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Galileis Nachfahren in der Päpstlichen Akademie

Galileo Galilei 1632 vor dem Geschworenengericht im Vatikan. Er musste seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse verleugnen und kam mit dem Leben davon. 1992 wurde er rehabilitiert. (Stich vom Robert-Fleury Joseph Nicolas)

(zVg)

Die Päpstliche Akademie der Wissenschaften, ein hochkarätig besetzter Rat, unterstützt den Papst in naturwissenschaftlichen Fragen. Werner Arber, Molekularbiologe und Schweizer Nobelpreisträger, präsidiert den Rat als erster Reformierter.

Die Päpstliche Akademie der Wissenschaften hat 80 Mitglieder, Frauen und Männer, die nicht zwingend katholisch sein müssen. Ungefähr ein Drittel der Mitglieder der Akademie sind Nobelpreisträger.

Der Schweizer Werner Arber, der 1978 den Nobelpreis für Medizin erhielt, ist emeritierter Professor für Molekularbiologie an der Universität Basel und seit 30 Jahren Mitglied des Päpstlichen Gremiums. Seit drei Monaten ist er dessen Präsident.

swissinfo.ch: Sie sind Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Was macht man in dieser Funktion?

Werner Arber: Wir verfolgen den Fortschritt der Naturwissenschaften und überlegen uns, was dies für die Gesellschaft bedeutet. Periodisch informiere ich den Vatikan über unsere Erkenntnisse.

swissinfo.ch: Sie sind der erste Protestant, der Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften ist. Werden Sie anders behandelt als ein Katholik?

W.A.: Ich kann diese Frage nicht beantworten, ich habe keine Vergleichswerte. Vermutlich bin ich Präsident geworden, weil man gemerkt hat, dass ich ein Wissenschafter bin, der breites Interesse zeigt.

swissinfo.ch: Gibt der Papst vor, mit welchen Themen sich die Akademie befassen soll?

W.A.: Hin und wieder, eher selten, wird aus dem Vatikan ein Wunsch geäussert. Vor ein paar Jahren haben wir eine Tagung über den "Moment des Todes" veranstaltet. Ob jemand nach einem Herztod oder nach einem Hirntod tot ist, war die Frage. Dieses Thema wurde vom Papst gewünscht.

swissinfo.ch: Zu welcher Erkenntnis kam die Akademie?

W.A.: Nach Konsultation von Experten aus dem Medizinbereich sind wir zum Schluss gekommen, dass der Hirntod wichtiger ist als der Herztod. Nach einem Herztod kann man allenfalls reanimiert werden.

Doch ehrlicherweise mussten wir festhalten, dass man es auf die Sekunde genau nie sagen kann. Es gibt Menschen, die jahrelang im Koma sind. Von der Medizin her stellt sich die Frage, wann es ethisch verantwortbar ist, ein Organ zu entnehmen.

Der Vatikan interessierte sich ausserdem für die Frage, in welchem Moment die Seele aus dem Körper geht. Das konnten wir naturwissenschaftlich nicht beantworten.

swissinfo.ch: Die Päpstliche Akademie der Wissenschaften scheint also recht unabhängig vom Vatikan zu sein?

W.A.: Ja. Die Akademie behauptet, eine sehr lange Geschichte zu haben, man sagt, sie existiere seit über 400 Jahren, seit den Zeiten Galileo Galileis.

Da hat die Kirche den Naturwissenschaften gegenüber viel gesündigt. Der Vatikan ist sich dessen bewusst, Galilei wurde 1992 rehabilitiert.

swissinfo.ch: Wie gross ist der Einfluss der Akademie auf den Papst?

W.A.: Ich würde sagen, hin und wieder nimmt der Papst unsere Erkenntnisse auf, baut sie in sein Wissen ein, und seine Entscheide werden davon beeinflusst.

swissinfo.ch: Was verbindet den Papst mit den Naturwissenschaften?

W.A.: Es sind die Fragen: Was ist die Wirklichkeit? Das überlegen sich auch viele andere Menschen, ob religiös oder nicht. Was ist die Wahrheit? Woher komme ich? Wohin geht es in Zukunft? Also auch Evolutionsfragen: Was ist der Unterschied zwischen Leben und Nicht-Leben?

swissinfo.ch: Der Papst sieht hinter der Evolution einen Creator Spiritus, eine Kraft, welche die Evolution zielgerichtet geplant hat, Gott. Wie sehen Sie das?

W.A.: Die Naturwissenschaften können bis heute – was in hundert Jahren möglich ist, weiss ich nicht – nicht beweisen, ob Gott existiert oder nicht. Was auch immer Gott ist. Ich als Naturwissenschafter sehe keinen Urwillen, einen Menschen zu schaffen.

Ehrlicherweise muss man festhalten: Wir können viele Aussagen über die Wirklichkeit machen, aber auch ich als Evolutionsforscher kann nicht sagen, wie es zum ersten Lebewesen gekommen ist.

swissinfo.ch: Wie erklärt es die Naturwissenschaft?

W.A.: Die Naturwissenschaften nennen es Selbstorganisation. Wir können detaillierte Aussagen dazu machen, wie die Evolution heute funktioniert. Wir können über die Kosmische Evolution und über die Evolution des Lebens Aussagen machen.

Man weiss, wann unsere Sonne alle Energie verbraucht haben und keine Sonne mehr sein wird. Das ist ein Teil der natürlichen Evolution. Bis dann geht wohl das vielfältige Leben auf unserem Planeten weiter.

swissinfo.ch: Wie muss man das verstehen?

W.A.: Man muss definieren, was Leben ist. Die Definition der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa enthält zwei Kriterien für Leben: Erstens muss es sich selbst reproduzieren können, also Nachkommen haben, und zweitens muss die Population sich an neue Lebensbedingungen anpassen können, muss selbständig eine Evolution durchmachen.

Das ist auf unserem Planeten der Fall, das können alle Lebewesen. Ich gehe davon aus, dass dies eine gute Defintion von "Leben" ist.

swissinfo.ch: Was meinen die Päpste zu dieser weit gefassten Definition?

W.A.: 1995 hat Johannes Paul II in einer Audienz mit der Akademie bestätigt, dass man in Betracht ziehen müsse, dass das Leben eine Evolution durchmachen, sich an andere Bedingungen anpassen könne. Er hat nicht gesagt, es sei eine Tatsache, aber er hat gesagt, man müsse es in Betracht ziehen.

Papst Benedikt XVI hat bis jetzt noch nie etwas dagegen gesagt. Er hat sich aber auch nie vertieft damit auseinandergesetzt, soweit ich das mitbekommen habe.

Aus dem Umfeld des Papstes wurde mir gesagt, dass die katholische Kirche in der biologischen und in der kosmischen Evolution eine permanente Schöpfung sieht.

Seit einigen Jahren gibt es an den päpstlichen Universitäten ein Programm namens STOQ, science, theology and the ontologigcal quest (Wissenschaft, Theologie und die Frage nach der Wirklichkeit des Seins -AdR.). Ich bin dort in der Planungskommission.

STOQ veranstaltet Tagungen in Anwesenheit von Naturwissenschaftern, Theologen, Philosophen, Wissenschaftsphilosophen und Wissenschaftshistorikern und befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen naturwissenschaftlichen Kenntnissen, theologischen Doktrinen und der Wirklichkeit.

swissinfo.ch: Wird in diesem Programm auch über die Frage diskutiert, ob die Unterschiede, welche die katholische Kirche zwischen Männern und Frauen macht, gerechtfertigt sind?

W.A.: Es gibt sowohl bei der Akademie als auch in diesen Programmen Frauen. Ich weiss nicht, ob die Stellung der Frau in der Gesellschaft und in der Kirche bisher schon ein Thema war.

Beim STOQ Projekt werden – wie bei der Päpstlichen Akademie der Wissensschaften – naturwissenschaftliche Fragen abgehandelt, nicht sozialwissenschaftliche.

Über Werner Arber

Werner Arber wurde 1929 in Gränichen geboren. Er studierte von 1949 bis 1953 Chemie und Physik an der ETH Zürich. 1958 wurde er an der Universität Genf promoviert. Nach einem Forschungsaufenthalt in Los Angeles an der University of Southern California (USC) kehrte er von 1959 bis 1970 an die Universität Genf zurück, wo er 1965 eine Professur erhielt.

Seit 1971 lehrte und forschte Werner Arber als Ordinarius für Molekulare Mikrobiologie am Biozentrum der Universität Basel. 1978 erhielt er den Nobelpreis für Medizin.

Von 1986 bis 1988 war Arber Rektor der Universität Basel.

Er war jahrelang Mitglied und Vizepräsident des Schweizerischen Wissenschaftsrates und von 1996 bis 1999 Präsident des Internationalen Rates der Wissenschaften ICSU. 1996 wurde er emeritiert.

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Über die Päpstlichen Akademien

Die Päpstlichen Akademien sind Institutionen, mittels derer die römische Kurie, das heisst, die Leitungs- und Verwaltungsorgane des Vatikans am wissenschaftlichen und künstlerischen Leben teilnimmt.

Die Päpstliche Akademie der Wissenschaften (lat. Pontificia Academia Scientiarum) ist eine naturwissenschaftliche Akademie.

In ihrer heutigen Form wurde sie 1936 von Papst Pius XI. eingerichtet; sie sieht sich aber in der Tradition der Accademia dei Lincei, die auf das Jahr 1603 zurückgeht.

Ihr gehören 80 namhafte Wissenschafter, auch nicht-katholische, aus aller Welt an.

Werner Arber ist seit Anfang 2011 der erste nicht-katholische Präsident des Rates.

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