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Ikonografie des Zerfalls und des Leidens

Nach der Erkundung von fotografierter Sexualität in "Darkside I" im vergangenen Jahr befasst sich das Fotomuseum Winterthur in "Darkside II" mit den Themen Gewalt, Krankheit und Tod. Gezeigt wird die fotografierte Verletzbarkeit des menschlichen Körpers.

Die Ausstellung trägt den Titel "Fotografische Macht und fotografierte Gewalt, Krankheit und Tod". Wer durch die Glastür des Fotomuseums tritt, kommt in einen Vorraum, wo die Ausstellungsmacher mit einer Stehle auf die Intensität, auf die Direktheit der starken Bilder hinweisen.

Wer sich vorwagt, braucht Nerven und Tiefblick, mit der ausgestellten Bilderflut umzugehen. Der Betrachter bewegt sich in fünf Räumen, wo geritzte, wuchernde, verblasste, verwitterte, gefolterte und operierte Körper als fotografische Zeugnisse des Daseins das Auge verstören.

"Ich kann mir vorstellen, dass viele Leute in die Ausstellungsräume gehen, aber sofort wieder zurücktreten, weil sie die geballte Bildkraft des Grauens und der emotionalen und körperlichen Gewalt nicht aushalten", meint Urs Stahel, der Kurator des Fotomuseums, gegenüber swissinfo.

Wenn die Fotografie ins Geschehen eingreift

Die Ausstellung im Fotomuseum wirft eine grundsätzliche Frage auf. Zieht Gewalt Bilder an, oder ziehen Bilder Gewalt an? In einem halbgeschlossenen Betrachtungsraum liefert die Fotoschau eine vorläufige Antwort. Folterszenen im Abu-Ghraib-Gefängnis von Bagdad wären wohl kaum entstanden, wenn sich das US-Miltärpersonal bei ihren Übergriffen nicht selbst gefilmt hätte.

Das Auge kann sich in der dichten und beklemmenden Ausstellung nirgendwo ausruhen. Sophie Ristelhueber zeigt einen Frauentorso, der entlang des Rückgrats eine lange, genähte Narbe aufweist. Wurde die Frau geschändet oder gerettet? Viele Antworten sind möglich.

Christian Schwager liefert ein Bild aus dem Bosnienkrieg, wo auf einem eingezäunten Feld nichts als ein paar Kleiderfetzen zu sehen sind. Der Betrachter ergänzt den unsichtbaren Horror mit eigenen Bildern aus der Nachrichtenwelt.

Die Fotografie pflegte schon immer eine intime Beziehung mit dem Schmerz und dem versehrten menschlichen Körper. Ein Wandzitat der Ausstellung hilft, die Ambivalenz der fotografierten Gewalt zu verstehen.

Der Umgang mit Gewalt gegen den Menschen sei wesentlicher Bestandteil des Nachrichten-Journalismus und des Kunstmarkts. Sogar der Tourismus und die Mode seien nicht davon ausgenommen. "Ohne verletzte Körper und verwüstete Landschaften, ohne Todesszenen, Zerstörung, Elend und Träume, wäre die zeitgenössische Bildwelt nicht wieder zu erkennen", heisst es im Wandzitat.

Gewalt hat verschiedene fotografische Gesichter

Am eindringlichsten ist die Schau im Fotomuseum Winterthur, wo die fotografierten Symbole der Macht und der Gewalt blutlos bleiben. Eine Aufnahme von Carl Keyzer zeigt einen Schwarm schwarzer Limousinen, die in Peking auf nassem Marmor durch ein schmales Tor ins innere des nationalen Volkskongresses rollen. Was werden die Insassen hinter verschlossenen Türen aushecken?

Die Alltagswelt ist für die meisten Menschen weitgehend frei von direkt beobachteter oder am eigenen Leib erfahrener Gewalt. Diese symbolische Ordnung der Macht funktioniere nahezu geräusch- und bildlos, könne aber den Menschen ebensoviel Leid, Schmerz und Erniedrigung und den Tod zufügen, heisst es in einem weiteren Wandzitat.

Kurator Urs Stahel hat in der Ausstellung "Fotografische Macht und fotografierte Gewalt, Krankheit und Tod" eine Ikonografie des Leidens komponiert. Stahel ist davon überzeugt, dass die Sammlung der verletzten, angegriffenen, geschundenen und drangsalierten Körper im Museum ihren geschützten Raum habe, wo jeder Besucher seine Eindrücke verarbeiten, lesen und interpretieren könne.

Fotografierte und reale Gewalt – der grosse Unterschied

Die Ausstellung hält jedem Besucher einen Spiegel seiner eigenen Körperwelt vor. Dort etwa, wo er auf Bilder von Frauen und Männer stösst, die sich gemäss gängiger Körperideale freiwillig von Schönheitschirurgen aufschlitzen, abpumpen und veredeln lassen.

Das Auge der Kamera ist aus Glas. Die fotografierte Gewalt gegen den menschlichen Körper kann mit der realen Gewalt nicht konkurrieren. Bilder suchen den Betrachter heim, lassen ihn nicht mehr los. "Im Inneren der Kamera regiert der Tod", hält ein weiteres Wandzitat fest.

Bilder, welche die Angst vertreiben

Jeder Besucher der Ausstellung ist Zeitungsleser und Medienkonsument. Er spürt auf dem Rundgang, dass er sich von den Bildern nicht fürchten muss. Er kann sie unterscheiden von der realen Gewalt, die es in der Wirklichkeit gibt.

In einer kurzen Sequenz mit dem Titel "Blosse Körper und rituelle Erinnerung" zeigt uns die amerikanische Fotografin Elizabeth Heyert versöhnliche Bilder des fotografierten Todes. Es sind farbige Tafeln von Menschen, die, in festlicher Kleidung aufgebahrt, lächeln und ewige Ruhe ausstrahlen.

Erwin Dettling, Winterthur, swissinfo.ch

"Darkside I", "Darkside II"

Bei der Ausstellung "Fotografische Macht und fotografierte Gewalt, Krankheit und Tod" handelt es sich um den zweiten Teil des Zyklus "Darkside I und Darkside II".

Im vergangenen Herbst erkundete das Fotomuseum in "Dark Side I" fotografierte Sexualität und die voyeuristische Begierde. Es war eine Schau von Bildern, die wir uns über Sexualität und der Fantasie davon machen.

"Darkside II", die jetzt zu sehen ist, widmet sich der Kehrseite des Umgangs mit dem Körper: Der Gewalt, der Krankheit, dem Niedergang und dem Tod.

Zur Ausstellung

Die Ausstellung zeigt Werke von 190 Fotografinnen und Fotografen aus aller Welt, aber auch anonyme Aufnahmen von Polizeifotografen. Ein opulenter Fotoband begleitet die Schau mit Aufsätzen zum Thema fotografierter Gewalt.

Die Ausstellung enthält ein Kapitel, das Bilder von kriegerischen Angriffen, Bombenexplosionen, Hinrichtungen, Massenvernichtungen, von Volkshass, struktureller und gesellschaftlicher Gewalt zeigt.


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