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Kampf ums Überleben Die vierte Sprache der Schweiz steht unter Druck



Dort, wo Rätoromanisch gesprochen wird, haben die Idiome Vorrang. Aber wie lange noch?

Dort, wo Rätoromanisch gesprochen wird, haben die Idiome Vorrang. Aber wie lange noch?

(Keystone)

"Steh auf, verteidige Romanisch, deine alte Sprache", lautet ein Slogan aus dem 19. Jahrhundert. Die Sprache gibt es bis heute, doch sie am Leben zu erhalten ist ein andauernder Kampf. Denn in der Region, wo Romanisch gesprochen wird, gibt es immer mehr Anderssprachige.

Das rätoromanische Sprachgebiet vermöge "Anderssprachige nicht genügend zu integrieren". Und diese Erkenntnis sei nicht neu, sondern "bedeutet, leider, Kontinuität", stand im jüngsten offiziellen Bericht zu dem Thema.

In der Analyse "Sprachenlandschaft in der Schweiz" von 2005, die auf Ergebnissen der Volkszählung 2000 fusste, verwies das Bundesamt für Statistik auf folgenden Kontrast: Während der Anteil der Deutsch, Französisch und Italienisch Sprechenden in der jeweiligen Sprachregion zunahm – dank der Integration von Immigranten, welche die lokale Sprache lernten, sank im Graubünden der Anteil von Romanisch Sprechenden, sogar in jenen Gebieten des Kantons, wo das Romanische noch weit verbreitet ist.

Der Primarschullehrer Andreas Urech ist im Dorf Samedan im Oberengadin, wo 18% der Bevölkerung aus 33 anderen Ländern kommen, zuständig für die Zweisprachigkeit. Er ist sich bewusst, dass die Situation seit dem Jahr 2000 nicht besser geworden ist.

Da bei der Arbeit meist Deutsch gesprochen werde, sei dies für Zuwanderer mit einer anderen Muttersprache normalerweise die Sprache der Integration, erklärte Urech gegenüber swissinfo.ch.

Das Erlernen einer neuen Sprache passiert jedoch überraschend pragmatisch. So wird auf Baustellen in Urechs Gebiet meist Italienisch gesprochen.

"Die Portugiesen sprechen es, und natürlich auch die Spanier. Doch während einer gewissen Zeit hatten wir viele Leute aus dem ehemaligen Jugoslawien, auch diese sprachen Italienisch, wenn sie auf dem Bau arbeiteten. Wie gutes Italienisch weiss ich nicht, aber es funktioniert sehr gut." 

Drängeln um Position 

Das Phänomen, dass eine Sprache in Graubünden eine andere verdrängt, ist nichts Neues. Das Rätoromanische hat sich aus dem Lateinischen entwickelt, das mit den Römern gekommen war – und die alte rätische Sprache verdrängt hatte, über die kaum etwas bekannt ist. Vor mehr als tausend Jahren nahmen Deutschsprachige mehr und mehr einflussreiche Positionen ein, und über die folgenden Jahrhunderte schrumpften die Gebiete, in denen Romanisch gesprochen wird, immer mehr.

Graubünden ist ein Kanton voller Berge und Tälern mit kleinen, verstreuten Dörfern. Wie es bei Sprachen in abgelegenen Gegenden typischerweise passiert, ist das Rätoromanische in eine Vielzahl von Dialekten zersplittert, die alle zu einer der fünf schriftlichen Varianten – Idiome – gehören.

Aber Berge bedeuten auch Pässe, und Pässe bedeuten auch Transitverkehr. Barbara Riedhauser arbeitet für die Lia Rumantscha, die Dachorganisation aller Romanischsprachigen, und bemüht sich um die Förderung von Sutsilvan, dem Idiom, das entlang der Route zum Splügenpass und nach Italien gesprochen wird.

In einigen Teilen seines ursprünglichen Kernlands wird Sutsilvan heute kaum noch gesprochen; im Tal, wo seine Verbreitung am stärksten ist, sprechen es noch rund 20% der Bevölkerung.

"Um Geld zu verdienen, mussten die Menschen die Sprachen ihrer Nachbarn verstehen. Vielleicht ist das der Grund für den Rückgang des Romanischen hier", erklärt Riedhauser gegenüber swissinfo.ch.

"Ich würde sagen, dass heute eine überwältigende Mehrheit der Romanischsprachigen besser Deutsch sprechen als Romanisch. Früher war das Romanische die Alltagssprache der Leute, aber heute sind sie in Anbetracht des Internets und anderer Medien derart stark mit der weiten Welt verbunden, dass sie über komplexere Themen viel mehr in Deutsch erfahren."

"In der Tat kann man alles, was man will, auf Romanisch sagen, doch wenn man es zum Beispiel mit dem Italienischen vergleicht, ist das Romanische klar vom Deutschen beeinflusst worden." 

Rückgang des Romanischen

Bis etwa 1850 war Romanisch im Kanton Graubünden die am meisten gesprochene Sprache. Seit 1880 haben Volkszählungen einen steten Anstieg der Anzahl und des Anteils der Deutsch Sprechenden aufgezeigt.

Im Jahr 2000 hatten nur noch 14,5% der Bevölkerung des Kantons Graubünden das Romanische als die Sprache bezeichnet, die sie am besten beherrschten (Hauptsprache). 68% gaben Deutsch als ihre Hauptsprache an, 10% Italienisch.

Mit dem Rückgang traditioneller Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und in ländlichem Handwerk sind viele Romanischsprachige weggezogen.

Der Tourismus hat sich zum wichtigsten Wirtschaftszweig entwickelt und bringt Aussenstehende permanent oder vorübergehend in die Region, die sich der modernen Welt geöffnet hat.

Deutschsprachige Medien sind weit verbreitet; mehr Nutzer bedeutet geringere Stückkosten. Und daher erhalten die Leute einen grossen Teil ihrer Unterhaltung und Information in erster Linie in deutscher Sprache.

Zum Rückgang des Romanischen beigetragen haben auch die Fragmentierung der Dialekte und das Fehlen einer einheitlichen Schriftsprache bis 1980.

Der Kanton Graubünden ist ein dreisprachiger Kanton mit den Amtssprachen Deutsch, Rätoromanisch und Italienisch.

Seit 1938 ist das Rätoromanische als Landessprache anerkannt.

Unter dem Sprachengesetz, das 2010 in Kraft trat, fördert die Eidgenossenschaft Massnahmen zur Förderung des Rätoromanischen und Italienischen.

Die Lia Rumantscha, die Dachorganisation aller Romanischsprachigen, setzt sich ein für die nachhaltige Förderung der rätoromanische Sprache und Kultur, unter anderem mit der Veröffentlichung von Lehrmaterial und Literatur, vor allem Kinderliteratur.

Die Amtssprachen des Bundes sind gemäss Sprachengesetz Deutsch, Französisch und Italienisch. Rätoromanisch ist Amtssprache im Verkehr mit Personen dieser Sprache.

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Druck von aussen 

Tatsächlich finden sich im Rätoromanischen viele erkennbar deutsche Wörter, aber das ist nichts Neues. Es gibt zwischen dem natürlichen linguistischen Prozess der Wortbildung, der eine Sprache bereichert, und der stetigen Verarmung eine feine Trennlinie. Zur Verarmung kommt es, wenn Leute, die ihre Muttersprache nicht perfekt beherrschen, zum ersten Wort greifen, das ihnen in den Sinn kommt, und dann letztlich eine Mischung aus Romanisch und Deutsch sprechen.

Urech räumt ein, dass ständig neue Germanismen in die gesprochene Sprache einflössen, und sich auch englische Wörter einschlichen. Er weist aber auch darauf hin, dass das schriftliche Ladin (zu dem sein lokaler Dialekt gehört) sich darum bemühe, das "echte" Romanisch zu erhalten.

Interessanterweise gab es eine Zeit, in der das schriftliche Ladin, eine traditionell auf ihre südlichen Nachbarn ausgerichtete Sprache, voller Italianismen war. In einem bewussten Effort wurden diese aber vor etwa 100 Jahren zu einem grossen Teil eliminiert.

Sursilvan, das Idiom, das noch am meisten gesprochen wird, hatte schon immer viel Kontakt zum Deutschen. Und das beeinflusste nicht nur den Wortschatz. 

"Das Sursilvan hat Strukturen, die mir in meinen Ohren weh tun, denn sie wurden aus dem Deutschen übernommen", erklärt der Ladin-Sprecher Urech. Doch heute seien diese "völlig normal und gar grammatikalisch korrekt".

Lehren und Lernen 

Schulen spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, eine Sprache am Leben zu erhalten. In einem Gebiet, in dem das Romanische aber nur von einer kleiner Minderheit gesprochen wird, wie in Samedan (etwa 16%), kann dies recht willkürlich sein, wie Urechs Erfahrung zeigt.

"Hat eine Klasse viele Kinder aus deutschsprachigen Familien, ist es anders, als mit einem grossen Anteil romanischsprachiger Kinder. Die Zusammensetzung der Klasse wirkt sich auf die Sprache aus, in der die Kinder miteinander kommunizieren. Da kann man nichts machen. Und die Kinder von Neuzuzügern folgen dem Trend."

Dies gelte auch für Kinder, deren Sprache zu Hause – Italienisch, Spanisch und "mehr und mehr" Portugiesisch – auf das Latein zurückgehe, und für die das Romanische grundsätzlich einfacher sei als das Deutsche.

Während die Kinder grundsätzlich dem Trend folgen, entscheiden sich einige Erwachsene bewusst dafür, Romanisch zu lernen. Doch im Gebiet des Sutsilvan hat es Riedhauser schwer, überhaupt eine Klasse zusammenzubringen.

In einer Anfängerklasse sind es selten mehr als sechs Personen, und viele geben, aus welchem Grund auch immer, nach dem ersten Jahr auf. Wer weitermachen will, muss dann manchmal warten, bis wieder genug Interessenten beieinander sind für eine Klasse.

Dennoch denkt Riedhauser, dass diese Leute einen Beitrag leisten, die Sprache lebendig zu erhalten. "Wenn sich jemand entscheidet, einen Kurs zu besuchen und dies allen erzählt, gibt das Romanisch-Sprachigen das Gefühl von: 'Ah, unsere Sprache und Kultur sind etwas Besonderes, das andere interessiert. Wir haben etwas, das sie nicht haben.' Und das ist wirklich gut."

Sursilvan, das von mehr Leuten gesprochen wird, hat viel weniger Probleme, Leute anzuziehen, welche die Sprache lernen wollen. Es sind vor allem Leute, die sich in der Gegend niedergelassen haben, die einen romanischsprachigen Partner, eine romanischsprachige Partnerin oder selber romanische Wurzeln haben.

Tessa Meuter, Englisch-Professorin in Winterthur, kaufte vor acht Jahren ein Haus in einem Dorf, in dem vor allem Romanisch gesprochen wird, und sie besuchte vier Jahre lang einen Sommerkurs in Sursilvan.

Sie weiss, dass sie nie wie eine Einheimische sprechen wird, aber die Sprachkurse veränderten ihr Verhältnis zu ihren Nachbarn. Diese waren interessiert zu hören, was sie jeden Tag gelernt hatte, manchmal Dinge, die sie selber gar nicht wussten. Und sie schätzen Meuters Aufwand.

Eine Frau brachte alte Pfarrei-Protokolle mit, damit sie einen Einblick in Probleme im Dorf erhielt und sehen konnte, wie diese gelöst worden waren. Eine andere Frau, mit der sie über die Namen von Früchten und Gemüsen sprach, stellte eine Reihe Rezepte zusammen, die sie dann ausprobieren konnte.

"Es ist sehr positiv. Früher war das Dorf für mich ein Ferienort. Seit ich angefangen habe, die Sprache zu lernen, habe ich wirklich das Gefühl, das es zu einem Zuhause geworden ist", erklärt sie.


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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