Genfer Hotelbranche spürt verheerende Folgen von Covid-19

Hinter den Fassaden des noblen Richemond Hotel in Genf brodelt ein Arbeitskonflikt, ausgelöst durch den Lockdown. Keystone / Martial Trezzini

Die Covid-19-Pandemie trifft die Hotellerie und den Tourismus in der ganzen Schweiz hart. Die mit Abstand am stärksten betroffene Region ist aber Genf: Das internationale Zentrum musste 300 Konferenzen und Anlässe absagen. Fachleute schätzen die Lage als verheerend ein.

Dieser Inhalt wurde am 24. Juni 2020 - 13:00 publiziert

"Wir leugnen die Auswirkungen von Covid-19 nicht. Wir verstehen, dass ein Hotel angesichts der Pandemie in die roten Zahlen rutschen kann", sagte Sylvan*, Angestellter des Fünf-Sterne-Hotels Le Richemond.

"Was wir aber nicht verstehen, ist, dass wir so dramatisch, ohne einen Sozialplan, entlassen werden sollen, wenn das Hotel einem Multimillionär gehört. Das können wir nicht akzeptieren."

Er ist einer der 141 Mitarbeitenden, die Gefahr laufen, ihren Job im als Familienunternehmen geführten Luxushotel am Ufer des Genfersees zu verlieren. Für die meisten war im März Kurzarbeit beantragt worden, sie hatten also schon eine gewisse Lohneinbusse hinnehmen müssen.

Doch dann erfuhren Sylvan und Kolleginnen und Kollegen Ende Mai, dass die Leitung des Hotels erwäge, dieses vorübergehend ganz zu schliessen, um den durch die Pandemie verursachten finanziellen Schaden zu begrenzen. Im April und Mai lag die Auslastung des Hotels bei 10%.

Um ihre Arbeitsplätze zu retten, oder im Fall von Entlassungen zumindest einen angemessenen Sozialplan auszuhandeln, wandte sich ein Teil des Personals nun an eine lokale Gewerkschaft und fordert ein Schlichtungsverfahren.

"Der Fall Richemond ist emblematisch und wird den Weg weisen, wie Genf die Situation der Hotelangestellten angehen will", sagt Gewerkschaftssekretärin Marlene Carvalhosa Barbosa von der Gewerkschaft SIT (Syndicat interprofessionel des travailleuses et travailleurs).

"Die Botschaft, die ich immer wieder höre, unabhängig vom jeweiligen Hotel, lautet: 'Wir versuchen, ihre Arbeitsplätze zu erhalten, aber die Angestellten müssen Opfer bringen'" so Barbosa weiter.

Die Gewerkschaft wurde während der Covid-Krise mit Anrufen überschwemmt. Während dem Lockdown seien Hotelmitarbeiter gezwungen worden, Ferientage zu beziehen und Überstunden zu streichen. Einige seien sogar aufgefordert worden, voll zu arbeiten, obschon ihre Arbeitszeit im Rahmen der Kurzarbeit reduziert worden war, sagt die Gewerkschafterin.

Für schätzungsweise 13'000 der rund 15'000 Beschäftigten im Hotel- und Restaurantgewerbe im internationalen Zentrum Genf soll während dem Lockdown Kurzarbeit beantragt worden sein; sie erhielten noch rund 80% ihrer Löhne. Und in einer teuren Stadt wie Genf ist es besonders hart, mit den notorisch tiefen Gehältern zu überleben. Der monatliche Bruttolohn für Hotelangestellte ist selten höher als 4500 Franken – die meisten verdienen nicht einmal 3500 Franken.

Geschäftstourismus

Landesweit werden die Corona-Ausfälle in der Hotellerie in diesem Jahr auf insgesamt 1,8 Milliarden Franken geschätzt. Punkto Übernachtungen rechnen Branchenexperten für 2020 mit einem Rückgang um einen Drittel. 

Städte trifft es allgemein hart. Aber für das internationale Genf trifft der Taucher besonders zu. In den vergangenen Jahren hatte Genf unter den Schweizer Städten die zweithöchste Anzahl von Hotelübernachtungen pro Jahr. Doch während der Corona-Krise lagen die Belegungsraten fast bei null; Betriebe schlossen und die meisten Reservationen wurden bis Juni storniert.

"Es ist eine Katastrophe. Genf ist fast ausschliesslich auf dem internationalen Geschäftstourismus aufgebaut – grosse Kongresse, Tagungen, internationale Organisationen und Banken – darauf entfallen rund 75% der Übernachtungen", sagte Thierry Lavalley, Generaldirektor des Fünf-Sterne-Grandhotels Kempinski Genf.

"Heute ist das Geschäft völlig am Boden. Alle grossen Konferenzen im Kongresszentrum Palexpo wurden bis zum 31. Dezember abgesagt. Viele grosse internationale Firmen bestehen darauf, dass bis Ende Jahr von ihren Angestellten niemand reist. Das Jahr 2020 ist vorbei."

Rund 300 internationale Tagungen und Veranstaltungen wurden in Genf wegen Covid-19 abgesagt, was einen Verlust in Millionenhöhe zur Folge hatte.

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Gegenwärtig sind in Genf noch 60 von 125 Hotels geschlossen. Auf dem Höhepunkt des Lockdowns hatten 84% der Restaurants und Hotels der Stadt dicht gemacht.

Eine kürzlich durchgeführte Umfrage über die Auswirkungen der Covid-Krise auf die Schweizer Tourismusindustrie ergab, dass jedes Genfer Hotel im März und April durchschnittlich 1,7 Millionen Franken Umsatzverluste erlitt, und im Mai und Juni rund eine Million Franken – die höchsten Einbussen aller Regionen der Schweiz.

Über die Umsatzverluste hinaus warnten die Autoren der Studie davor, dass das Konkursrisiko unter Genfer Hotels und Restaurants am höchsten sei (35% potentiell betroffen).

Seither haben zwar mehrere Hotels wieder geöffnet. Laut Lavalley, der auch Präsident des Genfer Hotelverbandes ist, hat die überwiegende Mehrheit jedoch nur eine Handvoll Kunden. Die Auslastung für den Sommer schwanke zwischen fünf bis acht Prozent. "Viele Hotels arbeiten heute mit Verlust", sagte er.

Silberstreifen am Horizont?

Am 15. Juni öffnete die Schweiz ihre Grenzen zu den meisten europäischen Staaten wieder, weil sich die Coronavirus-Situation entspannt hat. Einreisen von ausserhalb des Schengen-Raums sind aber noch nicht möglich. So können zum Beispiel Personen aus den USA oder aus China noch nicht in die Schweiz einreisen. Eine schrittweise Wiedereröffnung der Grenzen für aussereuropäische Länder könnte ab Juli starten.

Am Flughafen Genf, der während Monaten praktisch stillstand, landeten am 15. Juni 2500 Passagiere. Zu Sommeranfang schwankt die tägliche Zahl der Passagiere normalerweise zwischen 40'000 und 60'000. Der Flughafen rechnet für dieses Jahr mit 70-80% weniger Passagieren als 2019.

"Im Juli und August wird es voraussichtlich zaghaft aufwärts gehen. Die grosse Frage ist, was von September bis November geschieht", sagte Adrien Genier, Geschäftsführer von Genf Tourismus.

Die jüngst erfolgte Einstufung der Schweiz als "sicherstes Land für Covid-19" sei als Marketinginstrument zwar hilfreich, um Besucher anzulocken, sagte Genier. Aber er bleibt realistisch.

"Über 80% der Menschen, die nach Genf kommen, sind Besucher und Besucherinnen aus dem Ausland, und eine grosse Zahl kommt aus den USA, Grossbritannien und den Golfstaaten, und die sind im Moment ziemlich abgeschlossen", sagte Genier.

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Gäste aus der Schweizer verzweifelt gesucht

Die Schweizer Tourismusverantwortlichen und die Mitglieder der Regierung hoffen, dass die einheimische Bevölkerung dieses Jahr ihre Ferien in der Schweiz und nicht im Ausland verbringen wird. Aber ob die Leute wohl Genf den Bergen im Graubünden oder im Wallis vorziehen werden?

Um die Situation zu retten und die Besucherzahlen anzukurbeln, will die Genfer Regierung Personen aus der Schweizer Hotelzimmer zu einem Drittel des ursprünglichen Preises anbieten, damit sie den Sommer in der Region verbringen.

Zur Finanzierung dieser Idee haben die lokalen Behörden ein Budget von 4,5 Mio. Franken vorgesehen, das vom Parlament noch bestätigt werden muss.

Lavalley begrüsst diese Massnahme, blickt aber weiterhin pessimistisch in die Zukunft.

"Die Aussichten auf eine wirtschaftliche Erholung sind sehr vage. Im Allgemeinen ist die Hotelbranche die erste, die in eine Krise gerät und die letzte, die wieder aus ihr herausfindet. Die Krise, das sind nicht nur drei Monate Coronavirus. Die Nebenwirkungen sind enorm. Sie wird mehrere Monate, sogar Jahre andauern", sagte er.

Und wenn die Behörden die Massnahmen zur Ausweitung und Vereinfachung der Kurzarbeit nicht über September hinaus für mindestens 12 Monate verlängern, dürfte es nach Ansicht von Lavalley eine wirtschaftliche Katastrophe geben, bei der jene, die sich jetzt in Kurzarbeit befinden, ihre Stelle ganz verlieren werden.

*Name zum Schutz der Anonymität geändert.

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