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Sammlung Gurlitt


Deutsches Kuckucksei für das Kunstmuseum Bern


Von Andreas Keiser


"Die sitzende Frau" von Henri Matisse - projiziert an einer Pressekonferenz im München im November 2013. (Keystone)

"Die sitzende Frau" von Henri Matisse - projiziert an einer Pressekonferenz im München im November 2013.

(Keystone)

Der Kunsthändler Cornelius Gurlitt hat seine umstrittene und millionenschwere Kunstsammlung völlig überraschend dem Kunstmuseum Bern vermacht. Die Presse legt den Finger auf die wunden Punkte und die offenen Fragen, die mit der "Jahrhunderterbschaft" verbunden sind und zweifelt daran, ob die Sammlung je in die Schweiz kommen wird.

"Für das Kunstmuseum Bern bedeutet das unverhoffte Erbe Würde wie Bürde. Ob und wann die Jahrhunderterbschaft nach Bern kommt ist offen", schreibt die Berner Zeitung. Aus "heiterem Himmel" komme das Museum zu "einer unschätzbaren Kunstsammlung", freut sich der Berner Bund und warnt gleichzeitig, das Erbe müsse "vollständig aus dem Dunst von Raubkunst befreit" werden, bevor es der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werde. Beide Zeitungen sind sich einig, dass die Kosten, die das Geschenk nach sich ziehen wird, erheblich und noch nicht genau bezifferbar sind.

Das Museum sei von dessen Anwälten darüber informiert worden, dass der am 6. Mai im Alter von 81 Jahren in München verstorbene Cornelius Gurlitt das Museum in seinem Testament als Alleinerbe eingesetzt habe, sagte Museumsdirektor Matthias Frehner in einem Interview mit der Berner Zeitung.

Mit der Sammlung erbe das Museum "auch die Verpflichtung, die offenen Fragen rund um die Herkunft der einzelnen Werke" zu klären. Es handle sich um "ein natürlich einmaliges, grosszügiges Geschenk, aber auch um eine grosse Herausforderung". Der Stiftungsrat werde nun "eine Auslegeordnung machen" und dann entscheiden, "ob er die Erbschaft annehmen will", so Frehner.

"Hässliches Erbe"

Dass das staatlich subventionierte Museum "mit dem Geschenk eine auf Ewigkeit angelegte Verpflichtung übernimmt" erkläre, dass das Museum zaudere, kommentiert die Süddeutsche Zeitung. Falls der Nachlass je im Kunstmuseum Bern verwahrt werde, könne "man sich durchaus fragen, ob das Haus den Gurlitts nicht zu viel Ehre erweist. Bei aller Schönheit der Kunstwerke – es bleibt ein hässliches Erbe", denn Hildebrand Gurlitt, der Vater von Cornelius, habe "vor allem während des Kunstraubs der Nationalsozialisten den Bilderschatz zusammengerafft".

Die Sammlung Gurlitt umfasst 1500 Werke von Künstlern wie Max Beckmann, Pablo Picasso, Henri Matisse, Marc Chagall und Max Liebermann. Welchen Wert sie hat, darüber sind sich weder die Kunsthistoriker, noch die deutschen Behörden einig. Kommt dazu, dass sich etliche Bilder in einem renovationsbedürftigen Zustand befinden.

Es sei deshalb nachvollziehbar, dass es das Kunstmuseum Bern vorläufig offen lasse, ob es das Geschenk überhaupt annehmen wolle, schreibt die Neue Zürcher Zeitung: "Solche Vorsicht ist mehr als verständlich angesichts der Verpackung aus rechtlichen und ethischen Fragen, die jedes Werk umhüllt."

"Geschenk mit Tücken"

Es sei fraglich, ob sich "ein Haus überhaupt mit Werken aus der Gurlitt-Sammlung schmücken" könne und vor allem: "Ist die Kunst, die den Weg nach Bern auch wirklich schafft, diesen Aufwand überhaupt wert?", fragt die NZZ und folgert, es sei "auf jeden Fall Zurückhaltung angebracht – denn die die Depots sind auch an der Aare bereits übervoll".

Die Bilder der Moderne würden bestens ins Kunstmuseum Bern passen, schreibt die Nordwestschweiz, bezeichnet die Sammlung gleichzeitig als "Geschenk mit Tücken" und erinnert an die Herkunft der Werke und die Folgekosten. Das Museum habe "überfordert und damit richtig" reagiert. Denn, wenn das Geschenk für das Museum wie "ein Blitz aus heiterem Himmel" gekommen sei, dann müsse sich dessen Leitung bewusst sein, "dass auf einen Blitz meist nicht eitel Sonnenschein folgt, sondern Donnergrollen und Platzregen".

Nachhaltig empört

Offen bleibt auch die Antwort auf die Frage, wieso Cornelius Gurlitt Anfang 2014 – als er kurz vor einer Herzoperation stand – seine Sammlung dem Kunstmuseum Bern vermacht hat, obschon sich verschiedene deutsche und österreichische Institutionen darum bemüht hatten. Die Schweiz habe "bei der älteren Generation, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat, ihr Image als Garantin für Sicherheit und Recht noch nicht eingebüsst", kommentiert der Berner Bund. Zudem hätten "die Erfahrungen, als über ihn und die Sammlung die wildesten Gerüchte kursierten, den scheuen Aussenseiter seiner Heimat Deutschland noch mehr entfremdet".

Gurlitt, ein "zurückgezogen lebender, ja weltabgewandter Mann" sei im letzten Jahr "brüsk in die Öffentlichkeit gezerrt" worden, schreibt Die Zeit. "Erst galt er als Nazi-Verbrecher, dann als Steuerhinterzieher und Schmuggler. Schliesslich als Opfer einer übereifrigen bayerischen Justiz."

Der Umgang der "Behörden mit seinem Fall" habe Gurlitt "nachhaltig empört", schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung und er habe deshalb entschieden, seine Bilder "ins Ausland zu geben, weg aus der deutschen Heimat". Das sei "nachvollziehbar".

Kornfeld spielte keine Rolle

Es gebe jedoch noch einen zweiten Grund dafür, das Kunstmuseum Bern als Erbe einzusetzen, so die F.A.Z.: "Über den Berner Kunsthändler Kornfeld hatte Gurlitt bereits in der Vergangenheit einige Werke verkauft. Ob dieser seinem Kunden riet, sich an das Berner Museum zu wenden, ist unbekannt. " Kornfeld habe sich dazu nicht äussern wollen, so die F.A.Z.

Museumdirektor Matthias Frehner räumte in Interviews ein, Kornfeld sei zwar "ein wichtiger Mäzen" des Museums, "aber er spielt überhaupt keine Rolle in der Beziehung mit Cornelius Gurlitt. Man darf das Erbe nicht darauf zurückführen".

swissinfo.ch



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