Berliner Traum vom Flussbaden wie in der Schweiz

Visualisierte Zukunftsmusik: Das Flussbad an der Spree. Die Initianten hoffen, dass sich Berlinerinnen und Berliner ab 2025 im Stadtfluss erfrischen können. realities:united, Berlin

Raus aus dem Büro, rein in den prickelnd-erfrischenden Strom. Was in Bern, Zürich, Basel oder Genf zur Alltagskultur gehört, soll nun auch in der deutschen Hauptstadt Berlin wiederbelebt werden: ein Flussbad mitten in der Metropole.

Dieser Inhalt wurde am 18. Juli 2020 - 11:00 publiziert
Petra Krimphove, Berlin

Entlang der Berliner Spree sonnen sich die Menschen, trinken Bier, feiern – doch Badende erspäht man hier nur äusserst selten. "Es ist verboten, in der Spree zu schwimmen", erklärt der Berliner Jan Edler den Grund. Denn die auf der Wasserstrasse verkehrenden Schiffe könnten den Menschen gefährlich werden. Wer dennoch in den Fluss steigt, muss mit einem Bussgeld rechnen.

Das handhabt die Schweiz weit pragmatischer: Dort ist der Sprung in öffentliche Gewässer grundsätzlich erlaubt. Der mündige Bürger und die mündige Bürgerin werden schon wissen, was sie tun. Aufklärung ja – Verbote nein. Ohne dies wäre das Flussschwimmen nie zum Volkssport, ja zu einem Kult geworden.

Von so viel Gelassenheit können Jan Edler und sein Bruder Tim nur träumen. Die beiden sind Architekten und Künstler und hatten bereits 1996 die Idee, den Berlinern ihren Fluss zurückzugeben. Ihre Vision ist ein 850 Meter langes Flussbad in der Spree, das allen ohne Eintritt offen stünde. Ein Ort zum Schwimmen oder einfach nur Entspannen.

Und zugleich eine Chance, um der monumentalen Stadtmitte Berlins etwas Alltagsleben einzuhauchen. Lange war es nur eine Idee: Seit 2011 aber treiben die beiden ihre Vision im Verein "Flussbad Berlin" mit zahlreichen Mitstreitern professionell voran.

Bis die ersten Berliner Schwimmerinnen und Schwimmer in das geplante Flussbad (grün eingezeichnet) eintauchen können, dürfte noch viel Wasser die Spree hinunter fliessen. realities:united, Berlin

Das Berliner Flussbad

Das Flussbad erstreckt sich insgesamt über 1,9 Kilometer und ist in drei Abschnitte unterteilt: In den ersten beiden fliesst die Spree durch eine neu geschaffene Biotoplandschaft und einen Bereich zur natürlichen Reinigung des Flusswassers. Anschliessend bildet über eine Länge von 850 Metern der eigentliche Schwimmbereich den Abschluss der Strecke. Dort ermöglichen mehrere breite Freitreppen den Einstieg in das Wasser.

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Dass sie ihrem Ziel mittlerweile erheblich näher gekommen sind, verdanken sie auch dem Leiter des Basler Architekturzentrums Andreas Ruby. "Ohne ihn und die Unterstützung aus der Schweiz wären wir nicht, wo wir heute sind", sagt Jan Edler.

Ruby ist auch Mitorganisator der Ausstellung "Swim City" , die derzeit im Deutschen Architekturzentrum Berlin gezeigt wird und zuvor schon in Basel zu sehen war. Sie ist eine Liebeserklärung an das Flussschwimmen und eine Hommage an die eidgenössische Tradition. Auf einer Leinwand im Nebenraum macht eine Filminstallation des Zürcher Electronic Media Artist Jürg Egli das sinnliche Erlebnis des Schwimmens im fliessenden Gewässer visuell erfahrbar. "Im Fluss erlebt man die Stadt aus einer anderen Perspektive" bekräftigt Edler. Das Baden im Strom verändere die Menschen und die Stadt.

Schweizer Preis belebte das Projekt

Der gebürtige Dresdner Ruby wies 2011 die damals noch recht kleine Berliner Flussbad-Initiative auf den Schweizer Holcim-Preis für nachhaltige Stadtentwicklung hin. Das Team um die Gebrüder Edler gewann dann tatsächlich den ersten Preis für Europa und damit stattliche 180'000 Dollar. Sie nutzten das Preisgeld, um professionelle Vereinsstrukturen aufzubauen.

Die renommierte Auszeichnung verschaffte dem Thema Flussbad in Berlin zudem Sichtbarkeit und Anerkennung auch auf politischer Ebene. Mittlerweile wird das Flussbad vom Berliner Senat und vom Bund finanziell unterstützt. Es ist zum Vorzeigprojekt avanciert, mit dem Berlin sich in eine Gruppe internationaler Städte einreiht, die das Wasser als wertvollen Teil des urbanen Lebensraums wiederentdeckt hat.

Die grosse Ausnahme: Nur einmal jährlich dürfen in Berlin die Menschen in den Fluss - beim Pokalschwimmen in der Spree. An den anderen Tagen wird Berliner Wasserratten eine Busse aufgebrummt. Annette Hauschild/ Ostkreuz Flussbad E.v.

Rückeroberung des Basler Rheins als Vorbild

Das klingt einnehmend, und doch sind laut Jan Edler in Berlin nicht alle begeistert von der Idee. Die Verwaltung wegen der vermeintlichen Gefahren, die Denkmalschützer wegen der profanen Nutzung des Wassers rund um die ehrenwerte Museumsinsel.

Das Thema Flussbad tangiert viele Interessen und erfordert entsprechende Diplomatie. "Bei einem solchen Projekt muss man viele Gruppen ins Boot holen", so Jan Edlers Erfahrung. Doch die Konsensbildung liegt den Deutschen nicht so im politischen Blut wie ihren eidgenössischen Nachbarn. So ist das Flussbad auch ein Demokratieprojekt, und auch in diesem Punkt können die Berliner von Prozessen in der Schweiz lernen. Beispielsweise davon, wie sich die Basler Bürger in den 1990er-Jahren ihren Rhein zurückerobert hatten.  

Bahnen ziehen statt treiben lassen

Eines ist indes nicht so leicht nach Berlin übertragbar: die hohe Wasserqualität der Schweizer Flüsse. In Berlin quellen an Tagen mit starkem Regen die Rückhaltebecken für Regen- und Abwasser über und ergiessen ihre unappetitlichen Inhalte in die Spree. Die ist dann für mehrere Tage so verschmutzt, dass ein Bad in ihr alles andere als ratsam wäre. Zum Glück seien die Schmutz-Tage überschaubar, sagt Edler. Der Verein arbeiten an Bio-Filterlösungen und hat eine Versuchsstrecke installiert: "Doch noch gibt es keinen Ansatz, dieses Problem dauerhaft zu lösen."

Natürliche Biotop-Landschaft auch zur Wasserreinigung: Hier der Abschnitt des Spree-Flussbades zur Sicherung der Sauberkeit. Insbesondere nach Starkregen ist das Gewässer jeweils stark verschmutzt. realities:united, Berlin

Anders als Rhein, Limmat, Aare oder in Genf die Rhone fliesst die Spree nur sehr langsam. Sie eignet sich eher dazu, sportliche Bahnen in beide Richtungen zu ziehen als sich treiben zu lassen. Einen Wickelfisch wie in Basel, der auch in der Ausstellung gezeigt wird, werden die Schwimmenden in Berlin also keinen benötigen. "Wir können uns aber trotz der Unterschiede viel von den Schweizer Städten abschauen", sagt Jan Edler. Zum Beispiel, was die Infrastruktur angeht: Wo bedarf es Treppen, Umkleidekabinen, Stege und kalter Duschen? Wie lenkt man an heissen Tagen die Menschenströme? Wie klärt man sie über Risiken auf?

Flussbäder verändern die Stadt

Das Flussbad ist ein Freibad mitten in der Stadt – und zugleich ein soziologisches und städtebauliches Projekt. "Wenn Menschen die Flüsse nutzen, verändert dies automatisch die Stadt", sagt Jan Edler. Einst bildete die Spree an vielen Stellen die Grenze zwischen Ost- und Westberlin. Der Fluss war Todes- statt Erholungszone. Entsprechend hatte die Stadt ihm den Rücken gekehrt.

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands eröffnete sich dann entlang des Spree-Ufers ein ungeheureres Verwertungspotential. Investoren setzten alles daran, die begehrten Filetstücke zu ergattern. So setzt das Flussbad auch ein Zeichen gegen die fortschreitende Privatisierung und Kommerzialisierung entlang des Flusses. Das Bad ist auch ein Projekt zur Rückeroberung der öffentlichen Räume – im Wasser und entlang der Ufer.

2025 sollen laut offizieller Planung die ersten Schwimmer an der Museumsinsel ins Wasser springen. Ein Datum, das Edler für optimistisch und eher symbolisch hält: Es wäre ein schönes Jubiläum, denn genau 100 Jahre zuvor, 1925, schloss die letzte Flussbadeanstalt in Berlin ihre Pforten.

Doch der erste sichtbare Schritt ist geschafft: Neben dem wiedererrichteten Berliner Stadtschloss in der alten Stadtmitte entstand eine riesige 6,4 Millionen Euro teure Freitreppe. Von ihr aus können die Berliner dann einst ihre Stadt vom Fluss aus neu entdecken. Bis dahin ganz legal, so hoffen die Flussbad-Pioniere Edler und ihre Mitstreitenden.

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