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"Die Hoffnungen sind stärker als die Zweifel"

Blick vom Tokyo Tower über die Megalopolis.

(Keystone)

Drei Wochen nach Beginn der grössten Katastrophe der japanischen Nachkriegsgeschichte ist das Atomkraftwerk Fukushima weiterhin ausser Kontrolle. Trotzdem reagieren die Menschen mit Disziplin und Gelassenheit, sagt Beatrice Ito, Präsidentin des Swiss Club Tokyo.

Seit dem 11. März steht Japan unter Schock: Eines der heftigsten Erdbeben überhaupt, der Tsunami und die Atomruine Fukushima. Noch immer tritt Radioaktivität aus, die Strahlung im Meer steigt. Und viele Überlebende des Erdbebens harren weiter in Notlagern aus.

Die Hoffnungen auf eine Überwindung der Krise, dass alles wieder gut wird, seien stärker als die Zweifel, sagt Beatrice Ito.

swissinfo.ch: Erdbeben, Tsunami, AKW-Katastrophe: Fühlen Sie sich noch wohl in Japan?

Beatrice Ito: Ja, ich persönlich fühle mich wohl.

swissinfo.ch: Wie organisieren Sie sich im Alltag? Es war schon die Rede von einzelnen verstrahlten Nahrungsmitteln. Ist das für Sie ein Problem?

B.I.: Nein, eigentlich nicht. Ganz am Anfang, eine Woche nach dem Erdbeben, gab es gewisse Schwierigkeiten: Milch und Brot waren am Nachmittag überall ausverkauft. Man durfte dann pro Person oder Familie nur noch eine rationierte Anzahl davon kaufen. Es gab an den meisten Tankstellen auch kein Benzin mehr.

Aber das hat sich alles wieder normalisiert. Das Leben in Tokio ist eigentlich wieder so normal, wie es vorher war. Allerdings wird jetzt Energie gespart: Viele Leuchtreklamen sind ausgeschaltet, an den grossen Strassen brennt nachts nur etwa jede fünfte Laterne, auf den Bahnhöfen sind die Rolltreppen teilweise abgestellt.

swissinfo.ch: Sie vermieten Wohnungen in Tokio. Läuft das Geschäft jetzt harziger?

B.I.: Ja, aufgrund der Medienberichte im Ausland sind viele Leute in Panik abgereist. Teilweise wollen sie gar nicht mehr zurückkommen, andere kommen aber langsam wieder zurück.

swissinfo.ch: Wie ist die Stimmung in der Auslandschweizer-Gemeinschaft, gibt es Angst, gibt es Leute, die in die Schweiz zurück gegangen sind oder dies planen?

B.I.: Natürlich gibt es Leute, die zurück gegangen sind. Die Schweizer Botschaft hielt uns immer auf dem Laufenden, sie hat auch Jodtabletten für den Notfall verteilt. Dann wurden Gratisflüge in die Schweiz und notfalls noch zusätzliche Charterflüge angeboten.

Es kam dann aber so, dass nicht einmal alle Plätze bei der Swiss reserviert wurden. Also im Gegensatz zu den Deutschen oder den Franzosen, die panikartig alle sofort abreisten, sind die Schweizer da ein bisschen cooler.

Jene Eltern, deren Kinder in die Deutsche Schule gehen, haben ausser der Angst vor der Radioaktivität noch das Problem, dass die Deutsche Schule geschlossen ist, da die Lehrer abgereist sind. Und man weiss nicht genau, wann die Schule wieder aufmacht.

swissinfo.ch: Wie ist die Stimmung unter der einheimischen Bevölkerung?

B.I.: Die Japaner sind von ihrer Mentalität her sehr disziplinierte Leute, auf Harmonie bedacht, damit man mit seiner Umgebung keine Probleme hat. Das ist von grossem Vorteil bei einer derartigen Katastrophe.

Wenn man irgendwo stundenlang anstehen muss, dann tun das die Leute, bis sie dran sind. Das ist schon sehr positiv.

swissinfo.ch: Woher kommt diese Gelassenheit?

B.I.: Das ist der Charakter des Japaners.

swissinfo.ch: Hat sich die unkritische Haltung der Japaner gegenüber der Atomenergie jetzt geändert?

B.I.: Ein bisschen vielleicht schon, aber die etwas kritischere Haltung ist nicht vergleichbar mit dem Ausmass in Europa. Ich kenne zwar persönlich niemanden, der jetzt kritischer geworden wäre, aber ich denke, dass jene Leute, die in der Nähe von AKW leben, jetzt ein wenig zweifeln an der ganzen Sache.

swissinfo.ch: Aber eine Anti-AKW-Bewegung gibt es in Japan nicht?

B.I.: Nein. Ich habe lediglich von einer kleineren Demo im Norden des Landes gehört, es war aber nichts Auffallendes.

swissinfo.ch: Auch wenn es keine Anti-AKW-Bewegung gibt: Werden in Japan ernsthafte Diskussionen über Alternativen zur Atomenergie geführt, auf politischer und privater Ebene oder in den Medien?

B.I.: Es wird vor allem über die Betreibergesellschaft Tepco gesprochen. Viele Leute sind jetzt sehr kritisch gegenüber dieser Firma, die anscheinend viele grosse Fehler gemacht hat.

Für die japanische Bevölkerung ist vor allem Tepco schuld an dem, was jetzt passiert ist. Auch die Medien kritisieren die Firma. Es wird bereits davon geredet, dass der Staat Tepco übernehmen soll. Wie gut dies wäre, ist aber auch wieder fraglich.

swissinfo.ch: Der Filz zwischen Tepco und der japanischen Politikerelite gilt als gross. Wird das nun von der Bevölkerung in Frage gestellt?

B.I.: Ich denke schon, dass viele einen Zusammenhang sehen. Ob die Tepco weiterhin Betreiberin der AKW bleibt oder der Staat das übernimmt, es wird keinen grossen Unterschied geben.

swissinfo.ch: Japan gilt oder galt bis zur AKW-Katastrophe als technologisches Avantgardeland, das alles im Griff hat. Ist dieses Image bei der japanischen Bevölkerung immer noch intakt oder bröckelt es?

B.I.: Bei den Japanern, mit denen ich persönlichen Kontakt habe, sehe ich grundsätzlich keine veränderte Haltung in dieser Frage. Man glaubt daran, dass diese Krise überwunden werden kann, dass alles wieder gut kommt. Jedenfalls sind die Hoffnungen stärker als die Zweifel.

swissinfo.ch: Was raten Sie Schweizern, die demnächst nach Japan reisen möchten: jetzt besser nicht, oder trotz allem doch?

B.I.: (lacht) Freunde von uns wollten am 20. März auf ihrer Hochzeitsreise nach Japan kommen. Ich sagte ihnen, es sei vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt, weil man nicht genau weiss, was passiert, ob zum Beispiel alle Züge fahren. Es ist nicht garantiert, ob alles hundertprozentig funktioniert – in Japan funktioniert ja normalerweise alles hundertprozentig.

Schweiz-Japan

2009 exportierte die Schweiz Waren im Wert von 7,1 Mrd. Fr. nach Japan und Japan solche im Umfang von 3,6 Mrd. Fr. in die Schweiz.

Die wichtigsten nach Japan eingeführten Schweizer Produkte sind chemische und pharmazeutische Erzeugnisse, Uhren und Maschinen.

Japan exportiert Autos, Edelmetall, Bijouterieartikel, Maschinen und chemische Produkte in die Schweiz.

2010 lebten 1506 Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer in Japan.

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Swiss Club Tokyo

Der Klub existiert seit 1976 und hat rund 350 Mitglieder.

Die Idee dazu war zwei Jahre zuvor bei einem Treffen der Schweizer Gemeinschaft im Garten der Schweizer Botschaft entstanden.

Der Klub ist eine Nonprofit-Organisation, die den Schweizern in der Megalopolis und deren Umgebung den Kontakt mit ihrem Herkunftsland ermöglicht.

Die Anlässe des Schweizer Klubs seien beispielsweise auch bei Deutschen und anderen Expats beliebt, weil sie "nicht so formell" seien wie jene anderer Expat-Klubs, sagt die Präsidentin.

So organisiert der Klub etwa ein Ski-Weekend, die 1.-August-Feier, Wanderungen, Raclette-Abende, eine Weihnachtsfeier und einmal monatlich einen Jassabend.

Einmal jährlich gibt der Swiss Club die Swiss Gazette heraus.

Der Klub wird von Schweizer Firmen in Japan unterstützt. Die Eidgenossenschaft unterstützt die Sektion Erziehung bei der Finanzierung des Schweizer Lehrers.

Neben dem Swiss Club Tokyo gibt es auch noch die Swiss Society of the Kansai, die Anlässe im Grossraum Kobe-Osaka-Kyoto organisiert.

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