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Überall Festival


Die Schweiz, mit klassischer Musik verwöhnt


Von Rodrigo Carrizo Couto


Der Konzertsaal des Kunst- und Kongresshauses Luzern ist bekannt für seine ausgezeichnete Akustik. ()

Der Konzertsaal des Kunst- und Kongresshauses Luzern ist bekannt für seine ausgezeichnete Akustik.

Die Schweiz ist eines der Länder mit den meisten Musikfestivals, wovon mehrere für klassische Musik von internationalem Ruf sind. Worauf ist dieses Privileg zurückzuführen? Drei angesehene Musikkritiker nehmen Stellung.

Für Musikliebhaber ist das kleine Alpenland fast mit dem Paradies vergleichbar. Zu den regelmässigen Spielprogrammen der Zürcher Oper, des Orchestre de la Suisse Romande oder des Tonhalle-Orchsters gesellt sich eine Reihe international renommierter Sommerfestivals. Zu den grossen Anlässen gehören das Festival in Luzern, Verbier sowie das Menuhin-Festival in Gstaad; zu den kleineren zählen das Progetto Martha Argerich in Lugano, der Musik-September in Montreux oder das Festival von Sion.

Auch wenn seine Schweizer Freunde wahrscheinlich nie an einem Konzert im überwältigenden Kunst- und Kongresshaus (KKL) gewesen sind, so nimmt das 1938 ins Leben gerufene Festival in Luzern im europäischen Kulturkalender einen zentralen Platz ein. Die Eintrittskarten betragen zwischen 200 - 300 Franken.

Daher die häufig zu hörende Kritik, dass diese Festivals elitäre Anlässe seien, die von Banken und Luxusuhrenmarken gesponsert würden und nur für ein privilegiertes internationales Publikum zugänglich seien. Eine Programmierung auf so hohem Niveau aufrecht zu erhalten, kostet viel Geld. In der Schweiz scheint es im Überfluss vorhanden zu sein.

Eine Welt, die nach Veränderungen ruft

"Das Geheimnis der grossen Schweizer Festivals beschränkt sich auf Geld. Doch das musikalische Panorama ist in der Zeit stillgestanden und gelähmt durch die Angst vor dem Wandel. Die Musiker denken an ihre Sicherheit und das Durchschnittsalter des Publikums entspricht demjenigen der Verwaltungsräte der Sponserfirmen. Für mich ist die Schweizer Musikszene deprimierend." So vernichtend ist das Urteil des englischen Schriftstellers und bis nach China berühmten Musikkritikers Norman Lebrecht.

Seiner Meinung nach besteht die grösste Gefahr für Luzern darin, dass fast das ganze Gewicht auf zwei mythischen Figuren lastet: dem französischen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez und dem Italiener Claudio Abbado. Letzterer ist für viele der beste lebende Dirigent.

"Luzern hat seinen Ruf auf diesen beiden Männern aufgebaut. Doch beide haben grosse Gesundheitsprobleme und sind betagt. Als sie im vergangenen Sommer krank wurden, wackelte das Festival. Das Schlimmste daran ist, dass es weder einen Plan zu ihrer Ersetzung noch eine junge Nachfolgegeneration gibt", sagt Lebrecht.

Dennoch hat Lebrecht lobende Worte für ein dem grossen Publikum weniger bekanntes Festival, "das künstlerische Werte über alle anderen Betrachtungen stellt. Ein gutes Beispiel ist das Progetto Martha Argerich in Lugano", sagt der Autor von "The Maestro Myth".

Das Progetto bringt Musiker aus der ganzen Welt zusammen, die dem Ruf der lebenden Pianistenlegende, der Argentinierin Martha Argerich, folgen. Auch am Festival von Verbier ist sie regelmässig anwesend.

Musikakademie in den Alpen

"Es ist unglaublich, dass man in Verbier die Künstler so ganz aus der Nähe sehen kann. Für Liebhaber ist das eine grosse Attraktion," sagt Luis Suñén, Gründer und Herausgeber der wichtigsten spanischsprachigen Zeitschrift für klassische Musik Scherzo.

Laut dem Spezialisten aus Madrid besteht die Einzigartigkeit des Festivals von Verbier im "guten Gleichgewicht der Programmierung zwischen Konzerten und Kammermusik" und dem Orchester gleichen Namens, welches das Flaggschiff des Festivals ist. In seinen Reihen werden Musiker unter dreissig aus Europa, Asien und Amerika ausgebildet und können von den besten Dirigenten lernen. Ein solches Privileg trägt viel zum Ansehen des Anlasses bei. Auch das Festival von Luzern hat auf Ausbildung gesetzt. Dort können junge Dirigenten von Meistern wie Boulez, Abbado oder dem Holländer Bernard Haitink lernen.

"Und auch die Traumlandschaften dürfen wir nicht vergessen, denn die Schweizer Festivals finden in einigen der schönsten Landschaften statt", meint Jessica Duchen. Die englische Romanschriftstellerin und Kritikerin der Londoner Zeitung The Independent bemängelt jedoch auf musikalischer Ebene eine "starke konservative Tendenz bei der Programmzusammenstellung" und eine "unverhältnismässige Präsenz" von Sponsoren.

Sie hebt aber die Anstrengungen des Festivals von Verbier hervor, das gemeinsame Auftreten weltberühmter Musiker zu ermöglichen und so einzigartige, ja anthologieartige Begegnungen zustande zu bringen, "auch wenn einige Erfahrungen gelungener sind als andere."

Eines der offensichtlichen Probleme ist, dass bei diesen Festivals oft dieselben Künstler auftreten und ein ähnliches Repertoire angeboten wird. So ist es keine Seltenheit, dass man dieselben Dirigenten und Solisten erst in Verbier und dann in Gstaad oder in Luzern und danach in Montreux sieht. Und alle wetteifern um dasselbe Publikum und dieselben Sponsoren. "Dies sehen wir nicht nur in der Schweiz, sondern an allen grossen Festivals Europas", sagt Luis Suñén.

Modell für die Zukunft

Kann die Schweiz langfristig ihre privilegierte Stellung in der Welt der klassischen Musik bewahren? Für Jessica Duchen führt der Weg in die Zukunft über die Erziehung.

"Ich glaube, dass der Mittelpunkt des Modells von Verbier und Luzern die Erziehung ist. Sie macht den Anlass zu etwas anderem als einer Marketingübung für Ferienmillionäre. Musik sollte für alle zugänglich sein und diese Festivals haben eine gewisse Verantwortung, um junge Zuhörer zu erziehen", meint sie.

"Es gehört zu den Aufgaben eines Festivals, der Gemeinschaft, in welches es sich einfügt, etwas zu geben und nicht nur die Investitionen der Sponsoren zurückzugewinnen. Ein guter Sponsor weiss das oder sollte es zumindest wissen," fügt der Herausgeber von Scherzo hinzu.

"Für jedes Festival und auch für jede Kulturpolitik gibt es zwei grundsätzliche Aspekte: die Auswirkungen in der Gesellschaft und die Erneuerung des Publikums. Beides ist nicht leicht zu erreichen und manchmal gewinnt man den Eindruck, die exklusivsten Festivals glaubten, es würden immer reiche ältere Leute kommen. Man sollte erfinderischer sein und mehr auf die Zukunft setzten," sagt Luis Suñén.

Norman Lebrecht setzt fest auf Änderungen an der Spitze: "Die Zukunft der klassischen Musik in der Schweiz wird dadurch bestimmt, was bei zukünftigen Ernennungen für Schlüsselstellen im Tonhalle-Orchester von Zürich und im Orchestre de la Suisse Romande von Genf entschieden wird. Beide benötigen eine Erneuerung durch junge Köpfe sowohl auf künstlerischer als auch auf Managementebene."

Festivals für klassische Musik

Luzern: Es wurde 1938 von Arturo Toscanini ins Leben gerufen und ist der wichtigste Anlass für klassische Musik.

Sitz ist das vom französischen Architekten entworfene spektakuläre Kunst- und Kongresshaus (KKL).

Hier treten die weltbesten Orchester und Solisten auf. Zu seinen Stärken gehören zwei legendäre Dirigenten: der Franzose Pierre Boulez und der Italiener Claudio Abbado.

Verbier: Seit 19 Jahren beherbergt das Bergdorf im Kanton Wallis ein weltweit anerkanntes Festival und eine Musikakademie.

Seine Stärke ist das junge Orchester, dem Musiker unter dreissig angehören. Ein weiterer Schwerpunkt sind international anerkannte Solisten, die sich hier treffen und zusammen Kammermusik spielen.

Verbier setzt ebenfalls stark auf die Übertragung der Konzerte im Internet.

Menuhin, Gstaad: Dieses Festival rivalisiert mit Verbier um den zweiten Platz. Es wurde vom mythischen Geiger Yehudi Menuhin gegründet und bringt die Crème der Orchester und Solisten Europas, Asiens und Amerikas zusammen.

Progetto Martha Argerich, Lugano: Gehört zu den von Musikern und Musikliebhabern am meisten geschätzten Anlässen. Im Kanton Tessin treffen sich junge und ältere Musiker, die der Einladung der legendären argentinischen Pianistin folgen.

Dieses kleine Festival geht künstlerische und bei anderen Anlässen ungewöhnliche Risiken ein. Das Progetto hat mehr mit Musik und weniger mit Gesellschaftsleben und Marketing zu tun.


(Übertragung aus dem Spanischen: Regula Ochsenbein), swissinfo.ch



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