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Japan-Katastrophe drückt auf Wirtschaft Asiens



Wie Spielzeug durcheinander gewirbelt: Container im Hafen von Sendai.

Wie Spielzeug durcheinander gewirbelt: Container im Hafen von Sendai.

(Keystone)

Laut der Weltbank dürfte Japan fünf Jahre brauchen, um sich von den Folgen des verheerenden Erdbebens und des Tsunamis vom 11. März zu erholen. In der vorläufigen Schadensbilanz von über 210 Mrd. Franken ist die Atomkatastrophe noch ausgeklammert.

Das schwerste Erdbeben in Japan seit Beginn der Messungen hat bisher rund 9000 Menschenleben gefordert. Über 12'500 werden noch vermisst. Fast 320'000 Menschen sind laut japanischen Medien in Notunterkünften untergebracht.

Durch das Desaster werde das japanische Wirtschaftwachstum um 0,5% gebremst, rechnen Weltbank-Experten. Die Auswirkungen auf die Schweiz würden aber gering sein, sagen Wirtschaftsexperten.

Die Weltbank veröffentlichte ihre Einschätzungen am Montag. "Die Schäden an Gebäuden und Infrastruktur sind von noch nie da gewesenem Ausmass", hiess es.

Am selben Tag gelang es Arbeitern im Atomkraftwerk Fukushima I, eine Starkstromleitung zu den beschädigten Reaktoren zu legen. Aber Versuche, mit dem Strom Wasserpumpen zur Kühlung der Brennelemente wieder in Betrieb zu nehmen, sind bisher gescheitert. Damit ist die Gefahr einer Kernschmelze und somit der grössten AKW-Katastrophe seit Tschernobyl vor 25 Jahren weiter akut.

Schneller Aufschwung dank Wiederaufbau 

Trotz drohendem Super-GAU wird die Wirtschaft Japans laut Weltbank in der zweiten Jahreshälfte wieder wachsen, angeschoben durch die Wiederaufbau-Massnahmen in den Krisengebieten.

Die geschätzten Schäden – die Summen reichen von 123 bis 235 Mrd. Dollar – entsprechen 2,5 bis 4 Prozent der Wirtschaftsleistung Japans im vergangenen Jahr. Private Versicherer müssen für Schäden von 14 bis 33 Mrd. Dollar aufkommen.

Roberto Ruiz Scholtes, Strategie-Chef im Bereich Vermögensverwaltung bei der UBS in Spanien, erachtet diese Zahlen als realistisch.

"Japans Wirtschaft wird 2011 offensichtlich weniger wachsen als vorausgesagt, wir gehen von einem Prozent aus statt der prognostizierten 1,5 Prozent", sagt Scholtes gegenüber swissinfo.ch. Für 2012 dagegen habe die UBS die Wachstumsaussichten von 2,1% auf 2,5% erhöhnt. Grund dafür sei der Wiederaufbau in den von Erdbeben und Tsunami betroffenen Gebieten im Nordosten des Landes.

Kein grosser Player mehr

Vor der Katastrophe hatte Japan nur sechs Prozent zur weltweiten Wirtschaftsleistung beigetragen, wodurch der Schaden auf die globale Wirtschaft sehr limitiert bleibe, sagt Scholtes weiter. Schlimmstenfalls reduziere sich 2011 das globale Wirtschaftswachstum um 0,1%.

Europa und die Schweiz seien gar noch weniger betroffen. Nur 3,5% der Schweizer Exporte würden nach Japan gehen, sagt der Spanier in Diensten der UBS. Die Europäische Union (EU) liefere gar nur ein Prozent der Ausfuhren nach Japan.

Die Credit Suisse geht von ähnlichen Zahlen aus. Für das Szenario eines Super-GAU rechnet die andere Schweizer Grossbank mit einem Schrumpfen der japanischen Wirtschaft im laufenden Jahr um 0,5% und einem Minus von 0,2%, was den globalen Wirtschafts-Output betrifft.

Abreissende Produktion 

Es gibt aber auch Stimmen, die von einer grösseren Auswirkung der Katastrophe auf die globale Wirtschaft ausgehen. Singapurs Finanzminister Tharman Shanmugaratnam wies darauf hin, dass die drohende Atomkatastrophe das Vertrauen von Konsumenten und der Wirtschaft beschädigen könnte.

Dazu kommt, dass Produktionsstillstände in japanischen Betrieben die Preise im Land hochtreiben und die Versorgung mit wichtigen Materialien und Rohstoffen gefährden. Dies betrifft vor allem die Elektronik-, Auto- und Schiffbauindustrie.

Krise exportiert 

Die Folgen davon bekommen in erster Linie die Nachbarländer im asiatischen Raum zu spüren. Für sie fällt Japan als einer der wichtigsten Exportabnehmer praktisch aus, zumindest kurzfristig. Dadurch werden die rasch wachsenden Wirtschaften in Fernost teils massiv gebremst.

Auch Johanna Chua und Brian Tan, Ökonomen bei der US-Bank Citigroup, sehen zentrale Lebensnerve der japanischen Wirtschaft betroffen. In der Elektronik-, Auto- und Schiffbauindustrie gehen Chua und Tan von "ernsteren Ausfällen als ursprünglich angenommen" aus.

Die grössten Folgerisiken sehen sie für Thailand, wo die Hersteller auf Elektronikkomponenten, chemische Produkte sowie Fahrzeuge aus Japan angewiesen seien. Betroffen sind laut dem Citigroup-Ökonomenduo aber auch Südkorea und Taiwan.

Absicherung durch Diversifizierung 

2010 führte die Schweiz Güter im Wert von 7,3 Mrd. Franken nach Japan aus. Die Importe beliefen sich auf 3,6 Mrd. Franken.

Die Katastrophe könne namentlich auf den Export von Luxusgütern wie Uhren sowie den japanischen Tourismus in Europa drücken, rechnen Ökonomen der UBS. Den Rückgang beurteilen aber auch sie als temporär.

Laut Jean-Daniel Pasche, Leiter des Verbandes der Schweizer Uhrenindustrie, wird das Desaster die Nachfrage im siebtgrössten Absatzmarkt drücken. Immerhin gehen fünf Prozent der gesamten Schweizer Uhrenproduktion nach Japan.

"Die Schweizer Hersteller sollten aber diese Situation meistern, da sie seit mehreren Jahren diversifiziert haben, um weniger verletzlich zu sein", so Pasche.

Vorläufige Opferbilanz

Am Montag bestätigte die Polizei den Tod von 8805 Menschen, 12'654 werden vermisst. Deshalb muss mit über 20'000 Opfern gerechnet werden.

Infolge von Erdbeben und Tsunami wurden 320'000 Menschen in Notunterkünfte verbracht.

Im Radius von 20 Kilometern um das beschädigte Atomkraftwerk Fukushima I wurden knapp 180'000 Personen evakuiert.

Anwohner innerhalb eines 30km-Radius sind von der Regierung aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen.

In Japans Nordosten sind noch immer über 220'000 Haushalte ohne Strom, knapp 900'000 Haushalte haben weiterhin kein fliessendes Wasser.

Insgesamt wurden knapp 15'000 Gebäude zerstört.

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Rückversicherungen

Die Rückversicherer verteilen die Last des Risikos von Gross-Schäden auf mehrere Versicherer. Damit tragen sie zur Stetigkeit und Sicherheit des Geschäfts bei.

Damit wird einem Erstversicherer auch ermöglicht, die Deckung für so grosse Risiken anzubieten, die er alleine gar nicht tragen kann.

Seine geografisch breite Streuung des Risikos (diversifiziertes Risiko-Portfolio) hilft dem Rückversicherer, im Fall von Naturkatastrophen die regionale Häufung von Schadensfällen zu decken.

Das Rückversicherungs-Volumen betrug 2009 weltweit fast 160 Mrd. Dollar.

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Glückskette sammelt

Spenden sind möglich auf das Postkonto 10-15000-6, Vermerk "Japan".

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swissinfo.ch


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