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Die "Eitelkeit" des Lionel Baier "Wir haben die Aufgabe, über den Tod zu lachen"

Wann ist das Leben wirklich zu Ende, und wer muss darüber entscheiden? Die Frage bildet das Gerüst für den neusten Film des Schweizer Regisseurs Lionel Baier. "La Vanité" widmet sich mit Humor dem Thema Sterbehilfe und hinterfragt unseren Umgang mit dem Tod.



"Unsere Arbeit als Filmemacher besteht darin, eine Debatte auszulösen": Lionel Baier.

"Unsere Arbeit als Filmemacher besteht darin, eine Debatte auszulösen": Lionel Baier.

(pardolive.ch)

Der Film hatte seine Weltpremiere in Cannes und wurde im Rahmen des 68. Festivals von Locarno auf der Piazza Grande gezeigt. Er kommt am 30. September in der West- und am 22.Oktober in der Deutschschweiz in die Kinos.

swissinfo.ch: Haben wir wirklich das Recht, über den Tod und den begleiteten Suizid zu lachen?

Lionel Baier: Ich denke, wir haben sogar die Aufgabe über den Tod zu lachen, denn wie bei allen ernsthaften Themen ist es das Beste, wenn man mit Humor darüber spricht. Humor bedeutet nicht mangelnder Respekt vor einem Thema. Es ist der Versuch, näher heran zu kommen.

Ich glaube, der Tod und die Sterbehilfe eignen sich perfekt als Themen für eine Komödie, denn so können wir die Sache aus mehr Distanz und nicht nur emotionell anschauen.

swissinfo.ch: Am Ursprung von "La Vanité" (Eitelkeit) externer Linksteht eine wahre Geschichte.

L.B.: Ich hatte an der Filmschule in Lausanne einen Studenten, der mir erzählte, er habe sich prostituiert, um sein Studium zu finanzieren. In einem Motel sei im Nebenzimmer einmal ein Mann gewesen, der seinem Leben mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation ein Ende setzen wollte. Dieser Mann bat den Studenten, als Zeuge zu amten, denn ein Zeuge ist von Gesetzes wegen her vorgeschrieben.

Der Student lehnte ab, denn er kommt aus einem Land, in dem die Leute um Leben und Tod kämpfen müssen. Dass es ein Land gibt, in dem Leute auf diese Weise aus dem Leben scheiden können, war für ihn schlichtweg unverständlich.

Ausgehend von dieser Episode haben Julien Bouissoux und ich ein Drehbuch geschrieben und daraus eine fiktive Geschichte gemacht.

swissinfo.ch: Bei den Vorbereitungen zum Film haben sie verschiedene Sterbehilfeorganisationen konsultiert. Wie hat sich Ihre Wahrnehmung dieser Problematik verändert?

L. B.: Ich bin ihnen zuerst eher mit Ironie, um nicht zu sagen mit Zynismus begegnet. Später war ich beeindruckt von der Ehrlichkeit, mit der diese Leute ihre Arbeit machen, die für sie eine Art Mission darstellt.

Es sind Freiwillige, vor allem Frauen, die in medizinischen Berufen gearbeitet haben. Da habe ich was entdeckt und begann, ihre Logik zu begreifen.

Biografie

Lionel Baier, ein aus Polen stammender Schweizer, wurde 1975 in Lausanne geboren, wo er heute noch lebt.

Mit 12 Jahren begann er, Filme zu drehen. Sein Régiedébut hatte er im Jahr 2000 mit "Celui au pasteur (ma vision personnelle des choses)", einem Dokumentarfilm, der einem Priester im Kanton Wallis gewidmet war.

Im Jahr darauf dokumentierte er mit "La Parade (notre histoire)" die erste Gay-Pride im katholischen Kanton Wallis. Mit "Garçon Stupide" kam 2004 sein erster Spielfilm ins Kino. 2006 folgte "Comme des voleurs (à l'est)", der erste Teil der Tetralogie.

Sein dritter Spielfilm "Un autre homme" (2008) lief im Wettbewerb in Locarno und wurde in Europa und Kanada vertrieben. 2010 realisierte er "Low Cost", der ebenfalls in Locarno gezeigt wurde. Im Jahr darauf folgten "Toulouse" sowie "Bon Vent", ein Dokumentarfilm über den Schweizer Regisseur Claude Goretta.

2013 kam seine Komödie "Les Grandes Ondes (à l'ouest)" in die Kinos. Lionel Baier nimmt hier die Nelkenrevolution, die 1974 zum Ende der Diktatur in Portugal führte, zum Anlass, das heutige Europa zu hinterfragen.

Infobox Ende

swissinfo.ch: Im Film will der Protagonist die totale Kontrolle über sein Leben und seinen Tod haben. Ist das für Sie ein Charaktermerkmal unserer Gesellschaft?

L.B.: Der Eindruck, der Tod sei etwas, das man verwalten könne, ist ein aktuelles Phänomen. Unsere Generation hat unzählige Wahlmöglichkeiten. Wir können wählen, ob wir heiraten, Kinder haben und wie wir unsere Sexualität ausleben wollen. Wir haben uns daran gewöhnt, über alles zu entscheiden, und konsequenterweise haben wir den Eindruck, wir könnten auch entscheiden, ob wir sterben oder weiterleben wollen.

Ich sage nicht, ob ich für oder gegen diese Entwicklung bin, aber ich bin überzeugt, dass es sich um eine wichtige Problematik handelt. Die Frage ist, ab welchem Moment das Leben zu Ende ist. Soll man Vertrauen haben in das Leben und es entscheiden lassen, wann wir gehen müssen? Oder ist es an uns zu wissen, wann es besser ist, zu sterben?

Im Film sieht man einen Mann, der überzeugt ist, er habe die Kontrolle über alles. Doch mit der Zeit realisiert er, dass es noch Sachen und Leute gibt, die ihn interessieren und dass das Leben vielleicht doch noch mehr bietet, als er gedacht hat.

Schlussendlich ist sein Entscheid, sterben zu wollen, eine Art Mangel an Respekt vor dem Tod. Es ist so, als dieser ihm sagte, "nein, mein Lieber, du musst zuerst Dein Leben ein wenig bedauern, bis der Tod möglich wird".

swissinfo.ch: Wie werden Ihrer Meinung nach die Sterbehilfeorganisationen auf Ihren Film reagieren?

L.B.: Grundsätzlich habe ich mir die Frage nicht gestellt. Es ist mir ziemlich egal. Was ich interessant finde an einem Film, sind die Diskussionen, die er auslösen kann. Es gibt Filme, die hat keiner geliebt, aber es ist wichtig, dass es sie gibt, weil sie eine Diskussion ausgelöst haben. Unsere Arbeit als Filmemacher besteht darin, eine Debatte auszulösen. Und ich hoffe, dass mein Film das tut.

swissinfo.ch: Gibt es in der Schweiz keine solche Debatte?

L.B.: Doch, aber das ist eine endlose Debatte. Die Schweizer waren ziemlich modern, als sie die Sterbehilfe einführten. Doch jetzt stellen sich neue Fragen, etwa ob man die Sterbehilfe auch für chronisch Depressive oder in Altersheimen erlauben soll.

Ich verstehe davon nichts. Interessant ist, dass man darüber spricht, denn das erlaubt uns, normal über den Tod zu reden, ohne in Katastrophismus zu verfallen.

Die moderne Welt hat uns abgewöhnt, dass der Tod etwas Normales ist und dass wir uns darauf vorbereiten müssen. Auf Sizilien gehen die alten Frauen selber ihre Särge und die Kleider einkaufen, die sie darin tragen werden. Sie wissen genau, dass sie sterben werden, und ich glaube, es ist klug, sich auf seinen Tod vorzubereiten.


(Übersetzt aus dem Französischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch

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