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Schweizer Theatertreffen


Blick auf die drei Schweizer Theaterszenen


Von Ghania Adamo


"Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier" von Anne Lepper - eine der Produktionen, die in Winterthur zu sehen sind. (Annette Boutellier/Konzert Theater Bern)

"Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier" von Anne Lepper - eine der Produktionen, die in Winterthur zu sehen sind.

(Annette Boutellier/Konzert Theater Bern)

In Winterthur findet bis zum 6. Juni das Schweizer Theatertreffen statt. Was sind Rolle und Anspruch dieser Veranstaltung? Interview mit Sandrine Kuster. Für die Vizepräsidentin des Treffens ist der Anlass ein "Mittel, die künstlerische Landschaft der Schweiz in ihrer Vielfalt zu veranschaulichen".

Die Schweiz, das ist bekannt, ist ein sprachlich und kulturell pluralistisches Land. Das ist ihr Reichtum, ein weit grösserer, als jener ihrer Goldbarren. Um diese Vielfalt fruchtbar zu machen, vermehren Kulturschaffende den Austausch zwischen den drei Sprachregionen des Landes. Festivals, Konferenzen, Film- oder Literaturtage markieren die Öffnung zwischen den verschiedenen Regionen. In diesem Sinn und Geist wurde auch das  Schweizer Theatertreffen ins Leben gerufen.

Die erste Ausgabe fand 2014 statt. Die zweite ist dieser Tage im Gange, die Veranstaltung findet im Theater Winterthur statt. Zur Aufführung kommen sieben Stücke, die von einer Gruppe Kultur-Journalistinnen und –Journalisten in den verschiedenen Sprachregionen ausgewählt wurden. Das Publikum kann sieben verschiedene Werke und damit ebenso viele unterschiedliche Gesichter der Schweiz sehen.

Dass die Eröffnung des Theatertreffens am 28. Mai stattfand, mit der Verleihung der Schweizer Theaterpreise durch das Bundesamt für Kultur, ist kein Zufall, die zwei Institutionen beschreiten einen gemeinsamen Weg. Hintergrundinformationen von Sandrine Kuster, Vizepräsidentin des Theatertreffens und Direktorin von Arsenic, dem Lausanner Zentrum für zeitgenössische Bühnenkunst.

swissinfo.ch: Sollen sich Theatertreffen und Theaterpreise gegenseitig unterstützen?

Sandrine Kuster: Ja, und das wird weiterhin so sein. Ursprünglich hatte das Bundesamt für Kultur (BAK) das Theater Winterthur kontaktiert, um abzuklären, ob die Verleihung der Theaterpreise 2014 dort stattfinden

könnte. Darauf hatte das Theater die Idee, im Anschluss an diese Zeremonie ein Mini-Festival auszurichten, bei dem 6 bis 8 Produktionen von Bühnen aus den verschiedenen Sprachregionen gezeigt würden.

Diese Aufführungen, ausgewählt von einer Jury, veranschaulichen das künstlerische "Territorium" der Schweiz in ihrer Vielfalt und verstärken die Zielrichtung des BAK. Man darf nicht vergessen: Das Bundesamt für Kultur zielt mit diesen Preisen auch darauf ab, unsere nationalen Talente einem möglichst breiten Publikum bekannt zu machen. Die Namen der Preisträger zirkulieren jeweils unweigerlich. Ich selber hatte zum Beispiel nicht gewusst, wer Pedro Lenz war [ein in der Deutschschweiz bekannter Autor, N.d.R.], bevor er 2015 einen Schweizer Theaterpreis erhielt.

swissinfo.ch: Sie sprechen von Zirkulation. Können Sie uns sagen, ob die Ausgabe des Theatertreffens von 2014 dazu beigetragen hat, dass mehr Theaterproduktionen aus einer Region in einer anderen zu sehen waren?

S.K: Eine Ausgabe ist sicher nicht genug, um eine Bilanz ziehen zu können, und die zweite Ausgabe 2015 ist noch im Gange. Man muss vielleicht noch etwas abwarten, um positive Auswirkungen des Treffens bewerten zu können. Abgesehen davon habe ich seit letztem Jahr viele Rückmeldungen erhalten. Nicht wenige Zuschauer räumten ein, dank dem Theatertreffen sehr interessante Regisseure oder Schauspieler entdeckt zu haben.

Wissen Sie, es ist nicht einfach, das Publikum zu bewegen, auch im professionellen Umfeld nicht. Ein Bühnenprogrammgestalter, sei er noch so eifrig, wird, wenn er in Genf lebt, zögern, nach Zürich oder Lugano zu fahren, um sich ein Stück anzusehen und dieses eventuell einzukaufen. Dank der Auswahl an Stücken am Theatertreffen kann er Zeit und Geld sparen. Es ist übrigens die Rede davon, das Treffen zu verkürzen. 

swissinfo.ch: Das bedeutet?

Schweizer Theatertreffen

Ziel des Treffens ist, dem Schweizer Theaterschaffen eine möglichst breite Öffentlichkeit zu verschaffen. Unter anderem dient es als Plattform für einen regelmässigen Austausch unter Theaterschaffenden aus allen Sprach- und Kulturregionen der Schweiz.

Das auf die Zukunft ausgerichtete Theatertreffen findet seit 2014 einmal pro Jahr statt. Bisher war der Veranstaltungsort das Theater Winterthur. Ab 2016 wird das Theatertreffen jedes Jahr in einer anderen Region der Schweiz stattfinden. Die dritte Ausgabe des Treffens und die Verleihung der Schweizer Theaterpreise 2016 wird in Genf stattfinden.

Zum Programm der Ausgabe 2015 gehören sieben Inszenierungen. Ausgewählt wurden sie von einem Kuratorium, dem sechs Kultur-Journalisten und Journalistinnen aus allen Landesteilen angehören, die im Verlauf des Jahres etwa 200 Produktionen gesehen hatten.

Ergänzt wird das Programm durch Diskussionsveranstaltungen und Kolloquien, in deren Rahmen verschiedene Themen aus der Berufswelt des Theaters wie Schreiben oder Szenographie aufgegriffen werden, darunter ein Meisterkurs mit dem Regisseur Omar Porras und eine Veranstaltung mit dem Autor und Dramaturgen Lukas Bärfuss.

Für die Finanzierung der diesjährigen Ausgabe des Theatertreffens kommen neben der Schweizerischen Eidgenossenschaft unter anderem das Migros Kulturprozent, der Lotteriefonds Kanton Zürich, Pro Helvetia und das Theater Winterthur auf

S.K: Das will heissen, dass das Treffen enger geschnürt werden soll: Statt eine Woche wie bisher, soll es noch vier Tage dauern. Um das zu tun, braucht es eine Stadt, die anders als Winterthur, mehr als ein Theater hat. Daher fiel die Wahl für die Ausgabe 2016 auf Genf. Zudem hat die Stadt nicht nur viele Bühneninstitutionen, sie ist auch leichter erreichbar. Die Idee ist, vermehrt auch Programmgestalter aus dem Ausland anzulocken. Für uns ist dies eine strategische Frage.

Im kommenden Jahr werden die Aufführungen also in vier Theatern in Genf stattfinden. Damit kann das Publikum in zwei Tagen 4 oder 5 Produktionen sehen. Daneben spielte bei der Wahl der Stadt auch das sprachliche Kriterium eine Rolle: Jede Sprachregion soll ihre Chance erhalten. 2017 kommt dann vielleicht das Tessin zum Zuge.

swissinfo.ch: Ist es nicht letztlich das Tessin, die Region, die auf Theaterbühnen in der Deutschschweiz und der Romandie sehr selten vertreten ist, die vom Theatertreffen am meisten profitieren kann?

S.K: Sicher. Im Tessin gibt es nur wenig Ensembles und Mittel. Darüber hinaus stürzt sich das Publikum allgemein nicht darauf, dorthin zu gehen, um zu sehen, was auf den Bühnen dort gezeigt wird. Das Theatertreffen ist also eine sehr schöne Gelegenheit für die Tessiner Theaterwelt, die in Winterthur zwei Stücke präsentiert: "La Extravagancia" und "Molto rumore per nulla" (Viel Lärm um Nichts).

swissinfo.ch: Lassen Sie uns über die Zusammensetzung des Programms sprechen. 2014 waren die präsentierten Stücke mehr auf Humor ausgerichtet. Dieses Jahr geht die Tendenz eher in Richtung Ernsthaftigkeit, mit Gesellschaftsproblemen im Visier: Zersplitterung von Familien, Kampf gegen Staatsmacht. Ist das ein Spiegelbild unserer deprimierten Gesellschaft?

S.K: Man darf auf keinen Fall glauben, dass die Auswahl der Jury thematisch erfolgt. Die Aufführungen werden aufgrund ihrer Qualität ausgewählt. Leider läuft heutzutage Vieles auf der Welt schlecht. Und Regisseure verfolgen aufmerksam, was auf diesem Planeten geschieht, ihre Arbeit ist eine Reflektion davon. Das bedeutet aber nicht, dass das, was sie inszenieren, deprimierend ist. Sagen wir, dass sie harte Welten zeigen.

swissinfo.ch: Das Theatertreffen versteht sich als Reflektion der regionalen Unterschiede. Was ist das jeweils Typische jeder Region?

S.K: Ich nehme das Beispiel der Funktionsweise der Theater, was schliesslich die Arbeit der Kunstschaffenden beeinflusst. In der französischsprachigen Schweiz funktionieren wir mit unabhängigen Ensembles und haben Zugriff auf Co-Produktionen. Dazu kommt, dass jeder Regisseur sich für seine Inszenierung die Schauspielerinnen und Schauspieler sucht, die er will. Sicher profitiert er von Subventionen, aber er hat sein eigenes Beziehungsnetz, dank dem er auch seine Tourneen in der Schweiz und im Ausland planen kann.

In der Deutschschweiz hingegen arbeiten die Häuser viel häufiger mit Eigenproduktionen. Die Theater haben oft feste Ensembles mit einem Jahresvertrag, haben eine ausgeprägtere Ausrichtung auf Repertoire, wie zum Beispiel das Schauspielhaus Zürich. Natürlich bedeutet das nicht, dass es nicht auch Theaterkunstschaffende gibt, die unabhängig bleiben, wie der Solothurner Stefan Kaegi, der im Kreis seines eigenen Kollektivs arbeitet und eben den Hans-Reinhart-Ring 2015 erhalten hat.


(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch), swissinfo.ch

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