Fliessende Grenze zwischen Film und Video

Szenenbild aus "Jesus, Du weisst" von Ulrich Seidl. Locarno Filmfestival

Fiktional, experimentell oder dokumentarisch. Im Video-Wettbewerb von Locarno sind alle Genres vertreten. Die Selektion ist umstritten.

Dieser Inhalt wurde am 15. August 2003 - 19:02 publiziert

Wie im internationalen Wettbewerb dominiert auch bei den Videos eine pessimistische Grundstimmung.

Videos haben in Locarno ständig an Bedeutung zugelegt und sind nun schon zum zweiten Mal mit eigenem Wettbewerb und mit eigener Jury vertreten.

In dieser Sektion werden alle Werke aufgenommen, die auf Video gedreht oder postproduziert wurden und auch als Videos verwertet werden. Einzige Gemeinsamkeit ist ihre digitale Form.

Das Programm umfasst 19 Videos, darunter finden sich Beiträge von bekannten Filmemachern wie Ulrich Seidl, Lech Kowalski oder Harun Farocki neben Beiträgen von Jungfilmern, die wohl eher aus Geldmangel das digitale Medium gewählt haben denn aus künstlerischer Überzeugung.

Expressive Freiheit

Die Grenze zwischen Film und Video ist fliessend: Viele Kinofilme werden mittlerweile digital produziert und erst am Schluss auf Film kopiert. Auch ohne speziellen Video-Wettbewerb finden sich viele Videos in den Sektionen des Festivals.

"Es gibt verschiedene Gründe, um digital zu produzieren", erklärt Tiziana Finzi, Verantwortliche für die Programmierung des Video-Wettbewerbs und der Reihe CineastInnen der Gegenwart.

An erster Stelle stehen laut Finzi sicher ökonomische Gründe. Video ist dann einfach eine kostengünstige Arbeitsweise, ohne spezielle kreative Absicht. Etwa die Hälfte der Filme im Internationalen Wettbewerb wurden digital produziert. Hinzu kommen Filme, die speziell für das Fernsehen produziert wurden. Hier sei die Verwertung für die Wahl des digitalen Formats ausschlaggebend.

"Was mich aber interessiert, sind Filmemacher, die bewusst Video einsetzen, um grössere erzählerische und expressive Freiheiten zu haben." Dies sei der Unterschied zwischen dem Videowettbewerb und den Videos, die in anderen Sektionen des Festivals zu finden seien.

Schwierige Selektion

Im Wettbewerb finden sich leichte Spielfilme, neben harten Dokumentarfilmen. Diese Mischung wirft viele Fragen auf. Es sei eine schwierige Selektion, wird kritisiert. Finzi habe noch keine Linie gefunden.?

"Es muss ein neuer Zugang spürbar sein", erklärt Finzi ihre Kriterien für die Selektion. "So unterschiedlich die vertretenen Genres sind, das Gemeinsame ist eine neue Art und Weise, wie eine Geschichte dank dem Einsatz technischer Mittel erzählt wird."

Sie mische die Auswahl bewusst. "Ich möchte die Jury und das Publikum mit einer möglichst grossen Vielfalt an Ausdrucksweisen konfrontieren." Die Selektion sei sicher nicht einfach, aber es sei der Charakter des Videos, gegenüber verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten offen zu sein.

Zwischen Äpfeln und Gurken

Dem schweizerisch-irakischen Filmemacher und Produzenten Samir ist es nicht wirklich wohl in seiner Rolle als Mitglied der internationalen Jury.

"Wir müssen hier Äpfel und Birnen mit Gurken und Tomaten vergleichen, was ziemlich schwierig ist." Es sei ein grosses Problem, alle Genres zu mischen.

"Die ganze Jury ist sich jedoch einig, dass es um einen originellen Zugang zum Material geht. Wenn jemand in einem Dokumentar- oder Spielfilm ein gewöhnliches Thema behandelt, das wir schon hundert Mal gesehen haben, dann wollen wir in der Form und der dramaturgischen Umsetzung etwas Aussergewöhnliches sehen. Das ist unser Ansatz."

Was ist der Unterschied zwischen Film und Video? "Mit Videos kann man Dinge machen, die man mit Film nicht machen kann und umgekehrt." Massgebend sind laut Samir nicht die grossen amerikanischen Produktionen, die auch mit digitalen Mitteln arbeiten. "Dort geht es ja darum, dass der Zuschauer gar nicht merkt, dass der Film digital bearbeitet wurde. In diesem Wettbewerb geht es jedoch darum, dass man sieht, was gemacht wurde."

Wenn beispielsweise jemand mit Video bestimmte Texturveränderungen mache, die mit Film nicht möglich seien, und diese Veränderungen auch inhaltlich einer Logik folgten, dann sei dies für die Jury interessanter, als wenn man den Wettbewerbsbeitrag genauso gut mit Film hätte machen können. "Es gab auch solche Beispiele, aber darüber haben wir gar nicht lange diskutiert."

Wachsendes Interesse

Mit der Aufwertung der Videos will sich Locarno stärker auch einem jungen Publikum öffnen. Doch das Filmangebot am Festival ist überwältigend, und es stellt sich die Frage, ob der Video-Wettbewerb in diesem Umfeld überhaupt wahrgenommen wird.

Für das Publikum sei dies kein Problem, meint Finzi. "Locarno hat ein Publikum, das gegenüber Neuem sehr aufgeschlossen ist." Die Stärke von Locarno sei zudem, dass hier auch ein Publikum angesprochen werden könne, das sich sonst keine Videos anschaue.

Die Medien hingegen seien stark auf den internationalen Wettbewerb und die Piazza fixiert. Seit zwei Jahren sei jedoch ein grösseres Interesse gegenüber den Videos spürbar.

swissinfo, Hansjörg Bolliger, Locarno

Fakten

Der Video-Wettbewerb findet in Locarno bereits zum zweiten Mal statt.
Das Programm umfasst 19 Filme, welche die ganze Bandbreite an Trends und Tendenzen des zeitgenössischen Videoschaffens abdecken.

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