G-8-Gipfel: Wird der Genfersee "brennen"?

Ausblick von der Lausanner Seepromenade durch Stacheldraht ans andere Seeufer von Evian. Keystone

Der G-8-Gipfel vom 1. bis 3. Juni in Evian sorgt am Schweizer Ufer des Genfersees seit Monaten für Aufregung.

Dieser Inhalt wurde am 27. Mai 2003 - 11:19 publiziert

In der Region um Genf und Lausanne wird das grösste Sicherheits-Dispositiv seit dem Zweiten Weltkrieg vorbereitet.

Bereits seit Anfang Jahr schreiben die lokalen Medien über alle möglichen negativen Szenarien, die während dem G-8-Gipfel eintreten könnten: Von den einengenden Sicherheits-Massnahmen bis zu möglichen Schäden durch gewalttätige Antiglobalisierungs-Demonstranten.

Die Medien sprechen von Zehntausenden von Globalisierungsgegnern, die in die Genfersee-Region einfallen werden. Schon vor dem Gipfel würden sie die Strassen von Genf und Lausanne besetzen.

"Wir werden Feuer an den See tragen, um gegen den G-8-Gipfel zu protestieren", kündigen die Organisatoren der Kundgebungen an, sichtlich erfreut über die Kollektivpsychose, die sie verursacht haben.

"Il n'y a pas le feu au lac" - "Der See wird nicht brennen", sagt man in der Waadt, um bei aussergewöhnlichen Ereignissen nicht in Panik zu geraten. Jetzt scheinen aber sogar die sonst eher bedächtigen Waadtländer nervös, und manche befürchten sogar das Schlimmste.

Einschränkungen an allen Fronten

Die Waadtländer und Genfer Kantonsbehörden haben ein massives Sicherheits-Dispositiv vorbereitet, um jeglicher Kritik zuvorzukommen, falls es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen sollte. Für die Sicherheit des G-8-Gipfels sind insgesamt rund 10'000 Soldaten und Polizisten aufgeboten.

Für die Dauer von fast zwei Wochen wurden strenge Einschränkungen im Strassen-, Luft- und Schiffsverkehr in der Region beschlossen. Das hat bei den Einwohnern von Lausanne und Genf sowie bei Touristen und Pendlern eine Welle des Unmuts erzeugt.

Sogar die Fischer müssen ihren Angelradius massiv einschränken, um die Weltpolitiker in Evian nicht zu erschrecken. Die grössten Mühseligkeiten müssen die Grenzgänger in Kauf nehmen, die wegen der verschärften Kontrollen an den Zollübergängen stundenlang Schlange stehen müssen.

Museen, Bibliotheken, Parks und andere öffentlichen Einrichtungen werden für einige Tage geschlossen. In den grössten Spitälern sind Notfall-Dispositive erstellt worden, Ärzte und Krankenschwestern mussten deswegen schon gebuchte Ferien absagen.

Immerhin profitieren die Schülerinnen und Schüler einiger Schulen in Ouchy: Sie haben drei Tage schulfrei. Das Lausanner Hafenquartier ist mit zwei Kilometern Stacheldraht und Absperrungen von der Umwelt abgeschnitten.

Leere Bankomaten

Auch wenn die straffe Sicherheitspolitik der Behörden verständlich ist, hat sie doch einiges zur steigenden Beunruhigung beigetragen, und nicht nur jener der Bevölkerung. So hat die Post beschlossen, während dem G-8-Wochenende 20 Filialen in der Region zu schliessen und die Postverteilung in einigen Zonen Genfs und Lausannes für vier Tage zu unterbrechen.

Auch verschiedene Banken haben Sicherheits-Massnahmen getroffen. Von Donnerstag bis Sonntag sind alle Bankomaten leer.

Für ein verlängertes Wochenende geschlossen und besonders geschützt werden die amerikanischen Firmen in der Region - sie sind ein besonders beliebtes Ziel für gewalttätige Demonstranten.

Fast alle McDonalds-Geschäfte in Genf und Lausanne bleiben jedoch geöffnet. "Wir hoffen, dass wir uns dank Sicherheitsleuten und holzbeschlagenen Fenstern über die Runden bringen können", sagt der Filialleiter eines McDonalds-Restaurants.

Unsicherheit bei den Ladenbesitzern

Viele Läden im Stadtzentrum von Genf und Lausanne sind jetzt schon verbarrikadiert. Die Ladenbesitzer sehen den kommenden Tagen mit gemischten Gefühlen entgegen. Sie betrachten die Informationen der Behörden, der Versicherungs-Gesellschaften und der Berufsverbände als eher mangelhaft.

"Wir haben den Eindruck, dass man uns ein bisschen unserem eigenen Schicksal überlässt", sagt Cathérine De Vincenti. Sie wird deshalb ihr Juwelier-Geschäft im Zentrum von Lausanne für vier bis sieben Tage schliessen.

Das tun fast alle Läden, die Luxusgüter verkaufen. Viele Kunden hätten bereits angekündigt, dass sie während des G-8-Gipfels das Stadtzentrum meiden würden, erklärt eine Verkäuferin des Uhren- und Schmuckgeschäfts Bucherer.

Jene Geschäfte, die geöffnet bleiben, bereiten sich auf eine sofortige Schliessung vor im Falle von gewaltsamen Auseinandersetzungen. Viele haben bereits Massnahmen vorbereitet: private Sicherheitsagenten, Rolläden, Gitterbarrikaden.

Angst vor Gewalttätigen

"Bund, Kantone und Gemeinden übernehmen ihre Verantwortung nicht und garantieren keine wirksamen Schutzmassnahmen oder entsprechende Entschädigungen", sagt Cathérine De Vincenti. "In der Schweiz braucht es drei Monate, bis eine Schaufensterscheibe wie diese hier ersetzt wird", erklärt sie.

Obwohl mit weniger Globalisierungsgegnern gerechnet wird als noch vor einigen Tagen, kehrt keine Beruhigung ein. "Angst machen vor allem jene Manifestanten, die Freude an der Gewalt haben und sie im Namen von irgend etwas anwenden", sagt eine Geschäftsinhaberin.

Selbstverteidigung

Infolge hoher Versicherungs-Franchisen, Sicherheits-Massnahmen und erzwungener Schliessungen rechnen die Geschäfte mit einem Verlust von 10 Prozent im diesem Monat. Ein wenig erfreulicher Umstand in einer nicht gerade positiven Wirtschaflage.

"Wir können es uns nicht leisten, für eine ganze Woche die Türen zu schliessen", sagt Jacques Arrigo, Besitzer von zwei kleinen Läden in der Nähe vom Bahnhof Lausanne. Seit dem 11. September 2001 ist sein Umsatz bereits um gut 30 Prozent zurückgegangen.

"Wir sind doppelte Opfer der Globalisierung: Neben dem G-8-Gipfel müssen wir schon das ganze Jahr über gegen die grossen internationalen Ladenketten kämpfen, die sich an den besten Verkaufsstrassen niederlassen und uns die besten Verkäuferinnen wegnehmen, weil sie ihnen tausend Franken mehr Monatslohn zahlen können."

Er lasse sich nicht 20 Jahre Arbeit kaputt machen. "Wenn nötig, verteidige ich mich selber", sagt Arrigo. Seine Eltern, die ihn Genua wohnen, hätten die dortigen gewaltsamen Auseinandersetzungen am G-8-Gipfel 2001 an vordester Front erlebt.

Und der Lausanner Geschäftsinhaber scheint nicht der einzige zu sein, der seine Haut teuer verkaufen will: Einige seiner Kollegen seien bereit, während des G-8-Gipfels ein Gewehr mit in den Laden zu nehmen.

swissinfo, Armando Mombelli
(Übertragung aus dem Italienischen: Jean-Michel Berthoud)

Fakten

1.-3. Juni: G-8-Gipfel in Evian

29. Mai - 1. Juni: Demonstrationen der Globalisierungsgegner in Lausanne und Genf

30'000 bis 100'000 Demonstranten werden erwartet

Rund 10'000 Polizisten und Soldaten auf Schweizer Seite, rund 18'000 Sicherheitskräfte auf französischer Seite

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