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150 Jahre Visarte


"Die Kunst steht nach wie vor unter grossem Druck"


Von Martina Kammermann, Luzern


Visarte 2016, 150 Jahre im Dienst der Kunst: Dieses Jubiläum feierte die Visarte mit ganz viel Kunst. (swissinfo.ch)

Visarte 2016, 150 Jahre im Dienst der Kunst: Dieses Jubiläum feierte die Visarte mit ganz viel Kunst.

(swissinfo.ch)

Der Kunstverband Visarte feiert in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag. Am Jubiläumsfest im November wurde nicht nur zelebriert, sondern auch diskutiert: über gefährliche Wohlfühlzonen, Künstler als Weltgestalter und zukünftige Arbeitswelten.

Unter welchen Bedingungen arbeiten Künstlerinnen und Künstler in der Schweiz? Wo brauchen sie mehr Unterstützung? Werden ihre Anliegen in der Politik und in der Gesellschaft anerkannt? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Visarte, der Schweizer Berufsverband der visuellen Künste, seit 150 Jahren. Dieses Jubiläum feierte der Verband im November im neuen Gebäude der Hochschule Design&Kunst in Luzern. Dabei prostete man nicht nur auf sich an, sondern schaute auch in die Zukunft.

"150 Jahre im Dienst der Kunst – darauf dürfen wir stolz sein. Aber wir dürfen uns nicht ausruhen, denn Kunst und Kultur stehen weiterhin unter grossem Druck, und neue Herausforderungen warten auf uns." So begrüsste Christoph Doswald, Kurator und Vorstandsmitglied, das Publikum der Podiumsdiskussion, die den Abend eröffnete. Als Beispiele nannte er die Auswirkungen der Globalisierung und Digitalisierung, aber auch der ins Absurde abgehobene Kunsthandel.

Diese und weitere Themen wurden im Anschluss von fünf Künstlern und Kuratorinnen diskutiert. Der Künstler Kerim Seiler etwa betonte, im internationalen Vergleich hätten junge Kunstschaffende in der Schweiz ein einfaches Leben, da von Staat und Stiftungen viele Fördergelder vergeben würden. Trotzdem würde er Künstlern im Ausland nicht unbedingt raten, in die Schweiz zu kommen: "Vieles ist sehr gut hier, aber dadurch ergibt sich eine gewisse Gemütlichkeit, eine Wohlfühlzone, in der auch vieles erstarrt."

In der audiovisuellen Performance von Andy Guhl, Tabea Guhl und Thomas Brändle tauchte das Publikum in unbekannte, aus dem Moment entstehende Bildwelten. (swissinfo.ch)

In der audiovisuellen Performance von Andy Guhl, Tabea Guhl und Thomas Brändle tauchte das Publikum in unbekannte, aus dem Moment entstehende Bildwelten.

(swissinfo.ch)

Ist l'art pour l'art okay?

Der Begriff der "Wohlfühlzone", die für die Kreativität wertvoll sei, teils aber auch lähmend wirke, blieb während des ganzen Podiums präsen, und mündete unter anderem in einer Diskussion über die zukünftige Rolle des Künstlers in der Gesellschaft. Dürfen Kunstschaffende l’art pour l’art betreiben? Müssen sie sich im Gegenteil aktiv als Gestalter der Welt betätigen? Und wie weit können sich Künstlerinnen auf bestehende Systeme einlassen, ohne ein Rädchen desselben zu werden?

Nicht ganz neue Fragen. Dorothea Strauss, Kuratorin und Leiterin CSR der Mobiliar Versicherung, forderte die Künstler zu mehr "Einmischung" auf: Durch die Digitalisierung würden in Zukunft viele Berufe verschwinden, neue Arbeits- und Lebensmodelle seien gefragt. Mit ihren Fähigkeiten könnten Künstler hier einen wichtigen Beitrag leisten. Es sei ihre Aufgabe, Haltung zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen und als "Treiber für eine nachhaltige Gesellschaft" zu wirken.

Die Visarte wurde 1866 von einer Gruppe um den Schriftsteller und Politiker Gottfried Keller und den Maler Rudolf Koller gegründet mit dem Ziel, die Interessen der Maler und Bildhauer zu vertreten. Wenig später wurde der Fokus auf die Architektur erweitert, und heute werden neu auch Kuratorinnen und Kuratoren in die eigenen Reihen gezählt. Mit rund 3000 Mitgliedern und 18 Regionalgruppen ist die Visarte heute der grösste Berufsverband im Kultursektor. Prominente Mitglieder sind etwa Pipilotti Rist, das Duo Steiner&Lenzlinger oder Christoph Rütimann. Seit 2014 wird die Visarte von Josef Felix Müller präsidiert. 

Längst nicht alle konnten sich mit dem Bild des Künstlers als "Dienstleister" anfreunden: "In der Schweiz kann ich mit einem Teilzeitjob überleben, und daneben geniesse ich in meinem Atelier völlige Freiheit. Wenn dies verloren geht, verliert auch die Kunst. Ich will mir meinen Auftrag selber geben", entgegnete eine Künstlerin im Publikum.

Künstler-Kollektive sind in!

So taten sich in dieser und auch in anderen Fragen an diesem Abend mehrere Standpunkte und Pole auf. Als klaren Trend stellte man fest, dass junge Kunstschaffende in der Schweiz wie auch international zunehmend in interdisziplinären und temporären Kollektiven arbeiten. Das klassische Bild des genialen Künstlers – und des Autorenbegriffs überhaupt – verliert dabei an Gewicht, und die Einzelnen sind gegen aussen weniger sichtbar.

Tatsächlich kaum sichtbar waren die jungen Künstlerinnen und Künstler im Publikum – die Visarte kämpft seit Jahren mit Nachwuchsproblemen. Dies mag einerseits am etwas verstaubten Image des Verbands liegen, andererseits an seinen Aufnahmekriterien. Diese wurden während des Podiums mehrmals als zu hochschwellig kritisiert. Wenn wir also in die Zukunft blicken: Dieses Thema wird den Verband weiterhin beschäftigen.

Am Willen scheint es nicht zu mangeln. Denn am darauffolgenden Fest, das als kleines Kunstfestival daherkam, erhielt der künstlerische Nachwuchs umso mehr Platz. In der grosszügigen Eingangshalle boten vorwiegend junge Künstlerinnen und Künstler verschiedene Performances. Weiter konnten die circa 450 Gäste im hauseigenen Kino der Luzerner Kunsthochschule Werke von Schweizer Video-Künstlern in Dauerschlaufe bestaunen. 

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