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Prix de Lausanne


Ballett-Tanz als gesundheitliche Parforceleistung


Von Ghania Adamo


Aufwärmen vor dem Wettbewerb. (Reuters)

Aufwärmen vor dem Wettbewerb.

(Reuters)

Der internationale Ballett-Wettbewerb "Prix de Lausanne", der am 26. Januar beginnt, überwacht die Gesundheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Nähe. Schwächen, Verletzungen, Funktionsstörungen, Ernährungspläne: Der Arzt Carlo Bagutti kontrolliert alles.

Der Prix de Lausanne gilt als wichtigster Ballett-Wettbewerb der Welt und wurde 1973 gegründet. Er vereinigt jedes Jahr junge Talente aller Nationalitäten.

Für diese ist er vielfach der Beginn einer internationalen Karriere. Eine Teilnahme setzt eine gute Gesundheit voraus. Carlo Bagutti ist seit 15 Jahren der Vertrauensarzt des Wettbewerbs.

swissinfo.ch: Welche gesundheitlichen Schwierigkeiten treffen Sie am meisten an?

Carlo Bagutti: Am häufigsten sind Krankheiten, die mit der körperlichen Belastung zusammenhängen. Sie betreffen die Füsse, die Knie oder den Rücken. Sie treten als Folge technischer Fehler beim Tanzen auf. Oder, wenn der Körper nach einem intensiven Training zu müde ist.

Auf der medizinischen Ebene besteht unsere Arbeit darin, jene Personen ausfindig zu machen, die gewissen Bewegungen der Choreographien nicht gewachsen sind.

swissinfo.ch: Den Körper in Form zu halten, heisst auch, sich gesund zu ernähren. Gibt es für eine Tänzerin oder einen Tänzer eine ideale Form der Ernährung?

C.B.: Die Kandidatinnen und Kandidaten für den Prix de Lausanne kommen aus der ganzen Welt. Ihre Ernährung ist also sehr unterschiedlich. Eine australische Tänzerin isst nicht dasselbe, wie ihre Konkurrentin aus Brasilien oder aus Korea.

Die ideale Diät gibt es also nicht. Diese ergibt sich aus den kulturellen Gewohnheiten der Kandidaten. Grundsätzlich muss die Ernährung bei Tänzern die enormen Energieverluste des hohen physischen Aufwandes kompensieren, genauso wie bei Sportlern.

Gesundheitspolitik

Der Prix de Lausanne verfolgt eine Gesundheitspolitik, die im Einklang mit denen der weltweit wichtigsten Ausbildungszentren steht.

Laut Artikel 6 des Reglements fördert und schützt der Wettbewerb die Gesundheit der jungen Tänzerinnen und Tänzer und steigert die Leistung.

Die Bewerber müssen mit der Anmeldung auch die Krankenakten ihres Hausarztes einreichen. Wenn die Vertrauensärzte der Veranstaltung die Risiken als zu hoch betrachten, nehmen sie Kontakt mit den Kandidaten und ihrem Hausarzt auf und suchen nach Lösungen.

Nach ihrer Ankunft in Lausanne werden die Kandidaten vom Vertrauensarzt untersucht. Dieser informiert das Komitee darüber, ob die Kandidaten definitiv zum Wettbewerb zugelassen werden.

Während des Wettbewerbs werden die Kandidaten regelmässig vom Vertrauensarzt betreut. Dabei geht es auch darum, den Zustand der Gesundheit beizubehalten und die Karriere der Künstler auf lange Sicht im Auge zu behalten.

swissinfo.ch: Sie sprechen die kulturellen Unterschiede an. Gibt es also je nach Herkunft der Kandidaten Nahrungsmittel, die vorzuziehen sind?

C.B.: Ein Asiate isst vor allem Reis, wenn es um Kohlehydrate geht, während ein Südamerikaner Mais isst. Ein Ernährungsplan stellt nicht lediglich auf die Gewohnheiten, sondern auch auf die persönlichen Toleranzen ab. Es gibt Kandidaten, die Milchprodukte nicht vertragen, und man muss andere Produkte suchen, um das Kalzium zu kompensieren. Es gibt also kein allgemein gültiges Rezept.

swissinfo.ch: Stimmt es, das Tänzer sich öfter verletzen, als Tänzerinnen, weil sie näher an ihre physischen Limiten gehen?

C.B.: Grundsätzlich nicht. Es gibt vielleicht Unfälle, die bei Männern häufiger vorkommen. Seit Nurejew wissen wir, dass sich Männer auf der technischen Ebene anders ausdrücken. Sie tanzen athletischer. Beispielsweise bei den Sprüngen, welche die Frauen nicht ausführen müssen. Männer haben also mehr Verstauchungen, als Frauen.

swissinfo.ch: Die Frauen haben jedoch andere Leiden, wie das Ausbleiben der Menstruation oder Magersucht.

C.B. Das stimmt, aber hier haben wir es mit andern Problemen, die mit dem Hormonhaushalt zusammenhängen, zu tun. Es kann sein, dass die Mädchen stärker geschwächt werden, als die Knaben, weil bei ihnen die Testosteron-Produktion durch die Anstrengungen nicht vermindert wird.

Wenn eine Tänzerin sehr müde oder gestresst ist, kann sich die Hormonproduktion verringern, was zum Ausfall der Menstruation oder zu einer geringeren Knochendichte führen kann.

Die Magersucht entsteht aus einer pathologischen Angst, an Gewicht zuzunehmen. Es ist falsch zu sagen, dass Tänzerinnen zu Magersucht neigten. Ich ziehe es vor zu sagen, dass sie zuweilen zu stark auf ihre Ernährung achten und ihr Essverhalten übertreiben.

swissinfo.ch: Spitzensportler dopen sich. Ist Doping auch bei Tanzwettbewerben ein Thema?

C.B.: Ich habe noch nie von Doping beim Tanzen gehört. Ich bin nicht sicher, ob man den Begriff Doping für Tanz oder andere künstlerische Aktivitäten gebrauchen kann.

Die Frage ist, ob man seine künstlerische Leistung mit einem Anabolikum verbessern kann. Die Antwort ist Nein, denn beim Sport geht es um eine messbare Leistung, beim Tanz geht es um den Ausdruck von Emotionen. Dafür braucht es keine dopende Substanzen.

swissinfo.ch: Welches war Ihr schwierigster Entscheid, den sie als Vertrauensarzt des Wettbewerbs zu fassen hatten?

C.B.: Es gibt mehrere, zum Beispiel, wenn ich einem Kandidaten sagen muss, er solle auf den Wettbewerb verzichten oder wenn ich jemandem raten muss, mitten im Wettbewerb auszusteigen, weil sein physischer Zustand ein Weitermachen nicht erlaubt. Das sind immer sehr schmerzhafte Situationen.


(Übersetzung aus dem Französischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch

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