Ein ganz normaler Anti-Rassist

Das Jahr 2001 ist das UNO-Jahr der Freiwilligen-Arbeit. Einer der zahllosen Freiwilligen in der Schweiz ist der 23-jährige Berner Micha Zbinden. Er betreibt ohne einen Lohn zu empfangen eine Bar für Fussballfans, die sich gegen den Rassismus im Sport zur Wehr setzen.

Dieser Inhalt wurde am 02. Juli 2001 - 18:07 publiziert

Eine unscheinbare Parterre-Wohnung im Berner Breitenrain-Quartier. Im Innern eine Bar, ein paar Hocker, eine grössere Sitzgruppe, ein Grossbildschirm und über vierzig Fussball-Trikots, die nebeneinander den langen Fensterfronten entlang an Bügeln hängen. Das Lokal heisst "HalbZeit" und ist der Treffpunkt des Vereins "Gemeinsam gegen Rassismus", einem Zusammenschluss von derzeit rund 160 Fussball-Fans, die sich dem Antirassismus verschrieben haben.

Micha Zbinden, Online-Sportredaktor bei einer Berner Tageszeitung, ist eines der zehn Vorstands-Mitglieder von "Gemeinsam gegen Rassismus". Micha ist für die Vereins-Buchhaltung zuständig und betreut die Bar, wenn "HalbZeit" geöffnet hat. Dies ist immer am Mittwochabend der Fall. Dann nämlich finden in der Regel am Fernsehen Fussball-Übertragungen statt, die sich die Gruppe gemeinsam anschaut. Wird nicht gekickt, trifft man sich trotzdem, pflegt das ungezwungene Zusammensein oder schaut einen Videofilm. Ab und an wird eine Podiums-Diskussion organisiert - zum Thema Sport und Rassismus. Der Verein verfügt über ein eigenes Fussball-Team, den "VfL HalbZeit". Die Mannschaft wurde Schweizer-Meister in der Alternativ-Liga.

Der grösste Stolz von Micha sind die in der "HalbZeit" aufgehängten Trikots. Jedes habe seine eigene Geschichte, erzählt er. "Das blaue Trikot da ist ein Original-Leibchen des Schottischen Internationalen Richard Gough. Das Rote ist vom Luzerner Mittelfeld-Star Christoph Spycher. Das Nati-Leibchen ist ein Original-Trikot von Alain Sutter. Und das da hat Christophe Ohrel getragen..."

Das Gesicht des 23-jährigen Micha Zbinden leuchtet: "Die T-Shirts sind das Herzstück des Lokals. Falls hier jemals eingebrochen wird, kann der Dieb von mir aus alles mitnehmen - ausser den Leibchen. Die müssen bleiben. Wenn die nicht mehr sind, höre ich auf."

Der Verein "Gemeinsam gegen Rassismus"

Der Verein "Gemeinsam gegen Rassismus" wurde 1996 gegründet. Den Anlass dazu boten rassistische und neo-nazistische Hooligans, welche während Jahren das Berner Wankdorf-Stadion - das Stadion des Berner Fussballclubs BSC Young Boys - unsicher gemacht hatten. Die Leitung der Young Boys sah sich ausserstande, dem unseligen Treiben ein Ende zu setzen. Da schlug die Geburtsstunde von "Gemeinsam gegen Rassimus": Rund eine Handvoll Young Boys-Fans schloss sich zusammen. Dem üblen Treiben sollte nicht mehr länger untätig zugeschaut werden.

Bei der Gründung mit dabei war auch Micha Zbinden: "Wir versuchten ein Zeichen zu setzten, wollten demonstrieren, dass die Young Boys auch eine Fangemeinde besitzen, die das rassistische Getue verachtet, die es nicht nötig hat, jedes Mal zu pfeifen, wenn auf dem Spielfeld ein Schwarzer den Ball berührt."

"Gemeinsam gegen Rassismus" setzte sich zum Ziel, beim BSC Young Boys als Leibchen-Sponsor einzusteigen. Der Verein ging zu diesem Zweck potentielle Geldgeber an, verschickte unzählige Bettelbriefe, machte via Medien auf sich aufmerksam - und brachte das nötige Geld zusammen. Auf den Trikots der Young Boys stand fortan in dicken Lettern: "Gemeinsam gegen Rassismus". Die Leitung der Young Boys verpflichtete sich zudem, rassistischen Parolen im Stadion den Kampf anzusagen. Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten: Rassistische Auswüchse wie Anpöbeleien, das Ausbuhen von andersfarbigen Spielern oder Hakenkreuz-Sprayereien wurden im Berner Wankdorf-Stadion seltener.

Die ungewöhnliche Aktion trat eine eigentliche Lawine los: 15 Handball-Teams der Nationalliga, Mannschaften aus den Bereichen Landhockey, Volleyball, Alternativ-Fussball und Strassenhockey begannen in der Folge, den Slogan "Gemeinsam gegen Rassismus" als kleinen Sticker auf den Trickots zu tragen. Im vergangenen Jahr konnte auch der Berner Eishockey-Club SC Bern für die Antirassismus-Kampagne gewonnen werden: Fans mit rassistischen Aufnähern erhielten Stadionverbot.

Die Freiwilligen-Arbeit

Micha Zbinden investiert pro Woche rund acht Stunden seiner Freizeit in den Verein. Die Frage, ob ihn bei diesem Aufwand nicht manchmal das Gefühl überkomme, er verpasse manches, was Gleichaltrige erleben, versteht er im ersten Moment nicht. Dann: "'Gemeinsam gegen Rassismus' ist eine Leidenschaft. Im übrigen würde ich mir die Fussball-Spiele am Mittwochabend ohnehin anschauen, einfach zu Hause. Da ist es doch viel schöner, dies gemeinsam mit Gleichgesinnten zu tun. Was ist schon dabei, wenn ich bei dieser Gelegenheit noch die Bar betreue."

Ohne die freiwillige Arbeit von Vereins-Mitgliedern wie Micha könnte "Gemeinsam gegen Rassismus" nicht überleben. Allein die Miete für den Treffpunkt "HalbZeit" verschlingt jährlich 20'000 Franken. Diese Summe begleicht der Verein mit den Mitglieder-Beiträgen, mit Spenden und mit Preisen, wie etwa dem mit 7'000 Franken dotierten Jugendpreis der Burger-Gemeinde Bern, den "Gemeinsam gegen Rassismus" im November 2000 gewonnen hat. "All die Erfolge tun gut. Es ist schön zu sehen, dass sich in der Bevölkerung die Sensibilität für den Rassismus verbessert hat. Ich selbst bin kein fanatischer Anti-Rassist. Ich bin einfach normal."

Felix Münger

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