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Denis de Rougemont - Intellektueller im Dienste des Staates

Denis de Rougemont 1963.

(Keystone)

Kürzlich wäre Denis de Rougemont 100 Jahre alt geworden. Der Neuenburger gilt als einer der grössten Schweizer Intellektuellen des letzten Jahrhunderts.

Besonders bekannt wurde de Rougemont als einer der geistigen Väter Europas.

Die Geburtstagsfeier bot Gelegenheit, das reiche Werk eines Mannes neu zu entdecken, der als Schriftsteller, Essayist und Denker weit herum anerkannt war. Gut 30 Bücher und über hundert Essays machen sein Gesamtwerk aus.

De Rougemont befasste sich mit den verschiedensten Themen. Natürlich mit Philosophie, vor allem mit Kierkegaard und dem Existenzialismus, aber auch mit Föderalismus, Ökologie und dem Aufbau Europas.

Angesichts eines so umfangreichen Werks ist nicht leicht zu erkennen, was das Denken de Rougemonts charakterisierte. Es gibt aber einige Grundideen, welche er auf seinem intellektuellen Weg nie aus den Augen verlor.

So stellt Jean-Frédéric Jauslin, Direktor des Bundesamtes für Kultur, fest: "Es gibt ein wesentliches Element, nämlich jenes des freien Denkens und der Rolle der Kultur in der Gesellschaft."

Wiederaufbau

Claude Hauser, Professor für Zeitgeschichte der Universität Freiburg, erklärt: "Eigentlich hat sich Denis de Rougemont mit allem beschäftigt, aber als Basis war da immer eine Grundidee, jene des Intellektuellen, der sich für den Staat einsetzt."

Das sei seine ganz persönliche Philosophie gewesen. "Sie sieht den Menschen als freies Wesen, das zusammen mit der Gemeinschaft Verantwortung übernimmt", fährt der Historiker fort.

"Daraus entstand die Idee des Engagements einer intellektuellen Persönlichkeit angesichts der Probleme ihrer Zeit."

Dieses Engagement war es, das de Rougemont veranlasste, über den Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg und die atomare Gefahr nach Hiroshima nachzudenken, und das ihn gegen das Ende seines Lebens zu einem der ersten Ökologen machte.

Ein grosser Europäer

Aber Denis de Rougemont bleibt vor allem als einer der geistigen Väter Europas im Gedächtnis. Nach 1946 lancierte er die Idee einer europäischen Föderation. Er war es, der die "Botschaft an die Europäer" schrieb und vorlas, welche den historischen Europa-Kongress unter dem Vorsitz von Winston Churchill in Den Haag abschloss.

"Der grösste Beitrag Denis de Rougemonts war sicher, dass er die Grundlagen für die Überlegungen über die Schaffung Europas gelegt hat", erklärt Jauslin.

Nicolas Schmitt, Forscher am Institut für Föderalismus der Universität Freiburg, sieht das grosse Verdienst des Neuenburgers vor allem darin, dass er sehr früh "geniale Intuitionen" für den Aufbauprozess Europas hatte.

"Er sah, dass es nach dem Chaos in der ersten Hälfte des Jahrhunderts ein vereintes Europa brauchte", erklärt Schmitt. "Er verurteilte den Nationalismus, den er als Hauptübel Europas bezeichnete. Und er sah im Föderalismus eine Möglichkeit, Europa zu gestalten und dabei die Unterschiedlichkeit seiner Völker zu respektieren. Und die Regionen waren ihm wichtig, weil er wusste, dass die Leute eine territoriale Struktur in der Nähe brauchen."

Eine utopische Vision

Aber so grandios de Rougemonts Ideen für Europa auch waren, sie wurden nicht in die Realität umgesetzt.

"Er sah ein Europa der Regionen. Aufgebaut wurde aber das Europa der Staaten", illustriert Nicolas Schmitt. "Er hatte auch eine sehr philosophische Vision des Föderalismus, die nicht dem politischen Föderalismus entspricht, der heute von der Europäischen Union praktiziert wird."

Man könne ihn als Utopisten sehen", fügt Claude Hauser bei. "Ausserdem war sein Europa eher auf die Vereinigten Staaten, eine bestimmte liberale Idee ausgerichtet. Und da ist seine Denkweise vielleicht weniger aktuell oder zumindest nicht unumstritten."

Er habe 1947 wirklich zur europäischen Idee beigetragen, "aber mit Bezug auf die Umsetzung scheint sein Erbe eher zweifelhaft. Man müsste vertiefte Studien durchführen, um mit etwas Distanz zu sehen, welches sein wirklicher Beitrag war", schliesst Schmitt.

Noch immer aktuell

Denis de Rougemont ist nicht nur für Europafreunde eine Referenz. Auch Leute aus Umwelt- und Antiglobalisierungskreisen beziehen sich auf seine Ideen. Und hier sind seine Überlegungen nach wie vor stichhaltig.

"Sein Denken ist auf verschiedene Art aktuell", so Hauser. "Seine personalisierte Philosophie wird kaum mehr zitiert. Die Gedanken über die Beziehungen zwischen Mensch und Natur dagegen, die Probleme, die mit der Atomkraft auftauchten, und der Lauf des wirtschaftlichen Fortschritts stossen in der heutigen globalisierten Gesellschaft ganz klar auf ein Echo."

swissinfo, Olivier Pauchard
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)

BIOGRAPHIE

Denis de Rougemont wird am 8. September 1906 in Couvet (Neuenburg) geboren.

Nach Studien in Neuenburg, Wien und Genf lässt er sich 1931 in Frankreich nieder, wo er der Philosophie von Kierkegaard und dem Existenzialismus zu grösserer Bekanntheit verhilft.

Von 1936 bis 1939 ist er Chefredaktor der Nouveaux Cahiers.

Bei Kriegsbeginn kehrt er in die Schweiz zurück und macht bei der geistigen Landesverteidigung mit. Dann schickt ihn die Schweizer Regierung zu einer Konferenztournee über die Schweiz in die USA.

Als die USA in den Krieg eintreten, wird er der wichtigste französischsprachige Redaktor der "Stimme Amerikas".

1946 kehrt er in die Schweiz zurück und lanciert die Idee einer europäischen Föderation.

Er weiht 1950 das Europäische Kulturzentrum in Genf ein und wird 1963 Direktor des Instituts für Europäische Studien in Genf.

Am 6. Dezember 1985 stirbt er in Genf.

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