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Gold auf der Gabel

Golden Rice ist genmanipuliert und enthält Vitamin B und Eisen.

Die Verfechter dieser Errungenschaft sprechen von einem Meilenstein in der Geschichte der Gentechnik, die Gegner von falschen Versprechungen.

Der Zankapfel in diesem internationalen UNO-Reisjahr ist der Golden Rice, eine genmanipulierte Reissorte.

"Das ist geistiger Betrug!", erklärt Clément Tolusso, Pressesprecher der Westschweizer Sektion von Greenpeace.

"Man kann durchaus verschiedener Meinung sein. Gen-Reis ist unter Umständen eine gute Lösung", meint dagegen Rainer Holzinger, Mitarbeiter des Instituts für Pflanzenwissenschaften an der ETH Zürich.

Damit ist die Kontroverse zwischen den Befürwortern des Golden Rice und den Gegnern des genmanipulierten (GVO) Reises eröffnet.

Doch was ist Golden Rice eigentlich? Und was ist unter GVO zu verstehen?

Blitzbesuch im Labor

Um beim Thema GVO mitreden zu können, schlüpfen wir am besten in den weissen Kittel und statten dem Labor einen Besuch ab. Denn dort entsteht der GVO: ein gentechnisch veränderter Organismus, dessen Gene mit Hilfe biotechnischer Methoden verändert wurden.

Bei der Gentechnik werden die Gene einer bestimmten Art in den Chromosomensatz einer anderen Art eingebaut, um deren Eigenschaften zu verbessern. Ein solches Produkt ist auch der Golden Rice.

Vitamin A und Eisen

Im Jahr 2000 gelang es einer Forschergruppe der ETH Zürich, dem Reiskorn eine neue Eigenschaft einzupflanzen: die Fähigkeit, Provitamin A und Eisen zu produzieren.

Der Golden Rice ist somit ein Reis mit erhöhtem Nährgehalt, der – so hoffen seine Erfinder – im Kampf gegen die Mangelernährung einen wichtigen Platz einnehmen wird.

In den Drittweltländern, wo sich Millionen Menschen vorwiegend von Reis ernähren, ist der Vitamin-A- und der Eisenmangel ein schwerwiegendes Problem.

Diese für unsere Ernährung wichtigen Bestandteile müssen durch tierische Erzeugnisse, Früchte oder Gemüse zugeführt werden – Produkte, die in armen Ländern oft schwer zu finden oder nicht erschwinglich sind.

Das Fehlen dieser Spurenelemente kann zu Blutarmut, Augenschäden und einer Schwächung des Immunsystems führen und ist in den Entwicklungsländern mit ein Grund für die hohe Sterblichkeits- und Invaliditätsrate bei Frauen und Kindern.

Die Forscher glauben, dass mit "golden“ nicht nur die Farbe des Provitamin-A-Reises gemeint ist, sondern auch die Zukunft.

"Mit dem Golden Rice soll ein Produkt auf den Markt kommen, das diese Mangelerscheinungen wenigstens zum Teil verhindern kann“, erklärt Holzinger.

Nahrung für alle?

Liegt somit die Lösung für den Hunger dieser Welt auf dem Tisch? Keineswegs.

Die Fragen, die sich die Gegner des Golden Rice und der GVO generell stellen, weisen in eine andere Richtung.

"Der Hunger ist nicht in erster Linie darauf zurückzuführen, dass es nicht genug zu essen gibt. Das Problem ist vielmehr die Verfügbarkeit und die Lagerung der Lebensmittel“, erklärt der Vertreter von Greenpeace.

Ein Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftorganisation der Vereinten Nationen (FAO) über die Nahrungssicherheit bestätigt, dass der wahre Grund für Hunger und Mangelernährung in erster Linie in der Armut und im erschwerten Zugang zu den Lebensmitteln zu suchen ist. Probleme, für die genmanipulierte Lebensmittel keine Lösung bereithalten.

In Wirklichkeit werden mehr als genug Nahrungsmittel produziert – genug jedenfalls, um die ganze Menschheit zu sättigen.

Und das Gesetz?

In der Schweiz ist die Gesetzgebung in Bezug auf genmanipulierte Lebensmittel weniger rigoros als in der Europäischen Union (EU). Während in der EU Lebensmittel mit einem Gentech-Anteil von 0,9% auf der Verpackung deklariert werden müssen, liegt dieser Grenzwert in unserem Land bei 1%.

Können wir uns mit anderen Worten darauf verlassen, dass die Lebensmittel, die wir nach Hause tragen, höchstens ein kleines Prozentchen GVO enthalten? Mitnichten.

In der Schweiz sind aus gentechnisch veränderten Kulturen gewonnene Bestandteile wie Öl, Fett, Stärke oder Zucker in dieser Deklarationspflicht nicht inbegriffen.

Für den Verkauf von Stärke aus Gen-Mais, gentechnisch verändertem Sojaöl oder Rübenzucker braucht es in der Schweiz keinen Verpackungshinweis.

Geistiges Eigentum

Die rechtliche Diskussion über den Golden Rice betrifft auch das geistige Eigentum.

Gegner der Biotechnologie befürchten, dass die neuen Produkte die traditionellen Kulturen verdrängen werden.

Die auf dem Markt erhältlichen Gentech-Produkte sind reicher an Nährstoffen und resistenter im Anbau - und damit wettbewerbsfähiger als die natürlichen Produkte.

Die Rechte an den künstlich produzierten Erzeugnissen sind durch das Patentrecht geschützt. Zu den führenden Firmen auf diesem Gebiet gehören das Schweizer Unternehmen Syngenta und die US-Firma Monsanto.

Damit könnte der Golden Rice die Besitzverhältnisse drastisch verschieben – vom Gut der lokalen Dorfgemeinschaft zum geistigen Eigentum der Multis.

Kontroverse dauert an

Mit einer Reihe von Protestschreiben haben rund dreissig asiatische Nichtregierungs-Organisationen die "ungerechtfertigte Aneignung" an den Pranger gestellt.

Die Bauern der Dritten Welt, die von den Errungenschaften profitieren sollten, lehnen ein globalisiertes Agrarsystem, das ausschliesslich den internationalen Grossfirmen zugute kommt, kategorisch ab.

"Ein unhaltbarer Vorwurf!", kontern die Forscher. Ziel der GVO sei nicht die Schaffung von Monopolen. Es gehe keinesfalls darum, Traditionen auf den Kopf zu stellen oder den Bauern neue Anbaumethoden aufzuzwingen.

Die Kontroverse um gentechnisch veränderte Nahrungsmittel geht also weiter. Vielleicht wird die Gentechnik eines Tages auch in einem anderen Zusammenhang die Gemüter erhitzen.

Zum Beispiel auf dem Gebiet der Medizin: Für die Herstellung des Insulins zum Beispiel, das unzähligen Diabetikerinnen und Diabetikern ein normales Leben ermöglicht, wird das Genom von Schweinen verwendet. Der Biotechnik sei Dank.

swissinfo, Luigi Jorio
(Übertragung aus dem Italienischen: Maya Im Hof)

Fakten

Jedes Jahr sterben 1 bis 2 Millionen Kinder an den Folgen eines Vitamin-A-Mangels.
500'000 Kinder erblinden jedes Jahr aus demselben Grund.

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In Kürze

1991 ist es einem Forscherteam von Zürich und Freiburg im Breisgau gelungen, die Laborvariante einer japanischen Reissorte gentechnisch zu verändern.

Dazu pflanzten sie einem Reis-Genom Gene aus der Narzisse und einem Bakterium ein, um die Produktion von Betakaroten, einem Vorläufer von Vitamin A, zu erhöhen.

Im Jahr 2000 lagen die ersten gentechnisch veränderten Reisproben vor.

Der Golden Rice wird zurzeit in Versuchsbetrieben auf den Philippinen weitergezüchtet und gelangt voraussichtlich in 3 bis 4 Jahren auf den Markt.

In der Schweiz sind sieben GVO-Lebensmittel für den Verkauf zugelassen, darunter Mais und Soja.

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