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Widerstand


Windenergieanlagen im Jura erhalten Gegenwind


Von Samuel Jaberg, Tramelan


Die Windturbinen von Saint-Brais im Jura spalten die Bevölkerung. ()

Die Windturbinen von Saint-Brais im Jura spalten die Bevölkerung.

Der Widerstand gegen neue Windenergie-Projekte in der Schweiz und besonders auf dem Jurabogen wächst. Ein Augenschein in Tramelan im Berner Jura, wo die Gegner dieser Energieform schweres Geschütz auffahren, um die Bevölkerung zu überzeugen.

Den Windrädern auf den Hügelketten des Schweizer Juras bläst ein immer rauerer Wind entgegen.

Seit einigen Monaten ziehen die Gegner in einen Frontalkrieg gegen die Projekte grosser Schweizer Energieproduzenten, welche die Region zu einer Schwerpunkt-Zone zur Förderung der Windenergie erklärt haben.

Die Organisationen und Initiativen mehren sich, ebenso die Siege. Anfang Oktober haben die Bürgerinnen und Bürger von Bourrignon hoch über Delsberg den Bau von 14 Windturbinen an der Urne bachab geschickt. Mehrere Gemeinden in den Jura-Freibergen werden sich demnächst zu Initiativen äussern, die ein totales Verbot oder ein Moratorium von industriellen Windturbinen fordern.

Durch erste Erfolge angespornt, führen die Gegner ihren Kampf weiter. Oberhalb von Tramelan, einer kleinen Industriegemeinde von 4500 Seelen im Herzen des Berner Juras, plant die Gruppe Sol-E, eine Tochtergesellschaft der Bernischen Kraftwerke BKW, in den nächsten Jahren elf Windräder. Das Projekt befindet sich zwar erst im Planungsstadium, doch die Gegnerschaft hat sich bereits gut organisiert.

Riesen-Eiszapfen

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben die Gegner der Windturbinen Ende Oktober in Tramelan eine Informationsveranstaltung durchgeführt. Eine gut geschmierte Show, die sich auf schockierende Bilder und ergreifende Zeugenaussagen stützte.

"Wir sind keine Windkraft-Gegner, wir verlangen lediglich, dass die Rechte der Menschen respektiert werden, die in der Nähe von solchen Anlagen leben", sagt Roland Schweizer, einer der Organisatoren des Abends.

Die Eidgenossenschaft verlangt einen Mindestabstand von 300 Metern zwischen einer Windturbine und bewohnten Gebäuden. Doch praktisch alle europäischen Länder hätten viel strengere Regeln in Kraft gesetzt, monieren die Gegner.

Auf dem Berg über Tramelan wären einige Bauernbetriebe von drei Windrädern umgeben, die knapp 300 Meter entfernt wären, sagt Schweizer. Die Liste der Störungen nimmt apokalyptische Ausmasse an: Unerträglicher, andauernder Lärm, Stroboskop-Effekt durch repetitiven Schattenwurf, riesige Eiszapfen, die Langläufer auf ihren Skis bedrohen, usw.

Schockierende Zeugenaussagen

Mit zugeschnürter Kehle und den Tränen nahe, berichtet Karine Froidevaux, die in der Nähe der Windräder von Peuchapatte lebt: "Ich beschreite einen veritablen Kreuzweg. Die Windturbinen haben mir alles genommen. In der Nacht muss ich wegen dem Lärm in meinem Büro übernachten. Am Tag verfolgen sie mich ebenfalls. Und stehen sie still, ist ihr Knarren unerträglich." Grosser Applaus im Saal.

Der Rechtsanwalt Marc Suter, Präsident des Fonds Landschaft Schweiz und ehemaliger Nationalrat, wirft einen etwas weniger emotionalen Blick auf die Problematik. Er bemängelt eine fehlende Rechtsprechung auf eidgenössischer Ebene und die Unvereinbarkeit solcher Anlagen mit dem Raumplanungsgesetz.

Zudem herrsche ein Ungleichgewicht bei den Interessen der betroffenen Gemeindebehörden. Denn auch wenn die Verträge mit den Energieunternehmen den Gemeinden und Landbesitzern viel Geld einbrächten, sei der ökonomische Nutzen überwiegend negativ.

Hier bringt sich der lokale Industrielle Martial Voumard ins Spiel. Er zeigt sich "konsterniert von der Bedrohung des Wertverlustes der Region". Die Lebensqualität und die idyllische Landschaft, welche die Attraktivität der Region ausmachten, seien bedroht.

Voumard schätzt den Wertverlust bei Immobilien auf etwa 20%, befürchtet einen Exodus von qualifiziertem Personal und das Ende vieler traditioneller Familienunternehmen in den Dörfern. Auch er zeichnet ein sehr düsteres Bild.

"Sie stehlen unser Land!"

Ein Film aus dem Helikopter, in dem zukünftige Windturbinen virtuell eingefügt wurden, überzeugt die Versammlung. In der Fragestunde werden die Energieunternehmen von allen Seiten angeklagt, "sich die Taschen zu füllen", und die Leute enervieren sich über "die Flachländer".

"Die Promotoren werden in der Hölle erwartet", verspricht Michel Péquignot, Bürger der Gemeinde Les Enfers (auf Deutsch: Hölle). Vor einigen Wochen haben die Bewohner von Bourrignon gedroht, zu den Methoden des Freiheitskampfes zur Unabhängigkeit des Kantons Jura zurückzukehren und die Windturbinen zu sprengen.

Ein Bürger regt sich auf: "Die grossen Städte kommen, um uns unsere Landschaft zu stehlen!" Ein anderer pflichtet ihm bei: "Ich weigere mich, unsere Berge zu opfern, um die kalten Betten von Lausanne oder Montreux zu heizen!"

Die Bürgermeisterin von Tramelan, Milly Bregnard, versucht die Wogen zu glätten: "Wir sind noch in der Phase von Vorstudien. Es wird nichts unternommen, ohne dass sich das Stimmvolk dazu wird äussern können. Sie haben mein Ehrenwort!"

"Fehlende Solidarität"

Schliesslich ergreift Reto Rigassi das Mikrofon. Er ist Direktor von Suisse Eole, der vom Bundesamt für Energie (BFE) ins Leben gerufenen Vereinigung zur Förderung der Windenergie in der Schweiz. "Wir haben eine gemeinsame Verantwortung. 80% der von uns konsumierten Energie ist nicht erneuerbar. Deshalb ist es absolut notwendig, Lösungen zu finden."

Am Schluss des Abends, nach einem Film, in dem idyllische Landschaften von aggressiven Windturbinen angegriffen werden, kommentiert Rigassi gegenüber swissinfo.ch: "Ich war schon an aufgeregteren Versammlungen. Dieser Abend war noch relativ ruhig."

Zuversichtlich, dass sich bald eine Lösung abzeichnen werde, betont er, es sei alles unternommen worden, um die Auswirkungen zu verringern: "Die Lärmschutz-Verordnung ist viel strenger als bei Eisenbahnen und Autobahnen."

Rigassi bedauert die fehlende Solidarität von Personen, "die auch von der Infrastruktur der Städte profitieren", nicht aber Belästigungen in Kauf nehmen würden.

"Jedermann sollte etwas beitragen für die Wende, die sich im Energiesektor ankündigt. Wenn wir alle an unserem maximalen Komfort festhalten, werden wir das gleiche Schicksal erleiden wie die alten Römer."

Windenergie in der Schweiz

Gegenwärtig sind in der Schweiz 28 industrielle Windturbinen an acht Standorten in Betrieb, drei befinden sich im Jurabogen. Sie produzieren 74 Mio. kWh pro Jahr, das entspricht dem Strombedarf von 21'000 Haushalten.

Im Gegensatz zu ihren Nachbarländern besitzt die Schweiz keine grossen Flächen, die für Windparks genutzt werden können. Sie muss die Turbinen daher verteilen.

Dafür verfügt sie in der Nähe des Nufenenpasses im Kanton Wallis auf 2465 Metern über die höchstgelegene Turbine Europas. 2012 wird diese in Betrieb gesetzt.

Im Moment sind 17 Projekte für den Bau von 127 Windturbinen in Planung, davon die Hälfte im Jurabogen. Sie sollten 2016 in Betrieb genommen werden. Weitere mögliche Standorte in den Alpen und im Jura sind in Diskussion. Sie könnten bis 2020 konkretisiert werden.

Laut Schätzungen des "Konzepts Windenergie Schweiz" aus dem Jahr 2004 könnte die Windenergie 2035 rund 2,5% des Energiebedarfs der Schweiz decken. 2050 sollte dieser Anteil auf 6,8% ansteigen, was dem Strombedarf von über 1 Million Haushalten entsprechen würde. Dafür wären 800 industrielle Windturbinen nötig.

Steigender Konsum

2010 stieg der Stromkonsum in der Schweiz laut dem Bundesamt für Energie (BFE) um 4% auf 59,8 Mrd. Kilowattstunden (kWh).

Der Strommix bestand 2009 aus 56,5% Wasserkraft, 38,1% Atomstrom und 5,4% aus konventionellen thermischen sowie anderen Energiequellen.

2010 importierte die Schweiz Elektrizität im Umfang von 66,8 Mrd. kWh und exportierte 66,3 Mrd. kWh.

Nach der Atom-Katastrophe von Fukushima haben Regierung und Parlament entschieden, die bestehenden Kernkraftwerke nicht zu ersetzen. Der endgültige Ausstieg aus der Atomkraft ist bis 2024 vorgesehen.


(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch



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