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Imam-Ausbildung


"Im Geist der Tradition von Toleranz und Offenheit"




Einige Monate sind vergangen seit der Ankündigung, an Schweizer Universitäten künftig Imame auszubilden. Mit einem solchen Studiengang soll die Debatte um Muslime in der Schweiz eine bessere Qualität erhalten. Dies erhofft sich Antonio Loprieno, Leiter der Arbeitsgruppe zu diesem Thema, im Interview.

Gegenwärtig begeht die muslimische Gemeinde weltweit den Fastenmonat Ramadan. Auch in der Schweiz drängen tausende gläubige Musliminnen und Muslime in die Gebetsräume. Eine wichtige Rolle kommt dabei dem Imam zu, der gemeinsam mit der Gemeinde betet.

Mitte März dieses Jahres wurde an einer Tagung beschlossen, dass die Schweizer Hochschulen zusammen mit den muslimischen Gemeinden Grundlagen für die Imam-Ausbildung erarbeiten sollen. Eine Arbeitsgruppe unter Leitung des Basler Ägyptologie-Professors und Präsidenten der Rektorenkonferenz, Antonio Loprieno, ist nun daran, eine Universität zu suchen, die sich als Zentrum für einen solchen Lehrgang zur Verfügung stellt.

swissinfo.ch: Sie sprechen bewusst nicht von Imam-Ausbildung. Warum?

Antonio Loprieno: Imam ist eine Berufsbezeichnung, die im Ermessen der muslimischen Gemeinde liegt. Genauso wenig wie Schweizer Universitäten Pfarrer oder Priester, sondern Theologen ausbilden, möchten wir auch im Fall des Islams ein theologisches Curriculum (Lehrprogramm, die Red.) entwickeln.

Und zwar in der Erwartung, dass wenn dieses Curriculum qualitativ hochstehend ist, muslimische Gemeinden diese Absolventen als Imame anstellen könnten.

swissinfo.ch: Man hat bereits einmal einen Versuch unternommen, Imame und Personen auszubilden, die beruflich mit Muslimen zu tun haben. Das Projekt in Freiburg wurde vor Beginn abgebrochen. Fehlte das Vertrauen von muslimischer Seite?

A.L.: Vertrauen ist eine sehr wichtige Komponente, auch bei den Diskussionen, die wir in den letzten zwei Jahren geführt haben. Wir mussten in dieser gemeinsamen Arbeitsgruppe auch aufeinander zugehen und uns zwischen den zwei Gruppen, die miteinander ein solches Curriculum entwickeln wollen, vertrauen.

In diesem Sinn sind frühere Versuche wahrscheinlich auch deshalb gescheitert, weil sie entweder nur von der einen oder nur von der anderen Seite begünstigt wurden.

Antonio Loprieno

Der gebürtige Italiener ist Ägyptologe, Universitätsprofessor und Rektor der Universität Basel. Als Student belegte er Arabistik im Nebenfach.

Seit Mai 2008 ist er Präsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS).

Zudem präsidiert er den Kirchenvorstand der Basler "Chiesa evangelica di lingua italiana".

Seit 2010 leitet er die Arbeitsgruppe des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation, die sich mit der Imam-Ausbildung in der Schweiz befasst.

Die zwei Jahre an der Spitze der Arbeitsgruppe seien für ihn persönlich "sehr interessant" gewesen, "weil ich zum ersten Mal die Chance hatte, mit muslimischen Gelehrten richtig debattieren zu können und auch eine Form von Dialog zu entwickeln, die mit bisher verschlossen geblieben war".

swissinfo.ch: Auch die Frage der Sprache war in Freiburg ein Problem. Müsste der Studiengang auch aus diesem Grund an mehreren Universitäten angeboten werden?

A.L.: In unserer Arbeitsgruppe sind Imame aus den drei Sprachregionen vertreten. Es wird wahrscheinlich schwierig sein, alle drei Landessprachen zu berücksichtigen. Aber mindestens in zwei davon – Deutsch und Französisch – wollen wir in verschiedenen Zentren einige Aspekte dieser Ausbildung anbieten.

swissinfo.ch: Es gibt in der Schweiz verschiedene islamische Strömungen, die weniger homogen sind als in anderen Ländern, wie ein Bericht des Bundesrats zeigt. Können die verschiedenen Fraktionen in einem solchen Curriculum überhaupt alle berücksichtigt werden?

A.L.: Ich glaube, die einfache Antwort auf Ihre Frage ist: Nein. Aber es ist auch nicht das, was wir anvisieren. Wir möchten einen Anfang machen, ein Zeichen setzen. Insofern werden wir schauen, welche Person qualifiziert ist, um so ein Curriculum zu leiten. In der Erwartung, dass diese Person auch im Geist der Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Strömungen offen sein wird.

Ziele und Finanzierung des Kurses

Die Arbeitsgruppe "Imam-Ausbildung" verfolgt gemäss Antonio Loprieno mit dem Kurs drei Ziele:

1. Die Etablierung eines neuen Fachs, das bisher in der akademischen Landschaft fehlte: Islamische Theologie

2. Leisten eines Beitrags zur Gestaltung einer qualitativ hochstehenden Führung und Organisation der muslimischen Gemeinden in der Schweiz

3. Eine bessere Integration der islamischen Gruppen und Gemeinden in der Schweiz

Finanziert werden soll der Kurs erstens über die Universitäten, zumindest jene, die als "Leading House" fungiert, zweitens über den Bund durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, und drittens über eine Stiftung, "die zumindest für die ersten Jahre dieses Studium für jene finanziert, die nicht über grosse Liquidität verfügen, so dass wir für die ersten etwa fünf Jahre eine kritische Masse an Absolventen erreichen können", so Loprieno.

swissinfo.ch: Was für eine Person und Struktur schwebt Ihnen vor?

A.L.: Wir benutzen in diesem Fall das Konzept des "Leading House": Eine Universität gründet ein Zentrum mit mindestens einer Professur, natürlich muslimischen Bekenntnisses, genauso wie die Theologen unserer Fakultäten auch christlichen Bekenntnisses sind.

Diese Person sollte einerseits in der jeweiligen Theologischen Fakultät als Wissenschaftler tätig sein, andererseits ein Curriculum entwickeln, in Zusammenarbeit mit verschiedenen Schweizer Fachhochschulen und Universitäten.

swissinfo.ch: Geht es bei der Idee eines Kurs-Angebots nicht auch darum, die Muslime in der Schweiz zu kontrollieren, den Tätigkeiten von Imamen Leitplanken zu setzen?

A.L.: Kontrolle ist natürlich ein Wort mit bestimmten Konnotationen. Wir wollen nicht irgendwie selektieren oder Zensur ausüben. Aber es ist schon so, dass eine gewisse Erwartung besteht, dass das Angebot im Geist der Schweizer Tradition von Toleranz und Offenheit stehen und insofern auch einen Beitrag zur qualitativen Verbesserung des Gemeindelebens und der muslimischen Debatte in der Schweiz überhaupt leisten soll.

swissinfo.ch: Auf welche Widerstände und Ängste stossen Sie bei Ihrer Arbeit?

A.L.: Es gibt Befürchtungen auf beiden Seiten, die wir beheben sollten. Widerstände auf akademischer Seite sind, dass wir bisher kein solches Fach an den Universitäten hatten. Einige Kolleginnen und Kollegen sorgen sich, ob es uns überhaupt gelingen kann, so etwas in Sinn der qualitativ hochstehenden Theologie an Schweizer Universitäten zu organisieren.

Keine spezifischen Massnahmen zur Integration

Der Bundesrat hat im Mai 2013 einen Bericht zur Situation der Musliminnen und Muslime in der Schweiz präsentiert. Er antwortete damit auf verschiedene Postulate im Nationalrat nach der Annahme der Minarett-Initiative im November 2009.

Der Bericht kommt zum Schluss, zur Integration der Muslime in der Schweiz seinen keine spezifischen Massnahmen nötig, weil die grosse Mehrheit wegen ihrer Religionszugehörigkeit im schweizerischen Alltag nicht vor besondere Probleme gestellt werde.

In der Schweiz gebe es nicht eine einzige, homogene muslimische Gemeinschaft, sondern eine Vielzahl. Diese Gruppen würden sich vornehmlich nach ethnisch-nationaler und sprachlicher Zugehörigkeit unterscheiden und seien in der Regel untereinander wenig vernetzt.

Besonders für Personen aus dem Ausland werde die Integration eher durch Sprachbarrieren und soziokulturelle Aspekte als durch religiöse Fragen behindert. Deshalb erachte es der Bundesrat als nicht notwendig, spezifische Massnahmen zum Abbau religiöser Differenzen zu ergreifen.

Gemäss Expertenschätzungen leben zwischen 350'000 und 400'000 Muslime in der Schweiz, wovon ein Drittel den Schweizer Pass besitzt. Die überwiegende Mehrheit der eingewanderten Muslime stammt aus dem Westbalkan und der Türkei.

Diese Personen seien aufgrund ihrer Herkunft eher mit der Rechtsordnung und den gesellschaftlichen Verhältnissen in der Schweiz vertraut. Die Mehrheit von ihnen sei säkular eingestellt, lebe also mehr oder weniger areligiös oder erachte die Glaubenspraxis als Privatsache.

Islamisierungs-Tendenzen oder die Ausbildung so genannter "Parallelgesellschaften", wie sie in einigen westeuropäischen Ländern diskutiert würden, seien in der Schweiz gegenwärtig kaum festzustellen und beschränkten sich auf sektiererische Randgruppen wie die Salafisten.

(Quelle: Bericht Bundesrat)

Andererseits gibt es zumindest Vorbehalte in den muslimischen Gemeinden, weil auch unter den Muslimen diese akademische Verankerung der Ausbildung von Betreuungspersonen traditionell nicht existiert.

swissinfo.ch: Ist der Spagat zwischen den Erwartungen der islamischen Gemeinden und dem Bologna-System überhaupt möglich?

A.L.: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Ich glaube, so rigide, wie das Bologna-System zurzeit organisiert ist, wäre es schwierig, von heute auf morgen ein Curriculum nach diesen Kriterien zu organisieren.

Deshalb streben wir vorerst einen "Master of Advanced Studies" an. In der Erwartung, dass wenn dieses Angebot sich im Laufe der Jahre etabliert, wir dannzumal auch ein Grundstudium mit Bachelor und Master nach dem Bologna-System anbieten könnten.

swissinfo.ch: Der Islam ist keine Landeskirche. Warum sollen die Steuerzahler Beiträge an die Ausbildung leisten?

A.L.: Eine absolut legitime Frage. Ich möchte hervorheben, dass der Bund bisher keine Verpflichtung in diesem Sinn zugesichert hat.

Gegenüber dem Steuerzahler würde ich dies folgendermassen rechtfertigen: Diese Initiative garantiert letzten Endes eine friedlichere und organisatorisch besser aufgestellte Struktur des Islams in der Schweiz, was auch ein geringfügiges finanzielles Engagement seitens des Bundes rechtfertigt.

swissinfo.ch: Deutschland betreibt in Tübingen ein Zentrum für islamische Theologie. Tauschen Sie sich untereinander aus?

A.L.: Wir stehen in regem Austausch sowohl mit Tübingen wie auch mit Wien. Die Erfahrungen sind an beiden Orten bisher sehr gut. Allerdings gibt es in Deutschland eine viel grössere Orientierung an einer religiösen Tradition, der türkischen. Bei uns ist die Realität vielfältiger. Zweitens spielt auch die sprachliche Frage eine Rolle.

swissinfo.ch



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