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Engel mit Muskeln beschützen Westschweizer Züge

Zwei "Grands Frères": Ihre Präsenz sorgt in Westschweizer Zügen für ein sicheres Gefühl bei den Passagieren.

(swissinfo.ch)

In den SBB-Zügen in der Westschweiz fahren kräftige Männer mit, die "Grands Frères". Passagiere sollen sich so wieder sicherer fühlen.

Sicherheits-Personal und Überwachungs-Kameras sind die Antwort auf die Zunahme von Vandalismus und tätlichen Angriffen in Zügen.

Im vergangenen Jahr verzeichneten die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) 686 Angriffe auf Zugspersonal, was eine Zunahme von 25% gegenüber dem Jahr 2002 bedeutet.

Im selben Zeitraum wurden über 3000 Vandalenakte registriert. Den SBB entstanden daraus Kosten für Reparaturen und Reinigungen von 8 Mio. Franken.

Im Kampf gegen die gewalttätigen Auswüchse gegen Personal und Material gehen die SBB-Verantwortlichen in der Westschweiz neue Wege: Seit vergangenem Dezember patroullieren in den SBB-Zügen zwischen Sitten, Monthey und Lausanne Sicherheitsleute, die "Grands Frères". Der Versuch wird demnächst auf Genf ausgeweitet.

Guardian Angels

Anfang der 80er-Jahre hatten die Guardian Angels weitweites Aufsehen erregt: Eine Gruppe einheitlich gekleideter New Yorker Jugendlicher hatte sich zur Aufgabe gemacht, mit ihrer Präsenz und schlichtenden Interventionen die U-Bahnen der Stadt sicherer zu machen.

Der Franzose Mehdi Messadi übertrug das New Yorker Modell erfolgfreich auf die Pariser Vorortszüge. Jetzt hat Messadi das Know-how auch in die Schweiz gebracht: Er ist Berater jener vier "Grands Frères", die bisher in den Westschweizer Zügen Präsenz markieren.

Badge statt Beret

Die "Grossen Brüder", die in Zweier-Gruppen unterwegs sind, tragen aber keine Berets wie die Guardian Angels, sondern sind an einem offiziellen Badge zu erkennen. Zudem sind sie keine Freiwilligen, sondern stehen im Sold der SBB.

Die "Grands Frères" Sylvain und Alexander bilden ein eindrückliches Gespann: Beide grossgewachsen und muskulös, beide mit Erfahrung als Türsteher von Nachtklubs. Dies sind Voraussetzungen, wenn es unterwegs darum geht, Sprayer oder Dealer anzuhalten.

Keine Schwarzeneggers

Wer aber glaubt, dass es sich bei den "Grands Frères" um Zug-Rambos handelt, liegt falsch. Zuerst ist Köpfchen gefragt, erst dann packt allenfalls der starke Arm zu.

Denn mit "schwierigen Kunden" wird immer zuerst das Gespräch gesucht, lautet die Strategie. Die Wurzeln der meisten Gewaltakte gegen Personal und Material liegt in sozialen Problemen, so die Erfahrung Messadis. Es ist demnach ein offenes Ohr, was die Delinquenten am meisten benötigen.

Positive Reaktionen

Die Anwesenheit der "Grands Frères" wird von den Passagieren, welche swissinfo zwischen Montreux und Yverdon befragte, sehr geschätzt. "Ich habe zwei kleine Kinder, und wenn ich auf die Toilette muss, wage ich nicht, die beiden allein zu lassen", sagt eine junge Mutter. "Wenn die 'Big Brothers' im Zug sind, fühle ich mich sicherer."

Dieses Gefühl teilt auch ein männlicher Fahrgast: "Sie verstehen die Probleme der Leute und wissen, wie in schwierigen Situationen reagieren."

Präventive Präsenz

Gegenwärtig sind es erst vier "Grands Frères", welche auf dem Westschweizer Netz der SBB zum Einsatz kommen. Das Problem der Gewalt ist für die Transport-Unternehmung aber derart gravierend, dass weitere Mittel eingesetzt werden müssen.

Seit Januar dürfen die SBB in ihren Wagen Video-Überwachungskameras installieren. Bisher sind 220 Wagen mit dem System ausgerüstet, das aus fünf bis acht Kameras pro Wagen besteht. Darüber hinaus sind neben der Notbremse Telefone installiert, mit welchen Passagiere direkt die Bahnpolizei informieren können.

Neben den Zügen wollen die SBB auch die Bahnhöfe sicherer machen und sie zudem besser vor Graffiti schützen. Für die Massnahmen sind 340 Mio. Franken im Budget vorgesehen.

Stellen schaffen

Bereits haben 100 Bahnhöfe ein entsprechendes Face-lift erhalten. Aufgerüstet wird auch bei Securitrans, der Bahnpolizei: Bis Ende 2005 wird sie um 100 Mitarbeiter aufgestockt und dannzumal 250 Personen umfassen.

Damit können die SBB die Zahl der Patrouillen in den Zügen und Bahnhöfen verdoppeln. Die Securitrans-Mitarbeiter, welche dieselbe Ausbildung wie die Polizei erhalten, sind oft nicht in Uniform, sondern in Zivilkleidung im Dienst.

Nicht Schlechtreden

Auch wenn die Zahl der Vergehen gestiegen ist, betonen die SBB, dass Zugfahren in der Schweiz nach wie vor sehr sicher sei. Das Risiko, im Zug Opfer von Gewalt zu werden, sei in Deutschland oder Frankreich vier- bis fünfmal höher.

"Grand Frère" Sylvain weist aber darauf hin, dass es vor allem die nächtlichen Zugfahrten seien, bei denen sich Leute zunehmend nicht mehr sicher fühlten. Viele Delikte, genereller oder sexueller Natur, würden nie angezeigt, ist er überzeugt. "Man kann nicht mehr länger nur zusehen, sondern muss darauf mit offizieller Präsenz reagieren."

Bei den SBB, welche pro Tag eine Million Personen befördert, will man bis Ende Jahr entscheiden, ob die Versuche mit den "Grands Frères" fortgesetzt werden. Klar ist aber, dass die SBB ihre Kunden nicht verlieren dürfen, weil diese aus Angst vor Übergriffen die Züge nicht mehr benützen.

swissinfo, Julie Hunt
(Übertragung aus dem Englischen: Renat Künzi)

Fakten

2003 wies die Securitrans (Bahnpolizei) 11'000 Personen aus Zügen, 1400 Personen wurden verhaftet.
Gezählt wurden zudem 686 Angriffe auf Zugpersonal (+25%) und
über 3000 Vandalenakte (+3%).
Daraus entstandene Kosten: rund 8 Mio. Fr.
Securitrans stellt bis 2005 rund 100 neue Mitarbeiter ein.

Infobox Ende

In Kürze

Die SBB haben Massnahmen im Kampf gegen Gewalt gegen Personal, Passagiere und Material in den Zügen ergriffen.

In der Westschweiz sind in einem Versuch vier "Grands Frères" im Einsatz.

Sie sollen in heiklen Situationen als Mediatoren eingreifen.

Sie können auch Personen aus dem Zug entfernen.

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