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Einfall in der Morgenröte

Noch sind sie kaum zu erkennen, die Zentralschweizer Schiffe auf dem Neuenburgersee.

(swissinfo.ch)

Rund 1600 Menschen der Zentralschweiz haben am Expo-Kantonstag in Yverdon einen Einblick in ihre Kultur gegeben - eine Inszenierung mit Lust auf Begegnung.

05.30 Uhr morgens: Die glutrote Sonne färbt Himmel und See rosa, eine Gruppe von Schiffen nähert sich. Rund 900 Menschen aus Uri, Zug, Schwyz, Luzern, Ob- und Nidwalden sind an Bord; wilde, fasnächtliche Gestalten sind darunter. Auch Bruder Fritschi von der Luzerner Fasnacht und seine Frau reisen mit.

An Land warten mehrere hundert Zuschauerinnen und Zuschauer. Sie haben Luzern per Extrazug und mit Bussen noch vor drei Uhr morgens verlassen, um den "Einfall Zentralschweiz.02" mitzuerleben. Alphornbläser und Jodelchöre heissen die Schiffe willkommen. Sie landen an verschiedenen Stegen der Thièle - bis hier ein gelungenes Bild.

Doch nun wird die Inszenierung unübersichtlich. Irgendwo macht Wilhelm Tell seinen berühmten Sprung und fährt mit einem Boot von dannen, Richtung Yverdon. Dies sehen nur jene, welche gerade dort stehen. In loser Folge steigen nun Fasnächtler und Begleitmusiken an Land und verschwinden zwischen der Arteplage und dem Bahnhof, um zu frühstücken. Die Dynamik des "Einfalls" zerfällt.

Reformiert, katholisch, "bilingue"

Etwas später trudeln erste Formationen in Yverdons Altstadt ein, geben hier ein Ständchen, dort ein kleines Konzert. Über 80 Kulturprojekte sind geplant, von Folklore über Jazz und Theater bis Rock und Pop. Innert Kürze strömt ein grosses Publikum auf die "Place Pestalozzi". Um 9 Uhr besuchen viele die Jodlermesse, der "Temple" (Kirche) ist rappelvoll.

Die beiden Pfarrer (Yverdon und Schwyz) wagen ab und zu, in der fremden Sprache zu radebrechen. Der Luzerner Hoforganist begleitet Jodellieder und erlaubt sich mit einer Brassband ungewohnte Töne. Es werden Kirchenlieder gesungen, die eine Strophe auf deutsch, die andere auf französisch.

Von draussen dringt plötzlich lautes "Chlefele" in die Kirche, Holzlöffel werden aneinander geschlagen. Danach bleiben die "Chlefeler" verschwunden. Vielleicht gehören sie zu einer der "Urmusiken": Diese treten kaum je öffentlich auf. Am Zentralschweizertag sind sie jedoch unterwegs und spielen, wenn sie sich wohl fühlen.

"Röstigraben" schmeckt gut

Das Treiben in den Gassen nimmt zu, der "Einfall Zentralschweiz" hat seinen Schwung zurückgewonnen. "Zuerst verkörpern wir die Klischees, wollen diesen Auftritt dann aber in einen Dialog umwandeln", sagt der künstlerische Leiter Louis Naef. So suchen beispielsweise die Figuren Tell, Winkelried und auch Pestalozzi in den Gassen Kontakte zu den Leuten.

Auch der "Baron vom Vierwaldstättersee", Christian Vannay, und seine Begleiterin tun ihr Bestes, damit ein Austausch gelingt. Sie bauen aus Fertig-Rösti-Päckchen einen imaginären "Röstigraben", warnen die Passanten, helfen beim Überqueren und wärmen die "Rösti" schliesslich in der Pfanne - so lässt sich das Problem wegessen...

Kultureller Wirbel

Beim eigentlichen Festakt wirbeln französische und deutsche Sprachfetzen durch die Luft und alles passiert (bewusst) auf's Mal. Reitermusiken blasen ihre Märsche, gleichzeitig spielt eine Jazzband, die Camerata Vocale Luzern erobert das "Hotel de Ville" und schaut zu den Fenstern heraus. Die Plakat-Performer Jonas Anderhub und Christoph Wolfisberg unterhalten mit optischen Wortspielereien.

Mitten drin stehen zwei ältere Damen aus Yverdon und amüsieren sich köstlich. Sie finden den Anlass ganz "magnifique". Es sei eine gute Gelegenheit, sich kennen zu lernen und übrigens hätten sie beide Vorfahren aus der Deutschschweiz. "Soyez bilingue", rät Bürgermeister Rémy Jaquier später in seiner Festrede. Die Damen nehmen sich's zu Herzen.

Begrenzte Durchmischung

Für Louis Naef ist nicht nur der Austausch über die Sprachgrenze hinweg wichtig, sondern auch jener unter den Zentralschweizern selbst: "Wenn es miteinander geht, ist es vielleicht auch leichter, auf andere zuzugehen", meint er. Gelegenheiten, hauptsächlich unter Deutschsprachigen zu sein, bietet das Programm denn auch einige.

Am Literatur-Marathon werden während des ganzen Tages, mit wenigen Ausnahmen nur, Texte in deutscher Sprache gelesen. Auch die Theater zu den "Sääli"-Geschichten sind deutsch. Schön mutet dagegen ein Theater von Nidwalder Schulkindern an, die in einem frischen, deutsch-französisch Sprachgemisch im Schlossmuseum nach Pestalozzi suchen.

Essen und Festen

Zu Begegnungen über die Grenze hinweg kommt es in erster Linie auf der Strasse - und an den Marktständen. Eine Einheimische erkundigt sich beispielsweise ausführlich nach einer Schokoladen-Spezialität aus dem Luzernischen und entschliesst sich dann zum Kauf. Anderswo probiert eine ganze Gruppe von Waadtländern Luzerner Wein.

Am späten Nachmittag schliesslich bahnen sich die 1600 Zentralschweizerinnen und -schweizer, welche ab diesem Tag in irgendeiner Form aufgetreten sind, ihren Weg zurück auf die Arteplage. Sämtliche Blechformationen versammeln sich dort zu einem grossen Platzkonzert. Auch Jodler, Alphornbläser, "Geisslen-Chlöpfer" fehlen nicht.

Ein grosses Publikum gesellt sich dazu. Insgesamt verzeichnet die Arteplage Yverdon am Tag der Zentralschweiz 18'000 Eintritte. Zum Abschluss feiern alle ein Fest, das bis weit in den Morgen hinein dauert.

Kathrin Boss Brawand

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