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"Äusserst verwirrend sind die Gerüchte"

Die prekäre Lage in Syrien treibt viele Menschen in die Flucht, auch in die Türkei.

(Keystone)

Die Gewalt in Syrien wächst von Tag zu Tag. Die Nachrichtenlage bleibt prekär. Der Schweizer Botschafter in Damaskus ist nahe am Geschehen. Bei der Bevölkerung stellt er eine grössere Offenheit im politischen Gespräch und eine Polarisierung der Meinungen fest.

Die Meldungen aus Syrien sind widersprüchlich und schwierig zu überprüfen. So soll die syrische Armee nach offiziellen Angaben in die von Gewalt erschütterte Stadt Dschisr al-Schughur an der Grenze zur Türkei einmarschiert sein, um gegen bewaffnete Banden vorzugehen. 

Menschenrechtler sprechen dagegen von einem weiteren Schlag des Militärs gegen den Volksaufstand gegen Präsident Baschar al-Assad. Seit März 2011 sollen bei den Unruhen nach Angaben der UNO mehr als 1100 Menschen getötet worden sein.

swissinfo.ch: Was spüren Sie in der Schweizer Botschaft von den Unruhen auf den Strassen von Damaskus?

Martin Aeschbacher: Direkt hier in Damaskus spüre ich nichts. Das Stadtzentrum ist absolut ruhig. Kleinere Demonstrationen gibt es an der Peripherie, grössere in den Vororten. Die Innenstadt von Damaskus ist eine merkwürdige Oase des Friedens. Das gleiche gilt für Aleppo, wo ich gerade war. Indirekt spüre ich die Spannung allerdings deutlich durch Begegnungen mit syrischen Bekannten, die äusserst beunruhigt sind.

swissinfo.ch: Wie informieren Sie sich über die Lage im Land?

M.A.: Die Informationslage ist extrem schwierig und widersprüchlich, wie ich es noch selten erlebt habe. Ich verfolge im Fernsehen die  staatlichen syrischen Programme sowie die arabischen Sender Al-Jazira und Al-Arabia und BBC Arabic. Dazu kommen offizielle staatliche Zeitungen, eine halboffizielle private Zeitung, panarabische wie Al-Hayat und das Internet.

Es gibt sehr gute, auf Syrien spezialisierte Websites. Besonders wichtig sind für mich daneben die persönlichen Gespräche mit Leuten verschiedenster Provenienz. Äusserst verwirrend sind die Gerüchte. Sie können auch eine politische Waffe sein. Gewisse Gerüchte werden gezielt gestreut. Andere Gerüchte entstehen, weil die Leute Angst haben. Sie geben Auskunft über den Seelenzustand der Bevölkerung.

swissinfo.ch: Haben sich diese Gespräche in den letzten Monaten verändert?

M.A.: Die Leute sind viel offener und sprechen über Politik. Das ist neu und erstaunlich. Wen ich auch treffe: Das Gespräch kommt sofort auf politischen Fragen. Die Menschen sind besorgt, weil eine grosse Ungewissheit herrscht. Ich habe auch eine gewisse Polarisierung der Meinungen festgestellt.

swissinfo.ch: Bedeutet diese neue Gesprächskultur, dass die Angst vor Repression wegen kritischer Äusserungen verschwunden ist?

M.A.: Ja, bis zu einem gewissen Punkt. Früher waren die Syrer und Syrerinnen extrem vorsichtig, wenn sie ihre Meinung äusserten. Das hat sich verändert. Sie sind offener geworden. Es kommt allerdings immer noch darauf an, wer und bei welcher Gelegenheit.

swissinfo.ch: Inwiefern verändert die Situation Ihre tägliche Arbeit auf der Botschaft?

M.A.: Das soziale Leben hat sich stark verändert. Einladungen zu grossen offiziellen Festen wie z.B. Nationalfeiertagen entfallen fast vollständig. Man trifft schon Leute, aber eher in kleineren Kreisen. Ausserdem haben wir fast keine Delegationen aus der Schweiz mehr hier. Die wirtschaftliche und kulturelle Arbeit hat sich reduziert. Dafür brauche ich mehr Zeit für die politische Analyse und zur Beschaffung von Informationen.

Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist das Betreuen der Schweizer Kolonie. Ich war jetzt gerade in Aleppo, unter anderem, um die dort lebenden Schweizerinnen und Schweizer zu treffen und zu sehen, wie es ihnen dort geht.

swissinfo.ch: Haben viele Schweizer Syrien verlassen?

M.A.: Das EDA rät den Schweizer Bürgern, das Land zu verlassen, wenn ihre Präsenz nicht notwendig ist. Ein grosser Teil der 210 in Syrien lebenden Schweizerinnen und Schweizer sind allerdings Doppelbürger, die permanent hier leben. Ihre Situation ist mit jener eines Expatriierten, der wegen eines Jobs ein paar Jahre nach Syrien kommt, nicht zu vergleichen.

Auch die Leute, die etwa beim IKRK oder bei uns auf der Botschaft arbeiten, bleiben hier. Dazu kommt, dass zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer in Aleppo und Damaskus leben, wo die Sicherheitslage im Moment normal ist. Bis anhin haben nur einige wenige Landsleute Syrien verlassen.

swissinfo.ch: Wie verhalten sich die in Syrien aktiven Schweizer Firmen?

M.A.: Schweizer Firmen werden zum grössten Teil von Syrern vertreten. Generell ist die gesamte Geschäftstätigkeit in Syrien zurückgegangen. Je nach Branche ist die Situation eine andere. Der Tourismus ist völlig zusammengebrochen.

Ein Sonderfall ist Nestlé. Das Unternehmen produziert hier in Syrien Produkte des täglichen Lebens, die weiterhin benötigt werden. Gut geht es zurzeit der Landwirtschaft, weil es endlich geregnet hat. Und der Baubranche, weil zurzeit viel – in den meisten Fällen illegal – gebaut wird.

swissinfo.ch: Vor zwei Jahren organisierte die Schweizer Botschaft in Damaskus ein Konzert mit dem Schweizer Rapper Greis, das bei der syrischen Jugend auf grosse Begeisterung stiess. Wäre ein solches Konzert heute noch möglich?

M.A.: In Damaskus wäre es im Prinzip möglich, es würden sicher auch Leute kommen. Aber die Stimmung passt heute nicht zu grossen Anlässen. Es stellt sich in solchen Situationen immer die Frage, soll man jetzt Kultur trotzdem machen oder gerade nicht. Denn das Leben ist an verschiedenen Orten im Land dramatisch, es fliesst Blut.

Persönlich bin ich der Meinung, dass man auch in schwierigen Situationen versuchen sollte, an kulturelle Anlässe zu gehen oder solche zu organisieren. Aber sicher in einem beschränkten Mass. Bei den meisten Anlässen, die ich besuchte, wurde zuerst immer eine Schweigeminute für die Opfer auf allen Seiten eingelegt.

swissinfo.ch: Werden Sie stärker überwacht als früher?

M.A.: Zumindest hätte ich davon nichts bemerkt. Ich bewege mich in Damaskus frei wie immer. Was sich geändert hat, ist die Sicherheitslage ausserhalb der Hauptstadt. Ich zögere heute, mit dem Auto aus der Stadt zu fahren, wenn es nicht notwendig ist. Man könnte in eine Demonstration geraten, an einer Strassensperre könnte plötzlich geschossen werden. Man weiss nicht, was einen wo erwartet, besonders an Freitagen und Samstagen. Ich möchte nicht dramatisieren, aber die Situation ist unsicher.

IKRK verlangt Zugang zu Opfern in Syrien

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz verlangt vom syrischen Regime den sofortigen Zugang zu den Opfern der Gewalt im Land sowie zu allen Gefangenen.

IKRK-Präsident Jakob Kellenberger erklärte sich bereit, selbst nach Syrien zu reisen, um die Regierung zu überzeugen.

"Trotz wiederholter Anfragen an die syrischen Behörden haben wir nicht wirklich Zugang zu schutzlosen Personen erhalten", erklärte der Schweizer Jakob Kellenberger am Freitag in Genf.

Bislang haben das IKRK und der arabische Rote Halbmond nur Daraa, Tartus und Homs besuchen können. Die Besuche fanden gemäss IKRK-Angaben im vergangenen Monat statt und waren nur von kurzer Dauer - nicht lange genug, um die Lage vor Ort abzuschätzen und den Bedarf an humanitärer Hilfe abzuklären, wie Kellenberger betonte.

Es gebe aber zahlreiche Berichte über Hunderte Getötete und Verletzte, Tausende Gefangene und Verhaftete sowie über Tausende weitere Menschen, die sich wegen der Gewalt nicht mehr aus ihren Häusern trauten.

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Beziehungen Bern-Damaskus

Die politischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Syrien sind nicht sehr intensiv.

Der Handelsaustausch ist bescheiden, auch wenn er in den letzten paar Jahren gewachsen ist.

Die Schweiz exportiert vor allem Maschinen sowie pharmazeutische und chemische Produkte.

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) betreibt in Damaskus seit 2005 ein regionales Kooperationsbüro.

Syrien ist am Regionalprojekt "Mashreq" der Deza beteiligt. Das Programm bezieht sich auf gute Regierungsführung, Förderung von Arbeitsplätzen und Umweltfragen.

Die Humanitäre Hilfe der Schweiz kommt Palästinaflüchtlingen in den syrischen Lagern zugute.

 

In Syrien lebten 2009 196 Schweizer, davon 148 Doppelbürger.

In der Schweiz lebten 2009 1023 syrische Staatsangehörige.

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