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Das Tschäggätä-Grinsen ist nicht alt, aber schaurig

Gar nicht so alt: Tschäggätä aus dem Lötschental im Kanton Wallis. (Bild: Museum Rietberg)

"Masken – Gesichter aus anderen Welten", so heisst eine kulturübergreifende Ausstellung im Museum Rietberg in Zürich.

Vor der geplanten Museumserweiterung im Sommer 2004 werden erstmals Masken aus den bedeutenden Sammlungen in ihrem Kontext gezeigt.

Sie sind ein weltweites Phänomen, dem man kann sich ihnen nicht entziehen kann, und jede hat ihr eigenes Geheimnis: die Maske. Seit Urzeiten verhüllen Menschen ihr Gesicht, halten sich eine Maske vor um sich zu verwandeln und in eine andere Identität zu schlüpfen.

Ob religiöses Ritual, ob rauschendes Fest, ob Bestattungen, Demonstration politischer Macht oder theatrale Inszenierung: Maskengestalten überwinden das Hier und Jetzt. Maskenmenschen transzendieren zwischen Diesseits und Jenseits und ermöglichen den Dialog mit Göttern und Geistern, dem Überirdischen und dem Unheimlichen.

Unterschiedliche Wahrnehmung

In unserer Kultur sind die Masken hauptsächlich aus der Fasnachtstradition bekannt. Mit traditionellen Fasnachts-Masken wird der Winter vertrieben oder die Obrigkeit aufs Korn genommen. Dabei haben die Masken die Funktion, die Gesichter der Träger und Trägerinnen zu verhüllen.

In anderen Weltregionen dagegen schaffen die Masken einen spirituellen, religiösen und mythologischen Zugang in eine andere Welt. So wird ein maskentragender Schamane oder Medizinmann in Asien oder Afrika selbst zum Geistwesen, der das Übernatürliche sichtbar machen kann.

Masken vorwiegend aus Eigenbesitz

Ziel der Ausstellung ist, die Vielfalt der Maskenwelt darzustellen. Die Präsentation folgt absichtlich keiner der üblichen Klassifizierungen, sondern zeigt sechzehn ausgewählte Maskentraditionen. Drei davon stammen aus der Schweiz, nämlich dem Sarganserland, der March und dem Lötschental.

Der überwiegende Teil der rund 150 gezeigten Masken stammt aus dem Besitz des Museums selber. Seit dessen Gründung vor rund fünfzig Jahren ist die Masken-Sammlung stetig gewachsen, sei es durch Schenkungen oder durch Ankäufe.

Grossartige Sammlung

Das Museum Rietberg in Zürich hat in den letzten zwanzig Jahren immer wieder kleinere Ausstellungen mit Masken gezeigt. Erstmals haben nun Museumsdirektor Albert Lutz und sein Kuratorenteam eine kulturübergreifende Schau inszeniert.

"Im Moment scheint sich zum Beispiel niemand für Schweizer-Masken zu interessieren. Zum Glück für uns. So konnten wir einen schönen Bestand an alten Masken aus einer Privat-Sammlung hinzukaufen", erklärte Museumsdirektor Albert Lutz gegenüber swissinfo.

Der Schweizer-Mythos, der keiner ist

"Tschäggätä", so heissen die furchterregenden Holzmasken aus dem Lötschental im Kanton Wallis. Mit ihrem wilden, zottigen Aussehen treiben sie zur Fasnachtszeit ihr Unwesen und stehen als Vertreter urschweizerischen Brauchtums mit heidnischem Ursprung.

Doch ganz so alt, wie man meinen könnte, ist die Saga aus der Walliser Bergwelt dann doch nicht. Es war gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als das Lötschental zu einem beliebten Reiseziel von Naturforschern, Geografen und Volkskundlern avancierte. Die "Tschäggätä" erregten sofort deren Aufmerksamkeit und wurden zu einem beliebten Studienobjekt.

Die Gelehrten glaubten Geheimbünden junger Männer auf der Spur zu sein, welche ein uraltes Erbe bewahrten. Die Landesausstellung 1939 in Zürich trug dann das ihre zur weiteren Mystifizierung des alpinen Maskenkultes bei. Es galt, in wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeiten, die Identität der Schweizer und Schweizerinnen zu stärken und sich auf eigene Wurzeln zu besinnen.

Tatsache ist jedoch: Die "Tschäggätä" als vermeintlich uraltes Brauchtum wurde erst 1865 erstmals erwähnt, und die ältesten noch erhaltenen Masken stammen von Ende des 19. Jahrhunderts.

Afrika, Kontinent der Masken

Ein weitaus differenzierter Umgang mit Masken wird auf dem afrikanischen Kontinent gelebt. Je nach Region besitzen Maskengestalten unterschiedliche Funktionen, Kräfte und Fähigkeiten.

Bei den Dogon aus Mali gelten die Maskenauftritte als Höhepunkt der Totenfeiern. In eindrücklichen Gedenk-Ritualen treten bis zu hundert Masken auf, welche die Seelen der Verstorbenen feierlich aus dem Dorf ins Jenseits begleiten. Wunderschön sind die Masken mit ihrem kreuzähnlichen Aufsatz, die weisse Kalkfarbe und schwarzen Vierecke symbolisieren das Gefieder des Storchs.

Die Maskenträger der Dan aus Liberia gelten als hilfreiche Geister, die körperlos im Urwald leben und zu gegebener Zeit unter die Menschen treten, um für Recht und Ordnung sorgen. Bei den Pende in Zentralafrika spielt das Maskenwesen vor allem während der Initiation der Knaben eine wichtige Rolle.

Die Maske lebt

Masken, ausgestellt im Museum oder Masken, getragen und benutzt in einer Zeremonie, das sind zwei verschieden Dinge. Das wissen auch die erantwortlichen Kuratoren und Kuratorinnen im Museum Rietberg. Deshalb werden auch die meisten Objekte nicht als isolierte Gegenstände, sondern eingebettet in ihrem jeweiligen kulturellen Zusammenhang gezeigt.

So dienen Video- und Filmprojektionen, interaktive Computerprogramme sowie raffinierte Licht- und Farbspiele dazu, die Faszination oder gar das Schaudern der verschiedenen Maskenkulte für das Publikum etwas spürbar zu machen.

Besonders eindrücklich gelingt diese multimediale Darstellung im Raum, der dem japanischen Nô-Theater gewidmet ist. Mit den typisierten Maskengesichtern, der Reduktion der Gesten und der Musik erzeugen die Schauspieler eine Stimmung, die nicht von dieser Welt scheint.

swissinfo, Brigitta Javurek

In Kürze

Das Museum Rietberg besitzt eine qualitativ hochstehende, umfangmässig jedoch relativ kleine Sammlung, verglichen mit den grossen europäischen Völkerkundemuseen.

Die Schwerpunkte des insgesamt rund 6'800 Objekte umfassenden Bestandes des Hauses liegen bei Indien (1'500 Objekte), China (1'300 Objekte), Japan (1'300 Objekte) und Afrika (800 Objekte).

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