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Am Pol des südlichen Afrikas

Der neue Schweizer Botschafter in Südafrika, Viktor Christen, mit Nosipho January-Bardill, Botschafterin Südafrikas in der Schweiz.

(swissinfo.ch)

Am 1. September hat Viktor Christen sein Amt als neuer Schweizer Botschafter in Südafrika angetreten. Im Gespräch mit swissinfo betont er die Wichtigkeit der Rolle Südafrikas als Förderer der armen Nachbarländer.

Christen war vorher über vier Jahre Botschafter im Krisenland Kolumbien.

In diesem Jahr feiert Südafrika sein zehnjähriges Bestehen als freie demokratische Nation. Der friedliche Übergang von der Apartheid zur Demokratie gilt weltweit als Lichtblick.

Der neue Schweizer Botschafter in Pretoria trifft auf ein Land, das sich nach den Wahlen vom 14. April 2004 politisch noch weiter stabilisiert hat. Das Vermächtnis der Apartheid hat aber einen wirtschaftlichen und sozialen Graben in der Gesellschaft hinterlassen, der nicht so schnell beseitigt sein wird.

swissinfo: Sie waren viereinhalb Jahre Botschafter in Kolumbien. Aus was für einem Land kommen Sie?

Viktor Christen: Ich komme aus einem Land, das sich inmitten eines seit vielen Jahren dauernden Bürgerkriegs befindet. Dort hat die Schweiz versucht, mit gewissen vermittelnden Initiativen dämpfend auf den Konflikt einzuwirken.

swissinfo: In Kolumbien waren Sie in einer Bürgerkriegs-Situation, in Südafrika treffen Sie auf eine sehr hohe Kriminalitätsrate, auf Armut und ein riesiges Aids-Problem. Freuen Sie sich auf Ihren neuen Job?

V.C.: Ja, absolut. Ich hatte bereits vor meinem Aufenthalt in Kolumbien in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre die Gelegenheit, verschiedene friedensfördernde Projekte für Südafrika zu initieren.

Eine weitere Motivation ist die Tatsache, dass ich von einem Land, das mitten in einem Konflikt steht, nun in ein Land gehen kann, das diese Situation eigentlich bereits überstanden hat und sich jetzt in einer post-konfliktuellen Lage befindet. Das heisst natürlich, dass noch nicht alle Probleme gelöst sind.

swissinfo: Wo sehen Sie Probleme?

V.C.: Das alles überragende Problem ist sicher Aids, das demografische Auswirkungen hat, die man sich vor zehn Jahren gar nicht vorstellen konnte. 70 Prozent der Aids-Kranken befinden sich im südlichen Afrika.

swissinfo: Kann die Schweiz zum Aids-Problem in Südafrika etwas tun?

V.C.: Die Schweiz versucht auf zwei Ebenen, Südafrika zu helfen: Sie ist aktiv im Bereich der Prävention mittels Unterstützung entsprechender Projekte und in der Frage der Heilung.

Da beteiligen wir uns an den Abkommen der Welthandels-Organisation (WTO), wo immerhin ein Weg der Zusammenarbeit mit der südafrikanischen Regierung gefunden wurde.

Die für eine Lebensverlängerung notwendigen Medikamente werden den Opfern jetzt gratis oder zumindest zu sehr vorteilhaften Bedingungen zugänglich gemacht.

swissinfo: Stichwort Kriminalität: Südafrika hat eine der weltweit höchsten Raten. Haben Sie Angst?

V.C.: Angst ist das falsche Wort. Ich habe sicher einen gewissen Respekt vor der Situation in Südafrika. Aber Sie wissen ja, aus welchem Land ich komme...(lacht). In Bogota konnte ich mich nur in einem gepanzerten Fahrzeug bewegen, zu Fuss konnte ich nur in Polizei-Begleitung gehen.

Die Sicherheitsfrage im Land am Kap ist gewiss einfacher als in Kolumbien, aber ich weiss, dass sie echt ist. Und da muss man auf der Hut sein.

In diesem Bewusstsein muss man das Leben entsprechend gestalten. Meine Frau und ich werden sicher versuchen, das Beste daraus zu machen, was aber natürlich nicht viel beiträgt zur Lösung des Problems...(lacht).

Deshalb bin ich sehr froh, dass die Schweiz in diesem Bereich mit Projekten versucht, dämpfend auf die hohe Kriminalitätsrate Einfluss zu nehmen.

swissinfo: Die Schweizer Wirtschaft war im Südafrika der Apartheid sehr präsent, was unserem Land, ebenso wie das Abseitsstehen bei den weltweiten Sanktionen gegen Pretoria, scharfe Kritik bescherte. Müsste die Schweiz angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und Armut in Südafrika heute nicht mehr tun?

V.C.: Das ist sicher ein wichtiger Punkt, zu dem ich schon nur auf Grund meiner Persönlichkeit nicht schweigen kann. Allerdings habe ich noch keine Rezepte, ich muss mich da zuerst in meine neue Verantwortung einarbeiten.

Die Schweiz ist heute immerhin der fünftgrösste Investor in Südafrika. Mir scheint, dass die Schweiz gerade mit dem Investitionsförderungs-Mandat des Staatssekretariats für Wirtschaft (seco) an die Swiss Organisation for Facilitating Investments (SOFI) ein Instrument hat, um auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in der Schweiz für Investitionen in Südafrika zu gewinnen.

Es geht ja nicht nur um die grossen, multinationalen Konzerne, von denen man immer wieder spricht, auch im Zusammenhang mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte während der Apartheid. Denn die Zukunft in diesem Land wird sich - fast wie in der Schweiz - in KMU prägen. Wenn die Schweiz hier einhakt, wäre das für Südafrika vermutlich von ganz besonderem Interesse.

swissinfo: Und welches sind die positiven Seiten?

V.C.: Ich sehe Südafrika in vielen Beziehungen als Pol auf dem südlichen Teil des afrikanischen Kontinentes. Mit seinem Entwicklungsstand, seinem Know-how bietet sich das Land ganz natürlich an, eine Rolle als Förderer der armen Nachbarländer zu spielen.

Und Südafrika bemüht sich auch sehr, diese Rolle verantwortungsvoll und in voller Übereinstimmung mit den Ländern der Region wahrzunehmen.

swissinfo: Südafrika gilt heute als eine der beliebtesten Tourismus-Destinationen. Freuen Sie sich auf die wunderbare Landschaft?

V.C.: Das Bereisen eines Gastlandes gehört immer zu den Aufgaben eines Botschafters, obwohl das in Kolumbien äusserst schwierig war. Ich freue mich schon jetzt darauf, zusammen mit meiner Frau Südafrika mit all seinen landschaftlichen Schönheiten zu erkunden.

swissinfo-Interview: Jean-Michel Berthoud

Fakten

Bevölkerungszahl Südafrikas: 45 Mio. Einwohner

77% Schwarzafrikaner, 11% Weisse, 9% Farbige, 3% Indischstämmige

Schweizer Entwicklungs-Zusammenarbeit 2003: 12,2 Mio. Franken

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In Kürze

2004 ist für Südafrika ein Jubiläumsjahr: Pretoria feiert sein zehnjähriges Bestehen als freie demokratische Nation.

Trotz dem friedlichen Übergang von der Apartheid zur Demokratie und der politisch stabilen Situation gibt es im Land am Kap gravierende Probleme: Aids, Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität.

Im Gespräch mit swissinfo äussert sich der neue Schweizer Botschafter Viktor Christen, der sein Amt in Pretoria am 1. September antritt, zuversichtlich über seine künftige Arbeit.

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