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Bergoglio/Franziskus Ein "Papst der Armen" mit Risiko-Vergangenheit

Jorge Mario Bergoglio, der neue Papst Franziskus, begrüsst erstmals die Gläubigen auf dem Peterplatz in Rom.

(Reuters)

Die Wahl des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio zum Papst hat auch die Schweizer Presse überrascht. Der "Priester der Armen" könne den Gläubigen auch fern der Kurie Hoffnung geben. Seine ungeklärte Rolle zur Zeit der Militärdiktatur sei aber ein Risiko.

Mit der Wahl des 76-jährigen Erzbischofs von Buenos Aires verbindet auch die Schweizer Presse Hoffnungen. Mit Franziskus, wie sich der neue Papst in Anlehnung an Franz von Assisi nennt, auf den sich die Gründer des Franziskanerordens beriefen, könne im skandal- und intrigengebeutelten Vatikan ein neuer Stil Einzug halten, so der Tenor.

"Ein Lächeln, das die Welt verzaubert", freut sich der Corriere del Ticino. Bergoglio werde eine exotische Note in den Vatikan bringen und die Hoffnungen der Ärmsten der Welt tragen müssen.

La Regione aus Bellinzona begrüsst ihn als "den Papst aus einer anderen Welt". Wie er sich auf dem Balkon vor den Gläubigen auf dem Petersplatz präsentiert habe, weise auf den Stil der Öffnung gegenüber der Welt hin.

Für das Journal du Jura verkörpert das neue Kirchenoberhaupt "die Hoffnung, die vom anderen Ende der Welt kommt".

"Vom Kardinal zum 'Papst der Armen'" betiteln die Freiburger Nachrichten die Wahl Bergoglios vom Mittwochabend. Bescheidenheit, Demut, Offenheit, die Hinwendung zu den Menschen und zur Natur: Das seien die Eigenschaften des Heiligen Franz von Assisi.

"Bergoglio muss ein Papst der Menschen sein und einer Kirche vorstehen, die sich der Sorgen der Menschen annimmt, deren Lebensrealität akzeptiert und sich ihrer Vorbildfunktion bewusst ist. Auf dem Spiel steht nichts weniger als die Zukunft der Kirche", glaubt die Zeitung aus dem katholischen Kanton Freiburg.

Der neue Papst Franziskus

Jorge Mario Bergoglio ist der erste Papst aus Lateinamerika.

Mit 76 Jahren und seiner etwas gebrechlichen Gesundheit galt der "Kardinal der Armen" eher als Aussenseiter.

Der Erzbischof von Buenos Aires und Primas Argentiniens tritt in der Öffentlichkeit möglichst unauffällig auf. So nahm er als Kardinal öfters die U-Bahn auf dem Weg in die Kathedrale an der Plaza de Mayo.

In den letzten Jahren legte sich Bergoglio mehrfach mit den Regierungen von Néstor und Cristina Kirchner an. Er kritisierte Korruption und Armut. Auch wandte er sich - erfolglos - gegen die Legalisierung der Homo-Ehe in Argentinien.

Bergoglio wurde am 17. Dezember 1936 als Sohn italienischer Einwanderer geboren. Sein Vater war Bahnangestellter in der argentinischen Hauptstadt.

Bergoglio absolvierte eine technische Schule, die er als Chemie-Techniker abschloss. Mit 21 Jahren ging er ins Priester-Seminar.

Nach seiner Priesterweihe 1969 folgte er Theologiestudien und wurde 1973-1979 zum Provinzial des Jesuitenordens berufen. In diesen schwierigen Jahren Argentiniens, in denen nach sozialer Aufruhr das Militär die Staatsmacht übernahm, führte Bergoglio mit Strenge seine Ordensbrüder in strikt religiöse Aufgaben zurück.

Menschenrechtskreise werfen ihm vor, während der Zeit der Junta (1976-1983) eine zu grosse Nähe zu den herrschenden Militärs gehabt zu haben. Der einzige Jesuit im Konklave übernahm 1998 das Erzdiözese von Buenos Aires und wurde 2001 zum Kardinal berufen.

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Der Fussball-Fan 

"Nach Messi ein Papst für die Argentinier", jubelt La Liberté, ebenfalls aus Freiburg. Auch der Blick bringt das runde Leder mit dem Verweis ins Spiel, dass der neue Papst begeisterter Anhänger des Klubs San Lorenzo aus Buenos Aires sei, der von einem Priester gegründet worden sei.

"Seelsorger als Pontifex", schreibt der Walliser Bote und betont, dass der gewählte Name des neuen Pontifex als Franziskus Programm sei. "Er steht für die Schöpfung im weitesten Sinn. Der Lebensstil Bergoglios gilt als bescheiden, volksnah, ökologisch, und er versah sein Bischofsamt ohne Prunk."

Franziskus werde mit seinem warmherzigen Wesen mehr Seelsorger mit einem feinen Gespür für die Sorgen und Nöte seiner Schäfchen sein als sein Vorgänger, der den Fischerring eher als intellektueller Theologe getragen habe.

"Die Überraschung des Tages", skandieren La Tribune de Genève und die Lausanner 24heures. Das Konklave habe es geschafft, einen Mann zu wählen, der frischen Wind in die katholische Kirche bringen könne.

Der Seelsorger für alle

"Ein Papst für die Armen", titeln Tages-Anzeiger und Bund und sprechen gar von einer "Sensation. Die römisch-katholische Kirche hat einen Südamerikaner als Papst". Das Kardinalskollegium habe damit ein starkes Zeichen gesetzt: Der Papst solle jenen Teil der Welt repräsentieren, dem bis heute die Armen ein trauriges Gesicht geben würden. "Vielleicht ist er wirklich der Mann, der die Kirche statt mit Strenge und Härte mit Liebe, con carità, leiten wird."

Gefasster tönt es von der Neuen Zürcher Zeitung. "Die Wahl des Erzbischofs von Buenos Aires ist eine handfeste Überraschung. Mit dieser Wahl bekennt sich die katholische Kirche endlich auch im Papstamt zu ihrer Verfasstheit als Weltkirche, trotz immer noch herrschender europäischer Dominanz des Kardinalskollegiums."

"Ein globaler Papst für die Armen dieser Welt", titelt die Aargauer Zeitung und erinnert daran, dass 70 Prozent der Katholiken in Lateinamerika, Afrika und Asien lebten. "Die Wahl des ersten Papstes, der weder Italiener noch Europäer ist, ist ein Zeichen des Aufbruchs. Ein Zeichen des Wandels. Ein Zeichen, das der ältesten Kirche der Christenheit und der grössten Organisation der Welt nur guttun kann."

"Fast alles an der Wahl von Jorge Mario Bergoglio ist historisch: Zum ersten Mal ist ein Nichteuropäer zum Papst gewählt worden, zum ersten Mal sitzt ein Angehöriger des Jesuitenordens auf dem Papstthron, zum ersten Mal wird ein neuer Papst gekürt, während sich der alte Papst im TV die Wahl seines Nachfolgers zu Gemüte führt", so die Neue Luzerner Zeitung. Und zum ersten Mal habe ein Papst den Mut, sich mit seinem Namen symbolisch in die Fussstapfen des heiligen Franz von Assisi zu begeben. "Damit signalisiert - und weckt - der neue Papst hohe Ansprüche."

Beschützer des Pontifex Schweizergarde

Seit 503 Jahren im Vatikan zum Diensten des Papstes. Betritt man den Vatikan, fallen einem die päpstlichen Garden sogleich auf. Die ...

Der Geforderte 

Die Basler Zeitung erinnert an die "grossen Aufgaben", die auf den neuen Pontifex warten würden: Eine Vatikanbank mit zweifelhaftem Ruf, Missbrauchsskandal, Vatileaks - alle Wege führten in den Kirchenstaat - und dort endeten sie auch.

"Mit dem 76-jährigen Argentinier Jorge Mario Bergoglio besteht nun die Möglichkeit, dass sich an der Macht der Kurie etwas ändern wird." Den Kritikern des kirchlichen Beamtenapparates könnte es Rückenwind geben, dass Franziskus nie länger in Rom gearbeitet hat. "Für sie ist diese Wahl ein Signal: Das Weiter-so könnte enden", so die BaZ.

Le Temps aus dem reformierten Genf erwartet, dass sich Bergoglio vor allem um die Armen, Schwachen und Hoffnungslosen kümmern werde. "Aber die Doktrin in den brennenden Themen Scheidung, Empfängnisverhütung, Abtreibung oder Priesterheirat wir er nicht revolutionieren."

"Ein Papst ohne Prunk und Pomp?" fragt Die Südostschweiz und hofft "auf einen Papst, der nicht einfach nur von Amtes wegen gütig ist, sondern tatsächlich und konkret gegen soziale Missstände kämpft und sich für die Verbesserung der Lebensumstände von Milliarden von Menschen einsetzt. Ein Papst ohne Prunk und Pomp, der die Konfrontation mit den Mächtigen nicht scheut."

Der Kollaborateur? 

Die Wahl ist für die Schweizer Medien aber auch mit einem Risiko verbunden. "Die Rolle Bergoglios während der argentinischen Militärdiktatur ist möglicherweise nicht makellos. Diese Vergangenheit, so viel steht fest, wird ab sofort sehr viel genauer ausgeleuchtet werden", schreibt die Neue Luzerner Zeitung.

Etwa 30'000 Oppositionelle seien damals in Argentinien "verschwunden", darunter auch aufmüpfige Priester. "Sollte der neue Papst auch nur bei einem einzigen von ihnen eine Mitschuld tragen, hätte die Kirche ein neues Problem.

Auch Bund und Tages-Anzeiger sprechen die Zeit der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 an. "Wie der katholischen Kirche insgesamt wird auch Bergoglio vorgehalten, in jener Zeit mit der Junta kooperiert und sich nicht für die Verschwundenen interessiert zu haben. Vor allem das Schicksal linker Priester habe ihn und die Kirche kalt gelassen."

swissinfo.ch

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