

Zum Älplerfest gehören neben dem Schwingen zwei weitere Disziplinen. Beim Steinstossen geht es, wie es der Name antönt, darum, einen schweren Stein so weit wie möglich zu werfen, bzw. eben zu stossen. Dabei gibt es mehrere Kategorien: das Stossen eines 20 kg schweren Steins mit Anlauf, das Stossen eines 40 kg schweren Steins ohne Anlauf und das Stossen eines 83,5 kg schweren Steins (der berühmte Unspunnenstein, benannt nach einer Wiese unterhalb Interlakens im Kanton Bern) mit oder ohne Anlauf.

Eine weitere Disziplin ist das Hornussen, eine Mannschafts-Sportart, die man als Mischung zwischen Golf und Baseball beschreiben kann. Ein Spieler eines Teams schlägt den "Nouss", eine Art abgerundeter Puck (heute aus Hartgummi) mit einem rutenförmigen, elastischen Schläger (Stecken) so weit wie möglich ins gegnerische Spielfeld (Ries) hinein. Die gegnerische Mannschaft versucht, das Projektil mit der Schindel (Holzschilder) so früh wie möglich zu stoppen. Wenn die Nouss auf den Boden fällt, ohne vorher abgefangen zu werden, wird die Abwehr-Mannschaft bestraft. Die Strafen bestimmen die Punktezahl der schlagenden Mannschaft.

3. Vor geschlossenem Schalter

Obwohl sie eine Kapazität von 52'016 Plätzen aufweist, was sie zum grössten (kurzlebigen) Stadion des Landes macht, ist die Arena, in der die Wettkämpfe ausgetragen werden, bereits total ausverkauft. Im Mai wurden die 4016 Eintrittskarten, die dem Publikum verkauft wurden, in weniger als zwei Stunden abgesetzt.

Wer keine Eintrittskarte hat, kann die Wettkämpfe auf grossen Bildschirmen verfolgen, die auf dem Gelände installiert werden. Kostenlos ist der Eintritt zu den Austragungen im Steinstossen und Hornussen.

Auch die Teilnahme an der Eröffnungsfeier sowie an sämtlichen kulturellen Darbietungen, die auf neun Bühnen gezeigt werden, ist gratis.

"Ich dachte, die Schweiz ist eine Demokratie!" – Am Sonntag krönt die Schweiz ihren neuen Schwingerkönig, von Marina Lutz (26.8.2016) (Marina Lutz)

"Ich dachte, die Schweiz ist eine Demokratie!" – Am Sonntag krönt die Schweiz ihren neuen Schwingerkönig, von Marina Lutz (26.8.2016)

(Marina Lutz)

4. Von Sponsoren umschwärmte Amateure

Das Schwingfest pflegt seinen volkstümlichen Amateurcharakter. Die Athleten erhalten keine Gagen in Form von Geld. Die Tradition verlangt Preise aus Naturalien. Der Schwingerkönig, wie der Sieger genannt wird, erhält einen lebendigen Stier. Die Preisverleihung findet in einem speziellen Gabentempel statt.

Die Amateurseite des Anlasses wird allerdings durch die starke Präsenz verschiedener Sponsoren bedrängt. Für die Finanzierung scheinen sie unverzichtbar zu sein, denn das Budget eines Schwingfestes beläuft sich heute auf rund 25 Millionen Franken.

Diese Entwicklung hin zu einer Medien- und Kommerzveranstaltung ruft Kritik hervor, wie swissinfo.ch schon beim letzten Anlass in Burgdorf festgestellt hat: 

5. Idealisierte Schweiz?

Ob kultureller oder sportlicher Natur, das Eidgenössische Schwingfest hat auch eine soziologische Funktion. Es geht um Momente der nationalen Einheit, der Verherrlichung der "ewigen Schweiz".

Aber für Kritiker ist die Verherrlichung einer alpinen, traditionellen und ländlichen Schweiz aus politischer Sicht nicht neutral. Sie entspricht im Wesentlichen einer von den Rechtskonservativen idealisierten Schweiz. Einige Medien kritisierten während der letzten Austragung in Burgdorf die "Inszenierung helvetischer Klischees".


(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler)



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