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Davos ist viel mehr als eine Cocktailparty

WEF-Gründer Klaus Schwab am WEF-Hauptsitz bei Genf.

(Keystone)

Das World Economic Forum werde auch dieses Jahr eine relevante, und provokative Plattform. Diesen Standpunkt vertritt WEF-Gründer Klaus Schwab.

Das Thema Partnerschaft für Sicherheit und Wohlstand erlaube grundlegende Diskussionen, sagt Schwab im swissinfo-Interview.

Zu der für das diesjährige Weltwirtschafts-Forum eingeladenen Politprominenz gehören unter vielen anderen Dick Cheney, US-Vizepräsident und US-Justizminister John Ashcroft.

Etwas mehr als die Hälfte der Teilnehmenden kommen aus der Wirtschaft, ebenfalls präsent sind Vertreter verschiedener Wissenschaftsgebiete und Nichtregierungs-Organisationen.

Das Leitmotiv 2004 von Klaus Schwab: Kein Weltwirtschafts-Wachstum ohne Sicherheit. Ein Gespräch mit dem WEF-Gründer und Präsidenten.

swissinfo: Gegner bezeichnen das WEF als Cocktailparty der Wirtschaftsführer. Anhänger sagen, es sei eine Plattform, die auch schon Weltgeschichte geschrieben habe. Wieso nimmt die Öffentlichkeit das WEF so kontrovers auf?

Klaus Schwab: Der eigentliche Zweck des WEF ist es, eine Plattform zu sein, die auf weltweiter Basis die Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaften, Medien und Zivilgesellschaft zusammenbringt, um über die Herausforderungen dieser Welt in einer integrierten Art und Weise nachzudenken und - wenn möglich Lösungen zu formulieren.

Das ist sehr oft gelungen. Ich erinnere an unsere Rolle in Südafrika und in anderen Konfliktgebieten.

Wenn 2000 Entscheidungsträger zusammentreffen, ist klar, dass das polarisiert. Wichtig ist aber die Zielsetzung.

swissinfo: Das Bündnis der Gegner ist an der Frage der Gewaltfreiheit zerbrochen. Dieses Jahr kommt es wahrscheinlich zu keinen grossen Demonstrationen. Die Gegenveranstaltung Public Eye on Davos hat Mühe, prominente Persönlichkeiten der Anti-Globalisierungs-Bewegung zu finden. Ist das WEF weniger wichtig als auch schon?

Klaus Schwab: Die Tatsache, dass Sie kein Bett mehr finden spricht - glaube ich - in dieser Hinsicht eine eindeutige Sprache. Auch die Qualität der Beteiligung zeigt uns eher das Gegenteil, nämlich, dass eine Plattform wie die unsere mehr denn je gewünscht wird.

Ich möchte darauf hinweisen, dass kein Geringerer als UNO-Generalsekretär Kofi Annan heute den Begriff "Hybrid Governments" verwendet. Das heisst, dass die grossen Probleme der Welt nicht allein von Regierungen gelöst werden können.

Auch nicht von internationalen Organisationen, sondern alle sind angewiesen auf eine Zusammenarbeit mit den andern Stake-Holders. Wirtschaft ist ein wesentlicher Bestandteil, aber nicht der einzige.

Die Zivilgesellschaft ist wichtig. Gewerkschaften sind wichtig und so weiter. Und Davos ist eben eine solche Plattform, um all diese Entscheidungsträger zusammen zu bringen.

swissinfo: Sie erwarten 2000 Teilnehmer. Am Weltsozialforum in Bombay (Mumbai) werden es 70'000 sein.

Klaus Schwab: Wichtig ist, dass die Teilnehmer wirklich kontroverse Standpunkte haben. Die Anzahl ist nicht so wichtig.

Essenziell ist, dass sie die Fragen nicht von einem einseitigen Standpunkt aus und nicht mit einer einzigen ideologischen Philosophie im Kopf diskutieren.

Gewiss: In Davos befürwortet die Mehrheit Demokratie, Transparenz und den freien Markt.

Aber ich würde sagen: Davos ist vielfältiger, speziell wenn sie auch das Open Forum einbeziehen. Bombay vertritt eine spezifische ideologische Richtung.

swissinfo: Wieso integrieren sie das Weltsozialforum nicht in das Forum von Davos?

Klaus Schwab: Wir haben gewisse Ansätze in dieser Richtung unternommen. Aber sie wissen ja selber, dass diese Gruppen wie Attac und so weiter öffentlich erklärt haben, dass sie nicht mit uns im Dialog sein wollen.

swissinfo: Vor einem Jahr sagten sie, sie hätten noch nie so viele unglückliche Wirtschaftsführer gesehen. Sind diese Leute dieses Jahr glücklicher?

Klaus Schwab: Einige sind sicher ein wenig glücklicher. Es gibt einige positive Entwicklungen und Signale in der geo-politischen und in der geo-ökonomischen Landschaft. Diese können zu einer optimistischeren Einschätzung der Lage führen.

Aber auf der andern Seite sind viele Probleme nicht gelöst. Es gibt zuviel Armut in der Welt.

Ich erinnere an den ganzen Komplex der Nachhaltigkeit, die ganzen Umweltfragen, Probleme im Gesundheits-Sektor und all die grossen Defizite in verschiedenen Ländern. Auch der weltweite Terror ist immer noch ein Problem.

Kurzum: Wir sind vielleicht etwas optimistischer, aber wir stehen auf sehr unsolidem Boden.

swissinfo: Sie haben mehrere Male gesagt, die Schweiz brauche Staatsmänner mit Erfahrungen in der Wirtschaft. Jetzt haben wir eine Regierung mit erfahrenen Wirtschaftsführern. Wird nun der Reformstau aufgelöst?

Klaus Schwab: Ich glaube, die Schweiz hat wie andere europäische Länder grosse Herausforderungen zu bewältigen. Die Überalterung, das Gesundheitswesen. Wir können nicht 20 Prozent von unserem Bruttosozial-Produkt für Gesundheits-Kosten ausgeben.

Der Westen hat die Tatsache, dass China mehr und mehr zur Produktionsstätte für die ganze Welt wird. Wir haben eine Situation, wo jetzt auch Indien gewissermassen eine weltweite Produktionsstätte für Software wird.

In dieser sich verändernden Welt müssen wir also unsere Rolle definieren. Dabei erkennen wir, dass die Rezepte, die wir in der Vergangenheit angewendet haben, nicht genügen, um die Probleme zu lösen.

Wir sehen überall Reformprozesse, und ich hoffe, dass wir in der Schweiz den politischen Mut haben, die Probleme zu erkennen und dann die notwendigen Massnahmen zu diskutieren und auch zu akzeptieren.

swissinfo: Glauben Sie, dass der neue eindeutig wirtschaftsorientierte Bundesrat die geschilderten Probleme lösen wird?

Klaus Schwab: Ich glaube, man muss ihm dazu eine Chance geben. Die Erfahrung, die dahinter steht, spricht sicher dafür, dass diese Probleme besser erkannt und dementsprechend dann auch Lösungen formuliert werden.

swissinfo: Das WEF generiert einen bedeutenden wirtschaftlichen Mehrwert. Auf der andern Seite belasten die Kosten für die Sicherheit die öffentliche Hand immer stärker. Sollten sich ihre Mitglieder hier nicht mehr beteiligen?

Klaus Schwab: Diese Leute bewerten diese Thematik nicht auf der finanziellen Seite. Wenn sie irgendwo hinkommen bewerten sie das hauptsächlich auf der Grundlage, ob sie ein willkommener Gast sind oder nicht.

Hier können sie nur feststellen, dass einige Alternativen zu Davos zur Verfügung stehen. Wir haben uns immer dafür eingesetzt, Davos als Standort aufrecht zu erhalten.

Unser prozentualer Anteil an den Sicherheitskosten hat sich genauso aufgebläht.
Wir könnten uns unser Leben auch einfacher machen und sagen, wir gehen nach Singapur.

Aber ich glaube, damit wäre der Schweiz kein guter Dienst erwiesen, denn sie lebt auch von ihrem Profil, ein gastfreundliches, offenes Land zu sein.

swissinfo: Fühlen Sie sich manchmal wie der Prophet, der im eigenen Land weniger gilt als in der weiten Welt?

Klaus Schwab: Wissen Sie: Ich muss davon überzeugt sein, dass das was ich tue, richtig ist. Und das bin ich. Ich laufe also nicht durch die Welt und hoffe, dass sich jeder nach mir umdreht.

Ich gehe an keine Cocktail-Parties, sie sehen mich nie an grossen Vorträgen. Ich erkläre, was wir tun, aber ich suche keine Dankbarkeit in der Öffentlichkeit.

Das ist übrigens wie mit Politikern. Kein Politiker ist gut, der nicht umstritten ist.

swissinfo: Ihre Meinung ist bekannt: Ein CEO hält vier Jahre, ein Politiker acht Jahre. Sie selber sind nun 33 Jahre an der Spitze des WEF und feiern im März den 66. Geburtstag. Wann hören sie auf?

Ich tue das, was ich gern tue. Ich habe hier ein ausgezeichnetes Team, das mich unterstützt. Ich fühle mich sehr gut.

Im Witz habe ich einmal gesagt: So lange ich den Engadiner-Marathon laufe, solange bleibe ich in meinem Büro. Denn das zeigt, dass ich fit bin.

Wenn mich jemand bittet aufzuhören, lade ich ihn ein, mit mir den Engadiner-Marathon zu laufen.

swissinfo-Interview: Jake Greber und Andreas Keiser

In Kürze

Das WEF findet vom 21. bis 25. Januar in Davos statt.

Es steht unter dem Thema Partnerschaft für Sicherheit und Wohlstand.

2000 Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur nehmen teil.

Der 1938 in Ravensburg (Deutschland) geborene Klaus Schwab ist Gründer und Präsident des WEF. Er ist einfacher Professor, doppelter Doktor (Maschinenbau und Wirtschaft) und fünffacher Ehrendoktor.

1971 gründete Schwab das European Management Symposium in Davos.

Das WEF ist seit 1987 eine Stiftung. Mitglieder sind nach eigenen Angaben die 1000 Führenden Unternehmen der Welt. 90 Staaten sind ebenfalls Mitglied.

Infobox Ende


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