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Das "Haus der Schweiz" in Berlin wird 75 Jahre alt

Eine Schweizer Bastion in Berlin ohne Schweizer - Das Haus der Schweiz im Frühjahr 2011

(Lena Langbein, swissinfo.ch)

Ein exaktes Geburtsdatum gibt es nicht. Aber eine Feier zum Jubiläum des Hauses wird dieses Jahr ohnehin nicht stattfinden. Denn niemand erinnert sich, dass das "Haus der Schweiz" vor ziemlich genau 75 Jahren erstmals bezogen wurde, oder kennt seine bewegte Geschichte genau.

Erbaut wurde das Haus in den Jahren 1934-1936 vom Schweizer Architekten Ernst Meier-Appenzell. Auftraggeber war die "Haus der Schweiz GmbH", zu der sich das Schweizer Bankhaus Leu, die Schweizerische Bodenkreditanstalt und die Schweizerischen Bundesbahnen zusammengeschlossen hatten.

Wie viele schweizerische Unternehmen verfügten sie über beträchtliche Summen Deutscher Reichsmark. Da diese von den Nazis als "Sperrmark" eingestuft wurden, wäre ein Transfer des Geldes in die Schweiz jedoch mit erheblichen Kursverlusten verbunden gewesen.

Stattdessen kauften die drei Unternehmen ein Grundstück an der Ecke Friedrichstrasse/Unter den Linden und liessen dort ein sechsstöckiges Geschäfts- und Büro-Haus bauen - "an erster Geschäftslage der Reichshauptstadt", wie es im Geschäftsbericht der Bank Leu von 1934 heisst.

Ein Schweizer Geschäftshaus im Herzen Berlins

Die Immobilie war als Geldanlage gedacht, diente gleichzeitig aber durchaus auch repräsentativen Zwecken. Darauf deutet der prominent an beiden Seiten der Fassade angebrachte Schriftzug "Haus der Schweiz" sowie eine Tell-Figur hin, die direkt auf die inzwischen seit mehr als 325 Jahren bestehende Strassenkreuzung im Herzen Berlins hinunterblickt.

Bei der Bronze-Plastik handelt es sich allerdings nicht um Wilhelm Tell, sondern seinen Sohn Walther. Angeblich ein Trick der Erbauer: Weil die Nazis eine Darstellung des Freiheitskämpfers und Schweizer Nationalhelden selbst nicht dulden wollten, bildeten sie eben seinen Sohn mit Armbrust und Apfel ab. Dagegen konnten die Nazis nichts sagen - und der schweizerische Nationalstolz blieb trotzdem gewahrt.

Als erste Mieter zogen im Frühjahr 1936 die Erbauerfirmen selbst ins "Haus der Schweiz" ein. In den Ladenlokalen im Erdgeschoss eröffnete das Schweizer Verkehrsbüro eine Filiale, wo vor allem wohlhabende Bürger Bahnreisen in die Schweiz buchen konnten.

Ausländisches Eigentum in der DDR

Dank der für damalige Verhältnisse modernen Bauweise überstand das "Haus der Schweiz" die Bombenangriffe auf Berlin am Ende des Zweiten Weltkrieges als einziges Gebäude in der Umgebung relativ unversehrt.

Die Mitarbeiter der Schweizer Firmen, die bis 1945 ihren Sitz im Haus gehabt hatten, waren in den Wirren der letzten Kriegsjahre zwar grösstenteils aus Berlin geflohen, das Haus blieb aber weiterhin Eigentum der "Haus der Schweiz GmbH".

Während die DDR-Regierung die Besitzer vieler umliegender Gebäude enteignete, wurde das "Schweizer Haus (...) durch die Berliner Volkseigene Wohnungsverwaltung (...) als ausländisches Vermögen verwaltet", wie einem Behörden-Vermerk aus dem Jahr 1952 zu entnehmen ist. Mit Schweizer Banken wollte es sich die DDR-Regierung offenbar nicht verscherzen.

Trotzdem nutzten diese das Haus natürlich für ihre eigenen Zwecke. Unter anderem die Ostberliner Sparkasse, die Deutsche Aussenhandelsbank und ein HO-Lebensmittelmarkt zogen in die Ladenlokale ein. Die oberen Etagen wurden Anfang der 50er-Jahre für die "Koordinierungs- und Kontrollstelle für Land-, Forst- und Wasserwirtschaft" umgebaut.

Neuer "Schweizer Spirit" 

"Als wir die Räume nach der Wende übernahmen, sah es noch aus wie direkt nach dem Krieg", erinnert sich Franz Türler.

Der Schweizer Juwelier eröffnete 1994 eine Filiale im zuvor komplett sanierten "Haus der Schweiz", das seither unter Denkmalschutz steht.

"Berlin hatte nach der Wiedervereinigung Deutschlands eine enorme Strahlkraft, und das "Haus der Schweiz" war eine Aussenbastion der Schweiz in Berlin", sagt Türler. Man habe grosse Erwartungen an die Stadtentwicklung gehabt. In Berlin habe eine Art Goldgräberstimmung geherrscht.

Von der Goldgräberstimmung im Berlin der Nachwende-Zeit spricht auch Stephan Heuberger. Sein Onkel, Adolf Heuberger, wurde als junger Kaufmann für die "Schweizerische Verkehrszentrale" 1943 unvorbereitet in das Kriegsberlin gesandt. Dort ging es jedoch immer weniger um Ferienreisen in die Schweiz als vielmehr um Repatriierungsfahrten mit den gelben Postautos für die in Berlin verbliebenen Schweizerinnen und Schweizer.

Heuberger war der letzte aus der Schweiz entsandte Mitarbeiter der touristischen Schweiz in Berlin - bis er 1994, fast 50 Jahre später, den symbolischen Schlüssel zum neu renovierten "Haus der Schweiz" seinem Neffen Stephan übergeben konnte.

Durch den Einzug von Schweiz Tourismus im Jahr 1994 sowie eine direkte Bahn-Verbindung Berlin-Schweiz, die zeitgleich entstand, war die Schweiz in Berlin wieder präsent. "Und wir haben gedacht, jetzt ist das Haus der Schweiz wieder richtig da", erinnert sich Stephan Heuberger heute.

Auch die Bank Leu und die Schweizerische Kreditanstalt waren nach der Wende wieder ins "Haus der Schweiz" eingezogen, ausserdem die Deutsch-Schweizerische Handelskammer.

"Das renovierte Haus der Schweiz in bester Lage dürfte bald wieder zum Schaufenster unseres Landes in Berlin werden", hiess es in der Pressemitteilung anlässlich der Wiedereröffnung des Schweizer Verkehrsbüros. Im "Haus der Schweiz" sei wieder ein Schweizer Spirit spürbar gewesen, sagt auch Fanz Türler.

Schriftzug und Tell-Figur 

Doch das Konzept der Credit Suisse, die das Haus inzwischen von der Bank Leu übernommen hatte, es als eine Bastion der Schweiz in Berlin zu führen, trug nicht lange. Vor allem wegen der hohen Mieten zog ein Mieter nach dem anderen aus dem Haus aus. Seit 2006 gehört es zum Immobilien-Fonds einer grossen französischen Versicherung.

Weder die derzeitigen Besitzer noch die aktuellen Mieter - Anwaltskanzleien, Immobilien- und Consulting-Firmen - können heute noch über die Geschichte des Hauses Auskunft geben.

Auch die Mitarbeiter des "Berlin Stores", der in einem der Ladenlokale Berlin-Souvenirs und Stadtrundfahrten anbietet, haben keine Ahnung, warum das Haus überhaupt "Haus der Schweiz" heisst. Ganz zu schweigen von den Passanten und Touristen, die  täglich in Scharen am Haus vorbeigehen.

Der einzige, der sich unter den Kolonnaden des Hauses noch an dessen bessere Tage erinnert, ist Mike. Seit elf Jahren verkauft er dort ein Strassenmagazin für Obdachlose.

Im Herzen der Stadt

Seine Erbauer liessen das "Haus der Schweiz" an der berühmten Strassenkreuzung Friedrichstrasse/Unter den Linden in Berlin Mitte errichten.

Anfang des 20. Jahrhunderts war sie eine der belebtesten Kreuzungen ganz Berlins.

Die Strasse Unter den Linden, die zentrale Prachtachse Berlins, verbindet den ehemaligen Haupteingang der Stadt, das Brandenburger Tor, mit dem ehemaligen Schlossbereich.

Die Friedrichstrasse ist bereits seit dem 19. Jahrhundert eine beliebte Einkaufs- und Flaniermeile.

Berlin Mitte war Regierungsviertel des preussischen Staates und des Deutschen Reiches.

Auch heute erstreckt sich das deutsche Regierungsviertel wieder bis zur Strasse Unter den Linden.

Im deutschen Kaiserreich wurde Berlin ausserdem zu einem der wichtigsten Bankenplätze Deutschlands; viele Bankenpaläste entstanden in Berlin Mitte, unter anderem Unter den Linden.

Das "Haus der Schweiz", ein für die Kaiserzeit typisches Geschäftshaus, befand sich in bester Gesellschaft. An der Kreuzung Friedrichstrasse/Unter der Linden, die bis 1945 von den bekannten Caféhäusern Kranzler, Bauer und Victoria beherrscht wurde, ist das "Haus der Schweiz" heute das einzig erhaltene historische Eckgebäude.

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