Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

Der erfundene Freiheitskämpfer

(Keystone)

Wilhelm Tell gilt neben George Washington, Johanna von Orléans und Robert the Bruce als einer der weltweit bestbekannten Kämpfer für Freiheit und Unabhängigkeit.

Aber es gibt keinen Beweis dafür, dass Tell jemals gelebt hätte. Was die Frage aufwirft: Warum hat die Schweiz eine erfundene Person zu ihrem Nationalhelden gemacht?

Die Schweiz hatte doch mit den Gründervätern der Eidgenossenschaft mehrere Helden aus Fleisch und Blut: Werner Stauffacher, Arnold von Melchtal und Walter Fürst. Aber nur wenige können sich an den Namen auch nur eines dieser Männer, geschweige denn aller drei erinnern.

Und eine ganze Reihe von Herzögen, Theologen und Armeekommandanten haben sich im Verlauf der Zeit sehr heroisch verhalten und sind in Statuen und Strassennamen im ganzen Land verewigt.

Aber keiner, wie real er auch war und wie gross seine Taten, kann sich mit Tell messen. Er verkörpert die Qualitäten, die den Schweizern am meisten am Herzen liegen.

"Tell eignet sich als Symbol am besten, wenn Leute von Freiheit und Unabhängigkeit träumen", erklärt Sergius Golowin, Schweizer Autor mehrerer Werke über Mythen und Sagen.

Ewiges Bild

"Es ist ein ewiges Bild", erklärt Golowin. „Es gibt auch eine Geschichte davon, wie Tell als alter Mann stirbt, indem er ein Kleinkind aus einem Sturzbach rettet. Sein ganzes Leben gilt als Symbol für Freiheit und selbstlose Taten, um die Rechte anderer zu gewährleisten."

Und der Wunsch nach Freiheit, so Golowin weiter, war die grosse einigende Kraft, die ein Volk zusammenhielt, das sonst eigentlich wenig gemein hatte.

"Die Leute der drei Urkantone glaubten nicht, dass sie gleichen Ursprungs seien", führt Golowin aus, "obwohl Schiller geschrieben hat: 'Wir sind eines Herzens, eines Bluts, ein Volk'."

"Die Leute von Uri dachten, ihre Vorväter seien aus dem Osten eingewandert, während jene von Schwyz überzeugt waren, dass sie von Stämmen aus dem Norden abstammten.

Und ihre Landsleute in Unterwalden glaubten, sie seien direkte Nachkommen der Römer oder Griechen", erläutert Golowin.

Schillers Beitrag

Der Mann mit Pfeil und Bogen war bereits 500 Jahre alt, als Schiller ihm neues Leben einhauchte und den Schweizer zu einem weltweiten Symbol der Freiheit machte.

Tell erlebte laut Pierre du Bois, Professor an der Hochschule für internationale Studien in Genf, im Zweiten Weltkrieg eine Wiedergeburt.

"Eine Gruppe Intellektueller lancierten den Mythos neu, um die nationale Identität zu stärken, als die Schweiz von den Ländern des Dritten Reichs umgeben war", erklärt du Bois.

Und eine Statue von Tell im Bundeshaus erinnert die Parlamentsmitglieder an den Sonderstatus der Schweiz, die auch heute von fremden Mächten umgeben ist, diesmal von der Europäischen Union.

Aber laut du Bois ist es falsch, wenn die Gruppen, die eine Mitgliedschaft in der EU ablehnen, die symbolische Figur benutzen, um eine engere Bindung an diese zu bekämpfen.

"Ich denke, Tell verliert als Symbol an Wert", führt er aus. "Unsere Gebräuche und unsere Mentalität haben sich verändert, und ich glaube nicht, dass er noch eine wichtige Figur ist, jedenfalls nicht für die jüngere Generation."

Golowin dagegen glaubt, dass die Sage weiterleben wird. "Es gibt heute Orte auf der Welt, wo die Leute noch nie etwas von der Schweiz gehört haben. Die Geschichte von Wilhelm Tell aber kennen sie."

swissinfo, Dale Bechtel
(Übertragen aus dem Englischen: Charlotte Egger)

In Kürze

Kein anderes westliches Land hat eine erfundene Figur wie Wilhelm Tell auf Kosten wirklicher Männer aus der Geschichte zum Status eines Nationalhelden erhoben.

Die USA haben zahlreiche Helden aus Fleisch und Blut, allen voran George Washington, auch wenn deren Taten oft übertrieben werden.

Grossbritannien, Spanien und Frankreich feiern viele Könige, Königinnen sowie draufgängerische Abenteurer und Forscher.

Schottland hat Robert the Bruce und William Wallace, die gegen die Besetzung durch die Engländer kämpften und deren Geschichten in Hollywood verfilmt wurden.

Wilhelm Tells Konkurrenz kommt vor allem aus den britischen Sagen um König Arthur und Robin Hood und um den spanischen Cid, ein tapferer Ritter aus dem 11. Jahrhundert, der, ob real oder fiktiv, in Spanien gegen die Mauren für das Christentum kämpfte.

Infobox Ende


Links

×