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Zurück in die Zukunft


Montreux: Forscher heben musikalische Schätze


Von Simon Bradley, Renens


“Black Maria”, die Filmkabine der EPFL-ECAL, wurde in etwa 18 Monaten entwickelt und gebaut. ()

“Black Maria”, die Filmkabine der EPFL-ECAL, wurde in etwa 18 Monaten entwickelt und gebaut.

Während das Montreux Jazz Festival angelaufen ist, arbeiten die Organisatoren daran, das immense audiovisuelle Archiv der letzten 45 Jahre auszuwerten. Sie wollen das musikalische Erbe Schritt für Schritt der Öffentlichkeit zugänglich machen.

"Soundschirme", eine kokonartige Hightech-Filmkabine und Wände voller Lautsprecher, die Schall besser absorbieren als Beton – die ersten Resultate des Montreux Jazz Digital Project, welches das einmalige Archiv des Festivals anzapft, werden langsam sichtbar.

An der Rückwand eines Studios der Designschule ECAL in Renens bei Lausanne blinkt und pulsiert es in einer riesigen Kapsel aus Holz in Bienenwaben-Struktur.

In der acht mal sieben Meter grossen Kabine testet Claude Nobs, Gründer und Direktor des Montreux Jazz Festivals, sein neustes Spielzeug. Der 76-Jährige sitzt vor einem speziell gekrümmten Bildschirm und klickt auf einer interaktiven Fernbedienung herum, um eines der tausend Konzerte zu suchen, die er seit 1967 organisiert hat.

Die Sammlung an aufgezeichneten Konzerten aus den Bereichen Jazz, Blues und Rock soll laut Kennern die grösste der Welt sein.

"Die Kabine schafft eine absolute Festival-Atmosphäre", schwärmt Nobs. "Es ist fantastisch, nicht nur dieser unglaubliche Sound und die Bildqualität, sondern auch die Auswahl, die ich habe: Ich kann einfach Jazz drücken, dann Konzert und B.B. King, und schon kann ich eines seiner Konzerte aus dem gesamten Archiv abrufen – das ist einmalig."

Einige Glückliche aus dem Publikum, Gäste und Sponsoren werden bald schon in den Genuss kommen, im viersitzigen Mini-Kino in die Geschichte des Festivals abzutauchen. Die Kabine namens "Black Maria" wurde eine Woche vor Beginn des Festivals 2012 von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) präsentiert.

Etwa 200 Designer und Tonspezialisten haben am Kokon gearbeitet. Sie brauchten zur Fertigstellung rund 18 Monate.

Langfristige Zusammenarbeit

Der sechs Tonnen schwere Prototyp ist das erste Resultat einer langfristigen Zusammenarbeit zwischen dem Festival, der EPFL und privaten Sponsoren.

Das Budget betrug insgesamt 22 Mio. Franken. Das Projekt wurde 2007 gestartet mit dem Ziel, das umfangreiche audiovisuelle Archiv besser zugänglich zu machen.

Laut Alexandre Delidais, Projektmanager am MetaMedia Centre der EPFL, das seit 2011 für das Management der Partnerschaft zuständig ist, sind die Archive bei den Studenten auf grosses Interesse gestossen.

"Als wir das Projekt gestartet haben, sassen 15 topmotivierte und interessierte Leute um den Tisch herum. Das Archiv ist eine echte Inspirationsquelle für uns Forschende."

"Soundschirm"

Neben der Filmkabine sind etwa zehn Forschungsgruppen mit 40 EPFL-Studierenden an weiteren Forschungsprojekten rund um das Film- und Tonarchiv beschäftigt. Das kürzlich digitalisierte Material wird genutzt für Audio-Produktionen, Datenspeicherungs-Projekte und neue Nutzer-Erlebnisse.

Dazu gehören etwa so genannte "Soundschirme" – kleine Schirme, unter denen bis zu vier Zuhörer sitzen können. Sie werden mit Musik oder Stille beschallt, etwa um dem Umgebungslärm in einem Café zu entgehen.

Der Schirm benutzt Nahfeld-Beschallungstechnik mit der Charakteristik eines Richtmikrofons, um den Sound auf kleinem Raum zu halten. Bei Tests war Musik, die mit 70dB Lautstärke abgespielt wurde, in zwei Metern Entfernung nur noch mit 40dB Lautstärke messbar.

"Neben Restaurants und Bars oder gesprochenen Kommentaren zu Ausstellungsstücken in Museen könnte man sich auch ein System von Mikrofonen vorstellen, das Ihnen in der Wohnung auf Schritt und Tritt personalisierte Musik liefert", sagt der Akustik-Forscher Xavier Falourd.

Auf ähnliche Weise hat ein anderes Team eine verschiebbare Wand mit 64 Mini-Lautsprechern ausgerüstet, die aktiv Geräusche absorbieren oder Musik abspielen und so als akustische Barriere eingesetzt werden können. "Es ist, wie wenn man direkt neben einem Nachtklub schlafen könnte. Die Wand schlägt sogar dicke Betonmauern", sagt EPFL-Forscher Hervé Lissek.

Digitalisierung

Seit der ersten Ausgabe des Festivals 1967 hat Nobs jedes Konzert aufzeichnen lassen und so ein einmaliges Archiv aufgebaut: Insgesamt sind es etwa 5000 Stunden TV-Material sowie Tonaufnahmen von 4000 Konzerten, die sich auf 10'000 Originalbändern in etwa einem Dutzend verschiedener Formate befinden.

Die Kulturagentur der Vereinten Nationen (UNO), Unesco, erwägt gegenwärtig, das Montreux-Archiv als Weltkulturerbe zu klassifizieren – der Entscheid steht unmittelbar bevor.

Als Teil des Montreux Jazz Digital Project hat die EPFL seit 2011 die Digitalisierung des Archivs in Echtzeit überwacht. Bis heute sind etwa 40 Prozent der über 15'000 Stunden von Aufzeichnungen in das Format Linera Tape Open (LTO) digitalisiert worden.

Ende 2013 soll der gesamte Prozess abgeschlossen sein und die Kopien im Chalet von Claude Nobs und an der EPFL eingelagert werden. Diese müssen dann alle sieben bis zehn Jahre auf ein Format der nächsten Generation überspielt werden, um mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten.

Jazz Cafés

Die Partner allerdings haben viel grössere Pläne mit den Archiven. Diesen Monat soll eine Jury den Gewinner eines Architekturwettbewerbs für den Bau eines "Montreux Jazz Lab" küren. Dieses soll ein Jazz-Café, eine Konzerthalle und ein Forschungszentrum beinhalten und Ende 2013 auf dem Campus der EPFL neben der futuristischen Bibliothek des Learning Centres entstehen.

"Es wird uns erlauben, all die Technologie und die Archive in einer echten Umgebung zu testen", sagt Alexandre Delidais.

Musikfans horchen auf – denn bis heute war der Zugang zu Konzertmitschnitten nur im langsam wachsenden Netz der Montreux Jazz Cafés möglich (in Genf und Zürich, ab diesem Monat in London, später in New York, Paris, Frankfurt und Kopenhagen), und auf einer limitierten Anzahl von CDs und DVDs.

Breiteres Publikum

"Man kann das Material nicht einfach auf YouTube stellen, doch die Dinge könnten sich ändern", sagt Delidais.

Montreux Sounds, eine von Claude Nobs 1995 für das Management des Archivs gegründete Firma, besitzt die Originalbänder, doch die meisten Urheberrechte verbleiben im Besitz der Musiker. Unter den geltenden Verträgen aber dürfen die Archive für Bildung und Forschung ausgewertet werden.

"Es gibt ein grosses Interesse von anderen Universitäten, also werden wir einen Weg suchen, um über das Hauptarchiv an der EPFL einen gemeinsamen Zugang zu ermöglichen", so Nobs.

Der Festivalgründer ist überzeugt, dass die Archive eines Tages online abrufbar sein werden und so ein viel breiteres Publikum erreichen können: "Ich denke, das Internet wird in Zukunft zu einem grossen Datenspeicher werden. Fünf Minuten Videomaterial pro Künstler mal 5000 ergibt 25'000 Minuten kostenlose Musik. Jene, die das ganze Konzert haben wollen, bezahlen eine Gebühr, die an den Musiker geht."

Er habe immer schon gerne geteilt, "sei es Wein, Musik oder ein Spaziergang in den Wäldern. Das Archiv zu teilen ist meine höchste Priorität", so Nobs.

Musik, Musik, Musik

Das 46. Montreux Jazz Festival geht vom 29. Juni bis 14. Juli über die Bühne.

Höhepunkte der diesjährigen Ausgabe sind unter anderen Bob Dylan, Van Morrison, Sergio Mendes, Herbie Hancock, Nile Rodgers and Chic, Quincy Jones, Pat Metheny, Spectrum Road, Bobby McFerrin and Chick Corea, Noel Gallagher, Lana Del Rey, Juliette Greco, Dr. John, Gilberto Gil, Tony Bennett und Janelle Monae.

Das erste Montreux Jazz Festival lancierte Gründer Claude Nobs 1967 mit einem Budget von 10'000 Franken. Heute beträgt das Budget über 20 Millionen Franken.

Die britische Rockgruppe Deep Purple schrieb Geschichte mit ihrem Song "Smoke on the Water", nachdem das Montreux Casino 1971 während dem Konzert von Frank Zappa in Brand geraten war.


(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch



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