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"Robert Walser ist uns heute ganz nahe"

Bernhard Echte mit einem Walser-Originalmanuskript.

(swissinfo.ch)

Der Literaturwissenschafter Bernhard Echte ist einer der besten Robert-Walser-Kenner. 20 Jahre lang hat er Walsers Bleistiftentwürfe unter die Lupe genommen.

Im Gespräch mit swissinfo erzählt er von seiner Arbeit mit dem zu Lebzeiten erfolglosen Schweizer Schriftsteller, der 50 Jahre nach seinem Tod heute eine ungeahnte Renaissance erlebt.

swissinfo: Sie beschäftigen sich seit einem Viertel Jahrhundert mit Robert Walser, wohnen sogar in einem Haus, in dem auch Walser eine Weile gelebt hat. Färbt das nicht ab?

Bernhard Echte: Es ist merkwürdig, in jungen Jahren habe ich mich stark mit Walser und seinen literarischen Helden identifiziert. Doch mit der Zeit ist mein Verhältnis zu ihm distanzierter geworden, aber zugleich immer von Bewunderung geprägt geblieben.

swissinfo: Sie haben durch die Arbeit Distanz zu Walser gewonnen?

B. E.: Ich habe mehr und mehr lesen gelernt, also von mir selbst abzusehen. Es ist ja erstaunlich, wie vieles man bei einem ersten Lesen in einen Autor hinein interpretiert; wie vieles, was man sieht, davon abhängt, ob man sich bestätigt fühlt in dem, was man schon immer gedacht hat.

swissinfo: Und was haben Sie dabei entdeckt?

B. E.: Robert Walser vermeidet alles Konventionelle mit traumwandlerischer Sicherheit. Er lässt sich nie vereinnahmen und sagt in jedem Satz etwas Unerwartetes. Das macht die enorme Lebendigkeit seiner Texte aus.

swissinfo: Warum entfaltet Robert Walser erst heute eine so grosse Wirkung?

B.E.: Als er starb, kannte ihn niemand, und nichts schien unwahrscheinlicher, als dass dieser Autor jemals eine solche Resonanz bekommen würde. Dass er inzwischen in 30 Sprachen übersetzt ist, bedeutet eine fast märchenhafte Renaissance. Heute ist er uns ganz nahe, er wirkt völlig unverstaubt und unmittelbar. Man merkt erst jetzt, wie humorvoll und witzig er ist, ein Ironiker und Spötter.

swissinfo: Was stand dem Erfolg zu Lebzeiten denn im Weg?

B. E.: Das kommt wohl von Walsers Unbestechlichkeit, seiner Eigenständigkeit, dass er nie irgendwelchen literarischen Formen zugedient oder nachgeschrieben hat, dass er unglaublich ehrlich war, dass alles, war er schrieb, auch existenziell verbürgt ist. Er sah den Schriftsteller als einen, der im Schatten und nicht im Rampenlicht stehen soll, um sich selbst und der Welt gegenüber unbestechlich zu bleiben.

swissinfo: Sie haben während 20 Jahren Walsers Bleistift-Mikrogramme entziffert. Was hat Sie bei dieser Arbeit angetrieben?

B. E.: Die Neugierde, ich wollte wissen, was da steht. Es gibt keinen Nachlass eines Schriftstellers von dieser Bedeutung, der so viel Unbekanntes enthalten hat wie der Walsers.

swissinfo: Für die Hälfte der Bleistiftentwürfe in Miniaturschrift fanden Sie Abschriften von Walser in Normalgrösse, für die andere Hälfte waren Sie auf sich selbst und die Lupe zurückgeworfen. Wie haben Sie das geschafft?

B. E.: Bei einer Buchstabenhöhe von nur 2 Millimeter hat ein Ausrutscher von einem halben Millimeter neben die Ideallinie natürlich einen ungleich grösseren entstellenden Effekt, als wenn die Schrift einen Zentimeter gross ist. Die ersten neun Monate bei dieser Arbeit war für mich ein einziger Kampf gegen den Kopfschmerz, weil ich mich dabei so verkrampfte.

Doch schliesslich verstand ich, dass man da mit willentlicher Anstrengung nicht viel erreichen konnte. Man muss sich disponieren, sich konzentrieren und gelassen sein. Man muss die gleiche psychische Disposition einnehmen wie Walser selbst beim Schreiben.

swissinfo: Warum hat Walser überhaupt in dieser Miniaturschrift und mit Bleistift geschrieben?

B. E.: Der Grund war eine vorher gehende Krise mit der Schreibfeder. Walsers gestochen schöne Handschrift, in der er seine ersten Romane geschrieben hatte, verlor in der Bieler Zeit um 1918 alle Spontaneität und Lebendigkeit. Er kam nicht mehr weiter und suchte nach einem Ausweg aus dieser Krise.

Da half ihm der Bleistift, ein weniger offizielles Schreibmedium, das einem nicht das Tempo diktiert, wie das die Feder tut. Es ist einfacher in der Handhabung, intimer. Dieser Gebrauch des Bleistifts war für Walser ein Weg der Gesundung.

swissinfo: Hat die Verkleinerung der Schrift auch mit Unsicherheit oder schöpferischer Krise zu tun?

B. E.: Ganz im Gegenteil, Robert Walser war in dieser Zeit, den 20er- Jahren, ungeheuer produktiv und in keiner Weise defizitär, auch nicht in der Qualität des Geschriebenen. Er hat im Kleinen immer das Geheimnisvolle und Lebendige gesehen.

Die Bemühung um das Kleine verlangt eine ganz besondere Konzentration, eine Unterwerfung unter das Handwerk. Aus dieser Konzentration, gepaart mit der Entspanntheit ist für ihn eine ganz neue kreative Stimmung erwachsen.

swissinfo: Hat Robert Walser selbst seine Kleinschrift je kommentiert?

B. E.: In einem Brief an den Literaturredakteur Max Rychner schrieb Walser, dass er ihm beiliegend einen Text schicke mit einem Abschnitt, der ausnahmsweise nicht aus dem Bleistiftgebiet stamme. Er thematisierte also nur den Bleistift, aber nicht die Kleinheit. Das Augenfälligste dieser Manuskripte war ihm keiner Erwähnung wert. Für ihn war das wesentliche offenbar der Bleistift, der ihn diesen Weg hat gehen lassen.

swissinfo-Interview, Susanne Schanda

In Kürze

Zum 50. Todestag von Robert Walser erinnern zahlreiche Veranstaltungen in und ausserhalb der Schweiz an den grossen Dichter. Koordiniert werden sie vom Robert-Walser-Archiv in Zürich.

Zudem ist dieses Jahr eine Reihe von Publikationen geplant. Im Suhrkamp-Verlag erscheint eine Edition sämtlicher Briefe von und an Robert Walser, eine Text-Bild-Biografie und eine Anthologie "Walser vor Bildern". Eine Sammlung mit Berlin-Texten erscheint im Insel-Verlag und im Appenzeller Verlag "Robert Walsers wilde Jahre".

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Fakten

Bernhard Echte, 48, hat in Tübingen Literaturwissenschaft studiert.
Seit 1981 arbeitet er im Robert-Walser-Archiv, 1995 wurde er dessen Leiter.
Zusammen mit Werner Morlang hat Echte in 20-jähriger Arbeit Walsers Bleistiftentwürfe in Miniaturschrift aus den Jahren 1924 bis 1933 entziffert.
Die Mikrogramme erschienen im Jahr 2000 unter dem Titel "Aus dem Bleistiftgebiet".

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