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Der Botschafter der Guten Form wird 100

Max Bill: horizontal-vertikal-diagonal-rhythmus, 1943. max, binia + jakob bill stiftung, adligenswil

Maler, Bildhauer, Architekt, Typograf, Produktdesigner, Kunsttheoretiker, Lehrer, Organisator, Politiker, Publizist: Max Bill hinterliess auf vielen Feldern bleibende Spuren.

Dieser Inhalt wurde am 01. Februar 2008 - 17:01 publiziert

Als eine der zentralen Figuren der konkreten Kunst war Bill insbesondere die "Gute Form" ein grosses Anliegen. Eine grosse Doppel-Ausstellung ehrt den Schweizer Pionier.

"Max Bill gehört zu den wichtigsten Künstlern und kreativen Köpfen des 20. Jahrhunderts", sagt Claude Lichtenstein gegenüber swissinfo. Er ist Gast-Kurator im Gewerbemuseum Winterthur, das zusammen mit dem Kunstmuseum die umfangreiche Ausstellung "Max Bill: Zum 100. Geburtstag" zeigt.

Bills Denken sei anders gewesen, und das machte ihn laut Lichtenstein zu einer einmaligen Persönlichkeit.

Max Bill,1994 in Berlin gestorben, ist immer noch präsent, nicht nur in Museen, sondern auch im Alltag. Etwa mit seinem "Ulmer Hocker", auch "Bill-Hocker" genannt, einem einfachen, aber stabilen Holzschemel, der zu den Möbelklassikern des 20. Jahrhunderts gehört.

Mahnmal für die starre Macht der Banken

Oder mit seinem "Pavillon", einer riesigen, begehbaren Skulptur aus massigen Granitquadern, welche an der Zürcher Bahnhofstrasse die Solidität der Banken darstellen soll.

Bill war aber nicht nur als Künstler kreativ. "Er hatte ein sehr utopisches Erziehungsideal", sagt Lichtenstein. "Im Nachkriegs-Deutschland, nach zwölf Jahren Hitlerdiktatur, sah Bill aber seine Hoffnungen enttäuscht, dass die Studenten selbstbewusster und unabhängiger werden."

Sohn Jakob Bill spricht von seinem Vater als einem Perfektionisten, der aber auch habe ungemütlich werden können, insbesondere im Kontakt mit Behörden.

"Er hatte zwei Seelen in seiner Brust", erinnert sich Jakob Bill, "eine liebenswürdige und eine ruppige, je nach dem, was die Menschen von ihm wollten."

Neue Schätze

Max Bill war am 22. Dezember 1908 in Winterthur zur Welt gekommen. Während bei Lebzeiten des Künstlers die von ihm selber gestalteten Ausstellungen vorwiegend mit Werken aus dem eigenen Bestand bestritten wurden, sind jetzt im Kunstmuseum und im Gewerbemuseum erstmals Exponate aus Museen, Privatsammlungen und dem Nachlass zu sehen.

Im Kunstmuseum kann das Publikum kaum bekannte Gemälde und Skulpturen kennenlernen. Zudem macht das Haus anhand ausgewählter Exponate Bills frühe Anknüpfung an die niederländische de Stijl-Bewegung und den Konstruktivismus nachvollziehbar.

Beispielhafte konkrete Kunst

Bill bemühte sich, Kunstwerke als "psychische gegenstände für den geistigen gebrauch" zu schaffen, die "auf grund ihrer ureigenen mittel und gesetzmässigkeiten - ohne äusserliche anlehnung an naturerscheinungen oder deren transformierung, also nicht durch abstraktion - entstanden sind".

Vom Moebius-Band abgeleitete Einflächen-Plastiken, aus Quadratfeldern schachartig zusammengesetzte oder "spitze" Bilder in über-Eck gestellten Formaten bringen eine für den Künstler typische Einheit von Ratio, Ordnung und Intuition zum Ausdruck.

Mit ihrer leuchtenden, mitunter berückend süssen Farbigkeit lassen die häufig auf Reihen und Variationen basierenden Gemälde kaum erahnen, dass manchen eine mathematische Denkweise und strenge Systematik zugrunde liegen.

Extrem vielseitiger Gestalter

Im Gewerbemuseum rückt Claude Lichtenstein die faszinierende Vielseitigkeit des Produktdesigners, Typografen und Architekten Bill in den Vordergrund, ebenso die zeitlose Schönheit der einzelnen Objekte.

Vom Einklang von Funktion und Form zeugen so klassische Beispiele für die "Gute Form" wie die Schreibmaschine Patria oder Küchenuhren, Elektrostecker und Taschenlupen. Sie ergänzen selten gezeigte Entwürfe etwa des Schweizer Pavillons an der Pariser Weltausstellung 1937 oder eines Handspiegels.

Heute noch frisch wirkende Plakate, bahnbrechende Buchumschläge, die abwechslungsreich gestaltete antifaschistische Zeitschrift "Information" oder Vorschläge zur Landes- und Regionalplanung veranschaulichen die Universalität des bis zuletzt an Umweltfragen interessierten Künstlers.

Studien am Bauhaus

Der Eisenbahnersohn Max Bill bildete sich zuerst zum Silberschmied aus. Er studierte unter anderem bei Albers, Kandinsky und Klee am Bauhaus in Dessau und war seit 1929 in Zürich als Architekt, Grafiker und Maler tätig.

Bill beteiligte sich an der Pariser Gruppe "abstraction-création" und organisierte 1944 die erste internationale Ausstellung "konkrete kunst" in Basel. 1951 war er Mitbegründer und bis 1956 Rektor der Hochschule für Gestaltung in Ulm.

Schon 1936 mit dem Grossen Preis der Triennale von Mailand ausgezeichnet, erhielt Bill 1968 den Kunstpreis der Stadt Zürich und 1979 denjenigen seiner Geburtsstadt.

"Er wollte die Menschen zum Denken bringen, präsentierte selber aber auch Lösungen. Zudem brachte er in Konzepten Probleme auf den Tisch, mit denen sich bis dahin noch niemand befasst hatte", würdigt Liechtenstein den Jubilaren.

swissinfo

In Kürze

Die Doppel-Ausstellung zu Max Bills 100. Geburtstag dauert bis am 12. Mai 2008.

Sie wird im Kunstmuseum und im Gewerbemuseum Winterthur gezeigt.

Zu sehen sind Werke und Dokumente, die zu grossen Teilen aus den Beständen der Max Bill Stiftung und aus privaten Sammlungen stammen.

Es ist die grösste Retrospektive seit 1983. Damals hatte Zürich den Künstler zu dessen 75. Geburtstag geehrt.

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Max Bill

Er wurde am 22. Dezember 1908 in Winterthur geboren.

1937 gründete er den Allianz-Verlag für Schweizer Kunst.

1942 Geburt des Sohnes Jakob.

1944 erste Professur an der Zürcher Kunstgewerbeschule.

Bill gehörte 1950 zu den Gründern der Hochschule für Gestaltung in Ulm/Deutschland und wird erster Rektor.

Er schuf den "Ulmer Hocker", der auch als Beistelltisch und als Regal-Element bekannt ist.

Von 1967 bis 1971 war er Schweizer Nationalrat.

Max Bill starb am 9. Dezember 1994 in Berlin.

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