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Ein Buch für alle Zeiten?

Helvetischer Referenzpunkt in Sachen Liberalismus: Gottfried Keller (1819 - 1890).

(Keystone)

Gottfried Kellers Altersroman "Martin Salander" ist eines der meist zitierten Werke der Schweizer Literaturgeschichte. Unter dem Eindruck des politischen Kräftemessens in diesem Land ist es wieder aktuell.

Deshalb kommt eine Neuausgabe wie gelegen.

Die Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg und Thomas Hürlimann beziehen sich gerne auf den "Martin Salander", wenn sie über Literatur und Politik reflektieren. Mit Gottfried Kellers Enttäuschung über den Zerfall seiner liberalen Ideale vor 130 Jahren bezeugen sie ihre eigene Skepsis etwa gegenüber der politischen Abkapselung der Schweiz.

Entzauberter Blick auf den helvetischen Alltag

"Martin Salander" kann heute auf vielfältige - nicht nur vorgespurte - Weise gelesen werden, mit einem realistischen, vielleicht etwas melancholischen Blick auf die alltägliche Schweiz – mit einem Schatten über der republikanischen Euphorie.

Das Buch erzählt die Geschichte eines Mannes, der aus Gutgläubigkeit zweimal um sein Vermögen kommt und es durch "rechtschaffene" Arbeit wieder erlangt. Als sein "alter Freund" ihm abermals übel mitspielen will, verhindern dies die Vorsicht seiner Frau Marie und seines Sohnes Arnold.

Welche Ideale?

In Arnold setzt der gealterte Salander seine ganze Hoffnung. Doch
die Beschreibung der Figur lässt erahnen, dass sie dem 48er-Revolutionär Keller wohl nicht recht behagte. Zwischen den Zeilen des Romans lauert die skeptische Frage: "Liegt die Zukunft unserer Ideale in solchen Händen?"

Der Roman sei kein aussergewöhnlicher Wurf - und sei es doch, urteilen die Kritiker. So sei zwar etwa die Dramaturgie unausgewogen, einige Szenen wirkten gar rührselig ausgemalt, und vieles verberge sich hinter zu knappen Andeutungen. Doch den Hauptfiguren lasse es Keller an nichts fehlen. Und "Martin Salander" sei ein ausgesprochen vielschichtiges Buch, indem Keller eine politische und zugleich ökonomische Analyse seiner Zeit auf erzählerische Weise versuche.

Geschichte einer Heimkehr

In seinem Nachwort weist Peter Bichsel auf eine weitere Lesart hin. Salander kehrt aus Brasilien "in die Verbindlichkeiten, in die Relationen, in das Relative" heim. In der Schweiz lässt es sich gut leben: relativ gut und relativ glücklich.

Dergestalt ist der "Salander" eine "Geschichte des Dazugehörens, die zwar eine durchaus schöne Geschichte sein kann, aber nicht die Geschichte der Freiheit".

Der Irrtum, dass Liberalismus und Demokratie dasselbe seien, habe sich bis heute gehalten, und treibe gerade im heutigen Neoliberalismus seine gefährlichen Blüten, sagte Bichsel vor der Gottfried-Keller-Gesellschaft in Zürich.

Freiheit ohne Staat



Salanders Vorstellung von einem Staat sei eigentlich die, dass echter, guter und anständiger Liberalismus funktionieren könnte ohne die Umständlichkeiten der direkten Demokratie; der Traum von der Freiheit, vom befreiten, gut erzogenen und verantwortlichen Menschen, der dann letztlich den Staat unnötig macht – sogar der junge Lenin habe noch davon geträumt.

Dieser Traum werde in Kellers Werk vernichtet von einem Spekulanten – heute unter anderen von angesehenen und skrupellosen Verwaltungsräten. Trotzdem, so Bichsel, sei "Salander" kein Buch der Resignation, es sei vielmehr ein Buch der Sehnsucht.
Einmal müsse das Fest ja kommen ...

swissinfo und Agenturen


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