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"Helft mir, meine anderen Kinder müssen überleben!"

Flüchtlingsfrauen aus Somalia stehen in Dadaab Schlange für die Registrierung. Unicef

Dadaab wird für immer mehr Hungerflüchtlinge aus Somalia zum Ort der letzten Hoffnung. "Das Leid ist enorm, aber ich begegnete auch Zuversicht", sagt Unicef-Mitarbeiterin Alexandra Rosetti nach einem viertägigen Aufenthalt in der Flüchtlingsstadt.

Dieser Inhalt wurde am 14. August 2011 - 08:00 publiziert
swissinfo.ch

swissinfo.ch: Deza-Vizedirektor Toni Frisch hat die Lage in Dadaab als desolat bezeichnet. Wie haben Sie die Menschen dort angetroffen?

Alexandra Rosetti: Die Dimension des Leids und der Verzweiflung ist enorm, man kann sie in jedem einzelnen Gesicht ablesen.

Trotzdem bin ich immer wieder auch Zuversicht begegnet.

Ich habe eine Mutter von sieben Kindern getroffen, deren Jüngstes zwei Tage zuvor gestorben war. Sie war in Trauer, aber im Gespräch mit uns hat sie sogar gelächelt. Sie sagte, dass es jetzt darum gehe, dass ihre anderen Kinder am Leben bleiben.

Vor Ort erlebt man auch immer wieder Wunder, wenn Kinderleben gerettet werden können. 

swissinfo.ch: Dadaab platzt aus allen Nähten, und täglich kommen über 1000 neue Hungerflüchtlinge an. Können sie alle versorgt werden?

A.R.: Weil man Mühe hat, alle Ankommenden gleich zu versorgen, erhalten sie ein Starthilfepaket, bestehend aus Nahrung, einem Kochset, Planen, Decken und anderen Utensilien.

Diese Nothilfe reicht für drei Wochen, bis sie offiziell registriert sind. Kinder, die stark mangelernährt sind, werden sofort ins Spital gebracht.

swissinfo.ch: Dadaab zieht auch Kriminelle an, die in der Nacht Frauen und Mädchen vergewaltigen. Weshalb können nicht alle Frauen geschützt werden? 

A.R.: Das Camp ist derart weitläufig, dass sich Menschen auch in entlegenen Gebieten niederlassen. Es fehlt aber an genügend Polizei und Militär, um alle beschützen zu können.

Vergewaltigungen wurden nicht offen angesprochen, denn dafür kannten uns die Frauen zu wenig lange. Ihre Angst stand ihnen aber ins Gesicht geschrieben.

Ich habe mit einer Mutter gesprochen, deren Mann nach Somalia zurückgekehrt war, um ihre anderen Kinder zu holen. Sie berichtete, dass praktisch jede Nacht bewaffnete Banditen ins Lager kämen. Die Männer im Lager hätten sich zwar zusammen geschlossen, um die Frauen und Kinder zu beschützen. Das sei aber schwierig, weil sie unbewaffnet seien.

Man ist aber sehr bemüht zu schauen, in welchem Teil des Camps Frauen untergebracht werden können, die mit ihren Kindern allein sind.

swissinfo.ch: Was wissen Sie über die Lage der zurückgebliebenen Menschen in Somalia, wo ja insbesondere der Süden von Hunger betroffen ist? 

A.R.: Die Hungersnot hat sich schon über die letzten Jahre abgezeichnet. Jetzt ist die Lage aber so schlimm, dass die Menschen fliehen müssen. Zudem sind gewisse Gebiete umkämpft, wobei sich die Lage fast täglich ändern kann.

In Südsomalia leben die Menschen sehr weit verstreut. Viele Flüchtlinge, mit denen ich gesprochen habe, kommen aus so abgelegenen ländlichen Gebieten, dass sie keinen Zugang zu einer Stadt oder zu Dörfern hatten, in denen Gesundheitsdienste angeboten werden.

Mitarbeiter von Unicef Somalia versuchen mit mobilen Gesundheitsteams, auch in solche Gegenden zu gehen, wo nur zwei oder drei Familien leben. 

swissinfo.ch: Die internationale Gemeinschaft hat mehr als eine Milliarde Dollar Soforthilfe versprochen, aktuell ist aber erst etwa die Hälfte beisammen. Die afrikanischen Länder haben sich noch gar nicht zu einer Hilfsaktion entschliessen können. Weshalb geht die Hilfe so schleppend voran? 

A.R.: Das liegt zum einen an der Art der Katastrophe. Sie begann nicht mit einem grossen Knall, vielmehr entwickelte sich die Hungerkrise schleichend. Die UNO-Organisationen haben schon lange gewarnt, dass eine solche bevor steht, aber kein Gehör gefunden.

Es ist zwar traurig, dass die Hungersnot erst als solche deklariert werden musste, damit die Weltöffentlichkeit aufwacht. Jetzt aber ist sie aufgewacht, das können wir deutlich spüren.

Für die nächsten Monate werden enorme Summen benötigt. Aber wir möchten auch zeigen, dass es neben akuter Nothilfe auch um langfristige Hilfe geht. Nicht nur in Somalia, sondern in allen Ländern der Region.

swissinfo.ch: Längerfristige Wiederaufbauhilfe bestünde etwa in der Stärkung des Vieh- und Landwirtschaftssektors. Ist dies aufgrund der anhaltenden Dürre und des Bürgerkriegs überhaupt möglich? 

A.R.: Was es so schwierig macht, ist die seltene Kombination von Naturkatastrophe und politischen Konflikten, welche die ganze Region am Horn von Afrika betreffen, wo sowieso schon grosse Armut herrscht.

Langfristig müssen neben der Landwirtschaft auch die Wasserversorgung, die Gesundheit, der Schutz der Kinder und die Bildung gestärkt werden, damit es eine nachhaltige soziale Entwicklung geben kann.

swissinfo.ch: Unicef ist eine der wenigen Hilfsorganisationen, die seit mehr als 20 Jahren durchgehend in Somalia tätig war. Was braucht es dazu? 

A.R.: Dableiben heisst hartnäckig sein und sich durchsetzen. Gerade in einem politisch heiklen Umfeld muss man Standhaftigkeit zeigen, um zu einem Faktor zu werden.

Auch uns werden Hürden in den Weg gelegt. Aber nur wenn man präsent ist, kann man einerseits dringend benötigte Nothilfe leisten und andererseits eine Langfristperspektive verfolgen.

swissinfo.ch: Droht den Hungerflüchtlingen in Dadaab und Ostafrika dasselbe Schicksal wie den Erdbebenopfern in Haiti? Diese standen im Brennpunkt der Weltöffentlichkeit, nach Abzug der Kamerateams gerieten sie wieder in Vergessenheit?

A.R.: Das ist leider bei jeder Krisensituation zu befürchten. 

Man muss einerseits über die bereits geleistete Hilfe sprechen und zeigen, dass sie in die richtige Richtung wirkt. Andererseits zeigen wir gleichzeitig den erwähnten langfristigen Bedarf auf. Hier über mehrere Monate dran zu bleiben, ist eine grosse Herausforderung.

Hungersnot riesigen Ausmasses

In Somalia, Kenia, Äthiopien, Djibouti, Sudan und Uganda hungern rund 12 Millionen Menschen, knapp 2,5 Mio. davon sind Kinder.

Allein in Somalia leiden 3,7 Mio. Menschen an Hunger. 1,4 Mio. der 9,1 Mio. Bewohner sind auf der Flucht.

Ursachen sind die schlimmste Dürre seit 60 Jahren sowie bewaffnete Konflikte in Somalia, einem so genannten failed State (gescheiterter Staat).

Die internatinonale Gemeinschaft hat Hilfe über eine Mrd. Dollar zugesagt, zusammen gekommen ist aber erst rund die Hälfte.

Experten gehen davon aus, dass eine weitere Mrd. Dollar benötigt wird, um den Bedarf an akuter Nothilfe zu decken.

Mehrere Hunderttausend Dollar Hilfe sagten auch die Weltbank und das Welternährungs-Programm der UNO (WFP) zu.

Die UNO betreibt eine Luftbrücke nach Mogadischu zum Einfliegen von Überlebenshilfe. Der Luftkorridor soll auf andere Landesteile ausgeweitet werden.

Die islamistischen Shabaab-Milizen, welche die Verteilung von Hilfsgütern verhindert hatten, wurden aus der somalischen Hauptstadt vertrieben.

Sie kontrollieren aber nach wie vor weite Teile des Landes, auch den vom Hunger stark betroffenen Süden.

Die Halbierung des Welthungers bis 2015, eines der Millenniumziele, wird nicht erreicht werden.

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Alexandra Rosetti

Die Mitarbeiterin von Unicef Schweiz ist am Freitag von einem zweieinhalbwöchigen Aufenthalt als Unicef-Sonderkorrespondentin aus Kenia zurück gekehrt.

Im riesigen Flüchtlingscamp Dadaab machte sie sich ein Bild über das Ausmass der Hungerkatastrophe. 

In Nairobi, wo swissinfo.ch sie telefonisch erreichte, unterstützte sie danach die lokalen Kollegen der Unicef bei der Koordination der Hilfseinsätze und in der Öffentlichkeitsarbeit.

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