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Gründungsmythen Mittelland-Pfahlbauer gegen Bergler Wilhelm Tell



"Die Pfahlbauerin" von Albert Anker. Der Künstler malte in den 1880er-Jahren mehrere Versionen dieses Gemäldes. Es illustriert das idyllische Bild, das man sich damals von diesen entfernten Vorfahren machte.

"Die Pfahlbauerin" von Albert Anker. Der Künstler malte in den 1880er-Jahren mehrere Versionen dieses Gemäldes. Es illustriert das idyllische Bild, das man sich damals von diesen entfernten Vorfahren machte.

Wer waren die ersten Schweizer? Mitte des 19. Jahrhunderts bringt ein neuer Schweizer Gründungsmythos Tell und den Rütlischwur ins Wanken: Die Pfahlbauer waren für die Eidgenossenschaft von 1848 die passenden Vorfahren. Auf Spurensuche mit einem Historiker.

Verherrlicht durch Schillers Klassiker, vergöttert durch Rossinis Oper, tritt Wilhelm Tell glorreich ein ins 19. Jahrhundert.

Doch 1854, sieben Jahre nach der Niederlage der katholischen Alpenkantone (Sonderbund) und sechs Jahre nach der Gründung des modernen Bundesstaats, versetzt ihm die Entdeckung des ersten Pfahlbauer-Dorfs am Zürichsee einen empfindlichen Schlag.

Mit den Pfahlbauern – heute ist bekannt, dass sie an den Ufern und nicht auf Plattformen auf dem Wasser lebten – entdeckt der junge Staat Ahnen, welche die noch offenen Wunden des Bürgerkriegs heilen könnten.

Der Archäologe und Historiker Marc-Antoine Kaeser, Direktor des grössten Schweizer Archäologiemuseums Laténium in Neuenburg, hat sich intensiv mit diesen parallelen Mythen beschäftigt.

swissinfo.ch: Vor den Pfahlbauern ist der grosse Gründungsmythos der Schweiz doch sicher Wilhelm Tell?

Marc-Antoine Kaeser: Tell, die drei Eidgenossen, Winkelried. Es gibt eine ganze Reihe von mittelalterlichen Geschichten, die sich für die Schweiz des "Ancien Régime" Anfang des 19. Jahrhunderts als Gründungsmythen eignen – Mythen im Plural.

Es ist dieses Freiheitsideal, die Idee, dass es eine quasi heilige Ethik gibt, die sich der Freiheit widmet, die über den Regeln der Macht steht. Die Schweizer sehen sich als natürlich autonome Menschen – und werden vom Ausland aus gesehen auch als solche wahrgenommen.

swissinfo.ch: Hat dieses Bergler-Ideal auch die Mittelland-Schweiz angesprochen?

M.-A.K.: Vor dem Sonderbundskrieg hat die Schweiz des Mittellandes noch gar nicht richtig bestanden. Im nationalen Verständnis stammten alle von den drei Eidgenossen der Waldstätte ab, und wer nicht in den Bergen lebte, sah diese zumindest am Horizont. Es gab daher kein Bewusstsein einer Mittelland-Schweiz, das jenem der Schweiz der Berge gegenübergestellt worden wäre.

Die Dinge ändern sich aber mit dem Sonderbundskrieg von 1847: Die Allianz der katholisch-konservativen, bäuerlichen Kantone, die meisten in der bergigen Zentralschweiz gelegen, kämpft gegen die protestantische, freisinnige und industrielle Schweiz des Mittellandes.

Seit diesem Zeitpunkt herrscht ein gewisses Malaise zwischen diesen beiden unterschiedlichen Teilen der Schweiz.

swissinfo.ch: Und dann wurden die Pfahlbauer entdeckt…

M.-A.K.: Nach dem Sonderbundskrieg gibt sich der neue Bundesstaat 1848 eine Verfassung. Man zwingt damit die unterlegenen Kantone, sich der Schweiz anzuschliessen. Das Land ist zerrissen.

Die Entdeckung der ersten Pfahlbauersiedlungen im Winter 1853-54 bietet eine neue Möglichkeit an für Diskussionen über die Identität. Neue Vorväter tauchen auf, die geeignet sind, als Vorväter der gesamten Schweiz hinhalten zu können.

Und da gibt es noch etwas: Das angehende 19. Jahrhundert ist die Epoche der grössten Verbreitung von mittelalterlichen Gründungsmythen, doch ist es auch jene Zeit, in der Wissenschafter erstmals diese Mythen kritisieren. Mit methodischen Mitteln können sie uns bewusst machen, dass diese Geschichten Legenden sind. Auch wenn sie funktionieren und uns begeistern können. Und das nervt ein wenig.

Dann betritt mit den Pfahlbauern eine neue Vergangenheit die Bühne, viel älter als alles, was man bis dahin kannte. Es ist jener Moment, in dem man die Frühgeschichte entdeckt. Und in der Schweiz treten die Pfahlbauer besonders charakteristisch auf, mit einer völlig unbekannten Siedlungsart. Man glaubt, eine homogene Zivilisation gefunden zu haben, die sich über das ganze Mittelland erstreckt haben soll.

Heute wissen wir, dass dies nicht der Fall war. Diese Form des Zusammenlebens gab es auch in umliegenden Regionen. Aber das wusste man damals noch nicht.

swissinfo.ch: Die Pfahlbauer haben Wilhelm Tell aber nicht "abschiessen" können…

M.-A.K.: Die beiden Mythen funktionieren seither nebeneinander. Der eine stört den anderen nicht. Klar ist der Tell-Mythos viel mächtiger, beliebter, bekannter als jener der Pfahlbauer. Aber es bleibt eine Tatsache: Der Pfahlbauer-Mythos war ein Ersatz-Mythos.

Der Pfahlbauer-Mythos kompensiert den übermässigen Bergcharakter von Tell und den drei Eidgenossen, die den neuen Bundesbehörden ab 1848 etwas störend werden. Denn alle Helden, auf die sich die Eidgenossenschaft bezieht, sind Helden der Berge – jener Region, in der sich das Zentrum des Widerstands gegen die neuen Werte der freisinnig-demokratischen Schweiz von '48 befindet. Plötzlich sind also die Pfahlbauer als Vorfahren politisch viel korrekter.

swissinfo.ch: Wer hat nach 160 Jahren den Wettstreit Pfahlbauer-Tell gewonnen?

M.-A.K.: Tell hat in der Phantasie gewonnen. Die Schweiz, die man sich vorstellt, die Touristen anlockt, ist jene von Wilhelm Tell. In der Realität aber haben die Pfahlbauer gewonnen. Die echte Schweiz, die man kennt, ist jene der Pfahlbauer. Es war auch jene Schweiz, die man an der Landesausstellung Expo.02 gefeiert hat [Sie war teils auf Plattformen im Wasser gebaut – AdR].

Diese Plattformen über der Wasseroberfläche sind eine Metapher für das Inseldasein der Schweiz. Man weiss, dass es sie in dieser Art nie gegeben hat, doch gibt es andere Elemente, die archäologisch belegbar sind: Man findet in den Pfahlbauersiedlungen zahlreiche Werkzeuge. Es waren also Menschen, die gearbeitet haben. Das ist auffällig, denn andernorts werden eher Waffen oder Kultobjekte gefunden.

Es brauchte auch den Willen zur Zusammenarbeit, um eine solche Plattform zu bauen. Die Idee der Solidarität. Zudem kannten diese Leute anscheinend keine soziale Hierarchie, weil alle Häuser fast gleich gross waren. Die Idee der Gleichheit. Schliesslich waren die Pfahlbauer auch freie Menschen und kannten Dank des Wassers die Hygiene…

Kurz, es gibt eine Menge von Qualitäten, die für die freisinnige Schweiz von 1848 als grosse Werte verwendet werden konnten – und die wir heute noch teilen.

Sonderbundskrieg

Im Europa des 19. Jahrhunderts stehen konservative Kräfte den aristokratischen und republikanisch liberalen Freisinnigen gegenüber.

In der Schweiz formieren sich 7 konservative Kantone 1845 zu einer Sonderallianz (Sonderbund), um die katholische Religion und die kantonale Souveränität zu bewahren.

Im Juli 1847 verlangt die Versammlung der Abgeordneten der Kantone (Tagsatzung) die Auflösung des Sonderbundes. Dieser reagiert mit der Mobilisierung seiner Truppen.

Der Krieg dauert vom 3. bis 29. November '47 und fordert über 100 Tote und gegen 500 Verletzte. Er endet mit dem Sieg der Truppen der republikanischen und reformierten Kantone unter General Guillaume-Henri Dufour (Guillaume heisst Wilhelm auf Französisch).

Nach dem Krieg, während ganz Europa von Revolutionen erschüttert wird, gibt sich die Schweiz eine Verfassung. Aus einem Staatenbund von Kantonen wird der moderne, republikanische Bundesstaat mit zentralem Parlament und Regierung (Bundesrat), welche die alte Tagsatzung ersetzen.

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Jeder seinen Mythos

Laut Anthropologen sind Mythen Geschichten aus der Vergangenheit, die unterschiedlich, manchmal sogar sich total widersprechend, interpretiert werden können.

Die Pfahlbauer stehen für ein eher reaktionäres Bild, das die Nostalgie der goldenen Zeiten einer unveränderlichen Ordnung kultiviert. In diesem Sinne wurden die meisten Bilder des 19. Jahrhunderts gemalt.

Doch es gibt auch jene, die in ihnen die Darstellung eines Fortschritts sehen. Dies namentlich aufgrund der von den Archäologen gefundenen Objekte.

Die Pfahlbauer arbeiteten und betrieben Handel mit der Aussenwelt. Man hat bei ihnen Produkte aus fast ganz Europa gefunden. Arbeit, Austausch, Handel entsprachen dem progressiv-liberalen Glaubenssatz der Epoche.

Wilhelm Tell, der Tyrannenmörder, wurde von den französischen Revolutionären von 1789 als Freiheitsheld gefeiert.

Doch auch Adolf Hitler bediente sich der Tellgeschichte, um seine politische Ideologie zu rechtfertigen. Zumindest bis im Juni 1941, als das Theaterstück von Schiller und die Oper von Rossini aus Angst vor Attentaten aus allen Theatern und Bibliotheken des Dritten Reichs verbannt wurden. Man befürchtete, sie könnten jemand zum Tyrannenmord anstiften.

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(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch


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