Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

Brignonis Sammlung wird nicht verscherbelt

Der 2002 verstorbene Schweizer Maler und Bildhauer Serge Brignoni vor einem seiner Werke.

(Keystone Archive)

Die Sammlung Brignoni für aussereuropäische Kunst bleibt vorläufig doch in Lugano. Dies entschied die Stadtregierung nach einigen Wochen hitziger Debatte.

Die Absicht Luganos, einen kleinen Teil der Sammlung nach Paris auszuleihen und den überwiegenden Teil zu verkaufen, hatte für Entrüstung gesorgt.

Die Lage ist traumhaft. Das Museum für aussereuropäische Kunst der Stadt Lugano in der Villa Heleneum stösst direkt an den Luganer-See an. Die repräsentative Villa mit Parkanlage im Ortsteil Castagnola grenzt an die Villa Favorita, wo Ausstellungen der weltberühmten Thyssen-Sammlung lange Zeit viel Publikum angezogen hatten.

Anders in der Villa Heleneum: Trotz Traumlage herrscht ständig gähnende Leere. Nur rund 2000 Besucherinnen und Besucher verlaufen sich pro Jahr in den Räumen, die 1989 eröffnet wurden. Die Kunstobjekte stammen von Volksstämmen aus Ozeanien, Indonesien, Indien und Afrika. Sie gehörten zu einer Sammlung, die der aus Mendrisio stammende Maler und Bildhauer Serge Brignoni aufgebaut hatte.

Der Künstler, der als Vierjähriger mit seinen Eltern aus dem Tessin nach Bern gezogen war, starb vor zwei Jahren 99-jährig in Zollikofen. Während seiner vielen Reisen hatte Brignoni etliche Kunstobjekte erstanden und die ethnografisch bedeutsame Sammlung von Totenmasken, Figuren, Holztafeln, Totems und Schildern bereits im Jahr 1985 der Stadt Lugano geschenkt.

Auflösung vorgesehen

Angesichts der wenigen Besucher und Betriebskosten von 300'000 Franken jährlich hatte der Stadtrat von Lugano deshalb vor kurzem beschlossen, dem Gemeinderat die Auflösung der Dauerausstellung im Museum für aussereuropäische Kunst vorzuschlagen.

Konkret: 133 wertvolle Objekte sollten fünf bis zehn Jahre als erneuerbare Dauerleihgabe an das neue "Musée du quai Branly" in Paris übergeben werden, das in diesem Herbst eröffnet wird. Es handelt sich um das französische Nationalmuseum für Kunst aus Afrika, Ozeanien, Asien und Amerika.

Die restlichen Stücke – zirka 500 - sollten in Auktionen versteigert werden. Den Erlös sollte zur Hälfte die Stadt Lugano erhalten, die das Geld für künstlerische Zwecke einsetzen muss. Die andere Hälfte soll an die Erbengemeinschaft gehen, der die Witwe Marlyse Haller Brignoni sowie die "Stiftung Serge und Graziela Brignoni-Aranis" angehören.

Widerstand erwacht

Doch kaum wurden diese Pläne bekannt, erwachte in Lugano Widerstand. In zahlreichen Stellungnahmen wurde der Vorschlag der Exekutive kritisiert, der kurzfristiges Denken und eine mangelnde Kulturpolitik der Stadt aufzeige. Museumsdirektoren erklärten in einem offenen Brief, kulturelle Institutionen dürften nicht einfach an ihrer Rentabilität gemessen werden.

Die Witwe und zweite Ehefrau des Künstlers, Marlyse Haller Brignoni, kritisierte, dass die Stadt über Jahre kein Interesse an der Sammlung gezeigt hätte und Vorschläge zur Aufwertung des Museums ignoriert habe. Andererseits verteidigte sie die angestrebte Lösung.

Der Teilverkauf der Sammlung sei "das kleinere Übel". Und eine Ausstellung wichtiger Exponate in Paris könne wahrscheinlich dem testamentarischen Willen von Serge Brignoni gerechter werden als die Aussicht, dass die Werke dereinst in irgendwelchen Kellern in Lugano vermodern.

Lega: "Afrikanischer Krempel"

Doch es tauchten auch juristische Probleme auf. Tatsächlich beinhaltet die Schenkungs-Vereinbarung mit Stifter Brignoni, dass die Objekte nicht verkauft werden dürfen und in einem Gebäude der Stadt dauerhaft ausgestellt werden müssen. Die politischen Parteien merkten, dass der Wind gedreht hatte und kündigten reihenweise an, der Stadtregierung ihre Gefolgschaft zu verweigern.

Nur Lega-Chef Giuliano Bignasca, ebenfalls Mitglied der Stadtregierung Luganos, konterte in seiner Sonntagszeitung "Mattino". Er bezeichnet die Brignoni-Kollektion als "afrikanischen Krempel", für die man in Lugano keinen Platz habe.

Stadtrat zurückgekrebst

Aufgrund des Aufruhrs und der heiklen juristischen Situation ist die Stadtexekutive gleichwohl zurückgekrebst. Alle Pläne, die Sammlung auszuleihen beziehungsweise zu veräussern, wurden gestoppt. Man werde im Gespräch mit Brignonis Witwe nach neuen Möglichkeiten für die Sammlung suchen, verspricht die Regierung.

Indes hat die Debatte für das Museum in der Villa Heleneum bereits positive Auswirkungen gezeigt: Die Besucherzahlen sind sprunghaft angestiegen.

swissinfo, Gerhard Lob, Lugano

Fakten

1989: Eröffnung des Museums für aussereuropäische Kunst in Lugano
Die Sammlung Brignoni zählt über 650 Objekte
Jährliche Besucherzahl der Ausstellung in der Villa Helenum: 2000 bis 3000 Personen

Infobox Ende

In Kürze

Der 1903 im Tessin geborene Serge Brignoni zählt zu den bedeutendsten Schweizer Malern des 20. Jahrhunderts. Er starb 2002.

Während seines Aufenthaltes in Paris, von 1930 bis 1940, wurde er von den Surrealisten stark beeinflusst.

Auf seinen Reisen sammelte Bringoni etliche Objekte aussereuropäischer Kunst. Er vermachte seine Sammlung der Stadt Lugano.

Die von Luganos Stadtregierung in diesem Sommer erwogene Versteigerung einiger Exponate hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Der Stadtrat hat seinen Vorschlag deshalb zurückgezogen.

Infobox Ende


Links

×